Michael Dörner übernimmt das Zepter

Kunstverein: Peter Mokrus gibt Vorsitz ab

Mehrere Stücke vom Bremer Künstler Amir Omerovic nennt Peter Mokrus sein eigen – das kleine Werke eines Menschen zwischen Stangen erinnert nicht nur zufällig an die „Meinungsfreiheit“ vor dem Pressehaus, es ist derselbe Künstler.
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Mehrere Stücke vom Bremer Künstler Amir Omerovic nennt Peter Mokrus sein eigen – das kleine Werke eines Menschen zwischen Stangen erinnert nicht nur zufällig an die „Meinungsfreiheit“ vor dem Pressehaus, es ist derselbe Künstler.

Rotenburg – Ein Christstollen steht auf dem Tisch, und Peter Mokrus gießt dampfenden Tee in hübsche kleine Porzellantassen. Während es draußen kalt und ungemütlich ist, verbreiten drinnen Kerzen warme Stimmung. Es ist das perfekte Ambiente für Geschichten. Und von denen hat Mokrus, der den Rotenburger Kunstverein 1988 mit gegründet hat und 27 Jahre Vorsitzender war, einige auf Lager. Doch die Zeit als Vorsitzender ist für Mokrus nun vorbei, er hat das Zepter an seinen Nachfolger Michael Dörner übergeben.

Dörner, Professor an der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg, ist seit einigen Jahren im Kunstbeirat aktiv und hat bereits verschiedene Kunstprojekte in Rotenburg initiiert. Mit ihm erhofft sich Mokrus einen „neuen Schwung“ für den Verein, er sprühe vor Ideen und habe „sicher neue Ansätze“. Wie so viele andere auch, kennen die Kunstfreunde das Thema Überalterung nur zu gut. „Der Nachwuchs fehlt, das ist fast unmöglich“, weiß Mokrus. Der Altersdurchschnitt liegt bei über 60 Jahren. Der 74-Jährige wollte eigentlich schon zu seinem 70. Geburtstag den Vorsitz weitergeben – aber unter den gut 120 Mitgliedern fand sich kein Nachfolger. Dem Rotenburger war es wichtig, jemanden zu finden „der das mit Liebe und Engagement macht“.

Mokrus sitzt in seinem Wohnzimmer am Esstisch. Es ist der Ort, an dem damals alles begonnen hat, erinnert er sich. Nur der Tisch war ein anderer. Der gelernte Bankkaufmann verbrachte sein Berufsleben bei der Sparkasse, eine Zeit, die ihn zum Kunstinteressierten machte. „Das ist ein Ausgleich zum zahlenbasierten Beruf“, sagt er und schmunzelt.

1987 ist der gebürtige Hannoveraner nach Rotenburg gekommen, doch in Sachen Kunst war damals in der Kreisstadt nichts los. Zusammen mit einem Lehrer hat Mokrus dann ein Projekt unter dem Motto „Kunst im Schaufenster“ initiiert. Sie konnten viele Gewerbetreibende zum Mitmachen überreden. Auf Dauer wäre das allerdings ein zu großer Aufwand gewesen, da kam ihnen die Idee zur Gründung eines Vereins. „Damals gab es eine große Euphorie in Sachen Kunst“, erklärt Mokrus, eine „Aufbruchstimmung“ nennt er es. In relativ kurzer Zeit hatte der Verein bereits mehr als 100 Mitglieder, wuchs zwischenzeitlich auf bis zu 180 an. „Der größte Kunstverein zwischen Hamburg und Bremen“, meint der 74-Jährige.

Den Vorsitz übernahm zunächst Dieter Bierbaum für sechs Jahre – ohne, dass er es wusste. Denn Bierbaum befand sich bei der Vereinsgründung im Skiurlaub. „Seine Frau meinte damals, das macht er schon“, berichtet Mokrus amüsiert. Danach übernahm Mokrus. Bevor der Verein sein Domizil im Kunstturm, dem ehemaligen Schlauchturm der Rotenburger Feuerwehr, fand, gab es Ausstellungen im Ratssaal. „Nicht immer zur Freude aller Ratsmitglieder, die mussten dann nämlich teils in die Ortschaften ausweichen für Sitzungen.“ Als klar war, dass die Feuerwehr umzieht und die Gebäude abgerissen werden, ging es auch um die Frage, ob der Schlauchturm verschwindet.

