Kinderhilfe Kenia verlegt ihre Benefizlesung in den Wachtelhof-Garten

Ein Stück kulturelle Normalität

Christian Schliehe alias Heinz Erhardt genoss sichtlich den Kontakt zum Publikum.
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Christian Schliehe alias Heinz Erhardt genoss sichtlich den Kontakt zum Publikum.

Rotenburg – Petrus muss einen Sinn für Humor haben – anders war der blaue Himmel über dem Wachtelhof für die Zeit der Heinz-Erhardt-Lesung im Garten des Gourmettempels nicht zu erklären, kurz bevor sich am frühen Sonntagabend nach dem letzten „Noch-n Gedicht“ die Schleusen wieder öffnen sollten. Da hatten die Besucher der coronagerecht für Pärchen, Familien und Gruppen aufgebauten Sitze bereits zwei Stunden Wortergüsse, verdrehte Redensarten, Lautmalereien und Lieder unter freiem Himmel genossen. Und nicht nur ihnen merkte man die Dankbarkeit für ein Stück kultureller Normalität an – auch der Bremer Schauspieler Christian Schliehe, zum dritten Mal für die Benefizveranstaltung der Kenia-Hilfe in Rotenburg, wuchs beim ersten Live-Auftritt seit März mit viel Spielfreude sichtlich über sich hinaus.

Nach der musikalischen Einstimmung durch zwei Mitglieder der angekündigten vierköpfigen Scheeßeler Geigerfamilie Schmidt auf dem Programm: eine Hommage an den Meister der Wortspiele, Gedichte und Lieder, meist mit Clou am Schluss – aber trägt das zwei Stunden lang?

Die Antwort geben die Zuschauer zumeist im reiferen Alter mit ihrem Applaus selbst. Und das liegt nicht nur daran, dass viele der inzwischen geflügelten Worte des humoristischen Altmeisters, seine frechen Wortspiele und Gedichte aus dem Tierreich, auch heute noch allgemeingültig und zeitlos daher kommen – von Zeitbezügen wie Wirtschaftswunder, Frolleins und Groschen mal abgesehen. Sondern auch an Akteur Schliehe, der das Vorbild späterer Komikergenerationen von Willy Astor bis Otto Waalkes abgesehen von seiner ungleich schlankeren Statur perfekt in Mimik, Gestik und Diktion wieder auferstehen ließ.

„Der ist ziemlich nah dran am Original“, war Zuschauerin Karin Kühnrich aus Hesedorf begeistert, „da stimmt einfach alles – aber auch die Location, gerade richtig für einen entspannten Sonntagnachmittag“. Erika Gerken, die Schliehe ebenfalls zum ersten Mal erlebte, gefielen besonders die Übergänge: „Das ist nicht einfach so aneinandergereiht, sondern mit vielen Bezügen – das passt“, so die Rotenburgerin, die mit ihrem Kegelclub zusammensitzen durfte.

„Die Leute sind hungrig“ – das haben nicht nur die Organisatoren festgestellt, die laut dem ersten Vorsitzenden der Kinderhilfe Kenia, Ingo Reimann, noch weit mehr als die laut Sicherheitskonzept zugelassenen 150 Tickets hätten verkaufen können, sondern auch der Mann auf der Bühne. Zunächst habe er sich an das Open-Air-Format gewöhnen müssen, „durch den Abstand dringt weniger Energie, weniger Applaus zu einem durch“. Das werde jedoch durch einen Blick in die Gesichter wettgemacht: „Man sieht das Lächeln, ein Strahlen in den Augen.“

In der aktuellen Situation sei das die beste Alternative. Für die Kinderhilfe Kenia ist dies – neben dem alljährlichen werbeträchtigen Afrika-Tag am Weichelsee – zumindest finanziell die größte Veranstaltung des Jahres, die in der Regel einen vierstelligen Betrag in die Kasse des gemeinnützigen Vereins spült. Das Konzept der Verlegung der ursprünglich für Mai geplanten Veranstaltung nach draußen ging auf, und so mancher sprach begeistert die Verse von der Made, der polyglotten Katze oder den sauren Zitronen mit oder johlte bei der körperbetonten Einlage als „Mann der Striptease-Susi“.

Jenseits des gepflegten Nonsens zeigte Theaterschiff-Akteur Schliehe jedoch auch die nachdenklichen Seiten Erhardts. Dessen in der Adenauer-Zeit verfasste Betrachtungen in „Flecke“ über den Umgang Amerikas mit Farbigen und Deutschlands historische Sünden, die auch das „Handtuch des Vergessens“ nicht tilgen kann, bargen eine fast erschreckende Aktualität.  hey

Annabel (r.) und Anita Schmidt stimmten mit Geigenduos

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