Den Ammenmärchen entgegen: Warum das Stillen so wichtig ist

„Ein Traumprodukt“

Nadine Klodwig (l.) und Rita Niehoff wollen das Thema Stillen auch in der Öffentlichkeit präsenter machen. Foto: Beims

Rotenburg - Von Ann-christin Beims. „Eltern stärken für das Stillen“ lautet das Motto der Weltstillwoche vom 30. September bis zum 6. Oktober. Ein sehr passendes, wie Hebamme Nadine Klodwig und Kinderkrankenschwester Rita Niehoff, Leiterin des Familienzentrums, aus dem Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg finden. „Das Thema ist wichtig und man kann es gar nicht oft genug publik machen“, sagt Niehoff. Aufklärung sei das, woran es in vielen Bereichen mangelt. Auch das Gesundheitssystem muss sich weiter ändern, machen beide im Gespräch deutlich.

Noch immer ranken sich viele Ammenmärchen um das Thema: Die Milch ist zu dünn, das Baby wird nicht satt. Wenn eine Mutter stillt, darf sie keinen Sport treiben. Babys werden verwöhnt, wenn sie zu häufig gestillt werden. Das sind nur einige Mythen, die sich hartnäckig halten, wissen Klodwig und Niehoff. Umso wichtiger sei es ihnen, damit aufzuräumen – und den Müttern, aber auch ihren Partnern, klar zu machen, wie wichtig es sei. Insbesondere in den ersten Lebensmonaten. So erhält das Neugeborene zum Beispiel mit dem Stillen direkt nach der Geburt bereits seine erste Impfung. „Das Kind sollte die Ernährung bekommen, die ihm naturgemäß bestimmt ist“, sagt Niehoff. Das „Fertigfutter“, wie sie es nennt, habe längst nicht alle Bestandteile der Muttermilch.

Auch werde der Geschmackssinn feiner. „Diese Vielfalt hat keine Fertignahrung, deswegen ist es meist leichter, ein Stillkind mit Beikost zu verwöhnen“, erklärt die Kinderkrankenschwester. Inzwischen werde Muttermilch sogar erfolgreich in der Medizin angewendet, beispielsweise in der Behandlung von Morbus Crohn. „Sie ist ein Traumprodukt – gut für die Augen- und Gehirnentwicklung, damit ernährte Kinder werden meist nicht so dick und wir konditionieren sie nicht auf Fertigprodukte“, ergänzt Niehoff. Müttern mit Schwangerschaftsdiabetes raten die beiden stets, ab der 37. Woche ihre Vormilch abzudrücken, die die Neugeborenen zusätzlich bekommen. „Darin sind wertvolle Stoffe für die Immunabwehr. Muttermilch stabilisiert den Blutzucker wesentlich besser als Fertignahrung“, so Niehoff. Das Risiko, selbst an Diabetes zu erkranken, ist geringer.

Weltweit könnten nur drei Prozent der Frauen aus körperlichen Gründen nicht stillen. Der Rest passiere im Kopf. „Vieles ist hausgemacht. Wir können beraten, entscheiden muss die Frau selber“, sagt Niehoff. Wenn eine Mutter nicht stillen möchte, kann dies viele Gründe haben, bis hin zu sexuellem Missbrauch. „Eine Barriere entsteht, sie können die Nähe nicht aushalten“, weiß Niehoff. Dann sei es besser „liebevoll eine Flasche zu geben, als ungern zu stillen“.

Die Vorteile werden erst seit den 70er-Jahren erforscht. Damals, als Mutter und Kind nach der Geburt im Krankenhaus getrennt worden sind, wurde nur alle vier Stunden gestillt. Nachts gar nicht, wenn nötig, gab es eine Flasche. „Aber nur für die zarten Kinder – die Dicken brauchten ja nichts“, erklärt Niehoff ironisch. Dadurch hatten die Frauen reihenweise zu wenig Milch. „Stillen ist eine Sache von Angebot und Nachfrage – wo keine Nachfrage, versiegt das Angebot.“ Die Folge: Mitte der 70er stillt kaum eine Frau in Deutschland. Bis heute sind es Wellenbewegungen, aktuell geht der Trend zum Stillen.