Doch sei es zu schade darum gewesen, und der Kunstverein bekam die Anfrage, ob er sich vorstellen könnte, das Gebäude zu übernehmen. Erstmal habe ihn der Gedanke abgeschreckt, gibt Mokrus zu. Unter dem Dach nisteten Tauben, ihr Dreck war überall auf dem Fußboden, die Fenster waren kaputt – aber das Potenzial war da. Also gab es neue Fenster, ein neues Dach, nur das Treppenhaus ist geblieben. „Viele Firmen haben uns dabei unterstützt“, erinnert sich der 74-Jährige dankbar. Dennoch musste der Verein einen Kredit für die Sanierung aufnehmen, den er aber schnell habe abzahlen können. „Der Turm ist ein Alleinstellungsmerkmal“, meint Mokrus heute.

Ein besonderer Ausstellungsort, das haben auch die Künstler für sich entdeckt. Anfragen gebe es immer genug. Auch, wenn es eine Herausforderung sein kann, seine Bilder aufzuhängen und Werke zu platzieren bei 122 Stufen. Auch aus dem Ausland gibt es Anfragen – Nord- und Südamerika, China, Italien, Polen oder Großbritannien. Ein Ausstellerbrüderpaar sei besonders spektakulär gewesen, so Mokrus. Die chinesischen Zhou-Brothers. „Die sind mittlerweile weltberühmt und leben in den USA.“ Auch in Rotenburg haben sie ausgestellt und in dieser Zeit auf dem Pferdemarkt aus einem Holzstamm ein weiteres Kunstwerk angefertigt. Mit Kettensägen und Äxten, was des Öfteren den Leiter des Ordnungsamtes auf den Platz rief. Sie haben das Werk „City-Angel of Rotenburg“ getauft, doch die Stadt wollte es nicht behalten. So landete es zunächst in Frankfurt und hat heute – mit Bronze überzogen – seinen Platz vor dem Gebäude der amerikanischen Zeitung Chicago Tribune gefunden.

Mindestens vier Ausstellungen haben sie – vor der Pandemie – pro Jahr organisiert. Eines fällt aber auf: „Das Interesse der Bevölkerung für die Kunst ist nicht mehr so ausgeprägt wie vor 30 Jahren.“ Der Verein geht neue Wege, versucht, schon Schüler durch Projekte zu gewinnen. Trotzdem: „Das ist ganz schwierig.“ Dabei gibt es viele verschiedene Ausstellungen, wo für jeden etwas dabei sein dürfte. Die Kunst hat sich gewandelt, dem tragen die Aussteller Rechnung. Nur eins bleibt gleich: „Unsere Priorität war es immer, eine hohe Qualität anzubieten“, so Mokrus. Will heißen: Wer im Kunstturm ausstellen möchte, hat Kunst studiert und ist freischaffender Künstler, lebt davon. Und genau das können sie eben nur, wenn sie Ausstellungen machen können und dort verkaufen. Der Kunstverein bietet ihnen dafür die Plattform. „Wir unterstützen die Künstler. Und Rotenburg hat dadurch ein erhebliches Maß an Kunst bekommen.“ Und schon hoheitlichen Besuch: Bei der Ausstellung einer äthiopischen Künstlerin kam ein Prinz zur Eröffnung. Zum Abschluss gab es eine traditionelle Tee-Zeremonie. Auch ein geflohener chinesischer Fotograf stellte bereits aus, der in seiner Heimat aufgrund seiner Fotos nicht mehr sicher war.

Die immer wieder aufs Neue spannende Zusammenarbeit mit den Künstlern, sie macht den Posten für Mokrus so einzigartig. Dass dieses Maß an Kunst der Wümmestadt erhalten bleibt und der Kunstverein nicht aus Nachwuchsmangel irgendwann die Türen des Kunstturms vielleicht einmal nicht nur pandemiebedingt schließen muss, das ist jetzt eines der Themen für Dörner.

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