Die damalige Situation bot vielen Firmen Nährboden, ihre Ersatznahrung an die Familien zu bringen. Groß angelegte Werbeoffensiven priesen den Muttermilchersatz an – heute ist das durch den Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilch-Ersatzprodukten der Weltgesundheitsorganisation untersagt. „Das war damals eine moderne Bewegung, sie brachte den Frauen Unabhängigkeit“, berichtet Klodwig. Schnell sind Firmen auch in die Entwicklungsländer expandiert, insbesondere Afrika. „Dort hingen dann Plakate von schönen, weißen Babys mit dicken Bäckchen“, erzählt Niehoff. Viele Mütter stiegen auf die Flasche um, animiert durch die vermeintlich positiven Effekte – und Babys starben reihenweise an Unterernährung, Durchfall und Erbrechen. „Sie bekamen plötzlich nur noch weißes Wasser“, sagt Niehoff. Denn viele Mütter konnten sich das teure Milchpulver kaum leisten, streckten es mit Wasser – und die hygienischen Zustände bei der Zubereitung waren mitunter katastrophal.

„Man begann, sich zu fragen, warum das geschah“, erklärt Niehoff. 1973 musste sich der Konzern Nestlé vor Gericht behaupten. Der Vorwurf: Die Produkte würden mehr Kinder töten als retten. So begann eine intensive Forschung und man erkannte: Muttermilch enthält um die 300 Bestandteile für das Baby, künstliche Nahrung um die 60. „Jeder Tropfen Muttermilch enthält 4 000 lebende Zellen“, beschreibt Niehoff. Dennoch sei dies für die Industrie kein Grund gewesen, ihr Milliardengeschäft aufzugeben – in den Niederlanden habe man unter anderem versucht, Kühe mit Menschengenen zu klonen. „Da geht es nur ums Geld“, so Niehoff.

Ende der 70er-Jahre folgt die Gegenbewegung, Organisationen wie die „La Leche Liga“ – bereits 1956 in den USA gegründet – preisen die Vorteile des Stillens. Viel ist passiert seitdem, und doch: „Im Augenblick legt das Gesundheitsmanagement den Fokus zu sehr auf die Krankheit – nicht auf die Gesundheit“, kritisiert Niehoff. „Wir brauchen ein System, das mehr in Prävention investiert.“ Viel Wissen über Vorgänge wie das Abstillen sei „ganz weit weg“ – und werde in Arztpraxen mitunter ungenügend besprochen. Das größte Problem: Zeitmangel. „Wir brauchen mehr Zeit – sowohl auf Station als auch draußen“, wünscht sich Niehoff. Denn jeder Besuch ist unterschiedlich – einige Mütter brauchen mehr Unterstützung als andere. „Wir krempeln die Ärmel hoch und gucken nicht auf die Uhr, sondern auf Mutter und Kind“, ergänzt Klodwig. Wieviel Zeit sie pro Mutter aufwendet, weiß sie nicht immer. Auch die Nachwuchsprobleme sind allgegenwärtig. Hinzu kommt: Die Nachsorge ist insbesondere im ländlichen Raum nicht immer gesichert. „Da gibt es Mängel“, so Klodwig. Daher hat das Diakonieklinikum die Still-Ambulanz eingerichtet, bei der sich Mütter Rat holen können.

Beide sagen: Aufklärung in der Schwangerschaft reiche nicht. „Das muss in der Stillgruppe, im Kindergarten, anfangen. Für Erwachsene muss es selbstverständlich sein, dass Kinder gestillt werden – auch in der Öffentlichkeit“, so Niehoff. „Es guckt ja auch keiner schräg, wenn ein Kind mit der Flasche gefüttert wird“, wirft Klodwig ein. Niehoff erinnert sich an ein Treffen einer Stillgruppe in Scheeßel: „Da haben die Kinder das übertragen und nicht nur ihre Puppen, sondern sogar Autos gestillt – es musste Benzin in den Tank“, sagt sie amüsiert. „Das war für sie selbstverständlich – und das muss weitergeführt werden.“

Weltstilltag: Fotos, Führungen und ein Flohmarkt

Während der Weltstillwoche soll auf den Schutz, die Förderung und die Unterstützung des Stillens aufmerksam gemacht werden. Daran beteiligt sich das Familienzentrum im Diakonieklinikum Rotenburg. Am Dienstag, 1. Oktober, gibt es im Buhrfeindsaal ein Programm mit Vorträgen und Informationen rund um das Motto „Eltern stärken für das Stillen“. Neben einem Flohmarkt warten unter anderem Vorträge von Experten um die Themen Stillen sowie „Eltern werden – Eltern sein“, außerdem Informationsstände, Führungen durch den Kreißsaal und über die Wochenstation. Kerstin Haase fotografiert Besucher kostenlos vor Ort. Der Eintritt ist zu der Veranstaltung ist frei.

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