MEIN BUCH UND ICH Der Rotenburger Mohsen Ramezani erzählt seine Geschichte

Ein Iraner und sein Weg zur Freiheit

Mohsen Ramezani auf seinem Rennrad.
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In seiner Heimat Iran war Mohsen Ramezani Teil der Radsport-Nationalmannschaft. In Deutschland hat er auch schon an Wettbewerben teilgenommen.

Es ist ein spannender, aber kein immer leichter Weg, den der erst 34-jährige Mohsen Ramezani hinter sich hat. Viele besondere, aber auch schlimme Ereignisse prägen seine Biografie. Und von diesen möchte er jetzt berichten.

  • Iraner schreibt ein Buch über sein bisheriges Leben.
  • Mohsen Ramezani berichtet über seinen Weg in die Freiheit.
  • In seiner Heimat war er Radrennprofi im Nationalteam.

Rotenburg – Entspannt und mit einem sanften Lächeln im Gesicht sitzt Mohsen Ramezani im Wohnzimmer von Uta Bruns. Seit zwei Jahren hilft sie dem Iraner, sich in seiner neuen Heimat Rotenburg zurechtzufinden. Mit großem Erfolg: „Sein Deutsch ist so gut, wir können uns schon schmutzige Witze erzählen“, sagt sie und lacht. Kein Wunder, der 34-Jährige, der im Iran als Profi-Radrennsportler in der Nationalmannschaft gefahren ist, zeigt beim Deutschlernen sportlichen Ehrgeiz. Nur, um seine Geschichte ins Deutsche zu übersetzen, hapert es noch etwas. Auf Persisch hat er sie bereits aufgeschrieben – und sie enthält auch den Grund für den Entschluss, seine Heimat und damit seine Familie zu verlassen.

Wo er anfangs an „vielleicht 20 000 Worte“ gedacht habe, sind es nun mehr als 100 000. Einen Titel hat sein Buch noch nicht – zumindest keinen, den er schon offiziell verkünden möchte –, aber Ramezani hat einiges zu erzählen. Seine Geschichte besteht aus vielen kleinen Geschichten. Einige belasten ihn noch immer, dennoch möchte er offen darüber sprechen, was er im Iran erlebt hat: Verhaftung, keine Religionsfreiheit, Schüsse auf Demonstranten. Es sind bittere Erinnerungen.

Aber es gibt auch die schönen Momente, die er mit seiner größten Leidenschaft verbindet: dem Radfahren. Im Iran hatte es Ramezani bis ins Nationalteam geschafft, viele Reisen ins Ausland unternommen: Malaysia, Indonesien, China, Schweiz und Frankreich. Er verdient gut, ist erfolgreich. Und doch: Richtig glücklich ist er nicht. Als er schließlich 2018 in Griechenland ist, zieht er die Notbremse – gemeinsam mit seiner Frau reist er nach Deutschland. Nur zwei Rucksäcke haben sie bei sich.

Unter den Top Drei, aber nicht frei

Ramezani wollte nicht mehr lügen, sich nicht mehr verstecken. In Deutschland darf er sein, wie er ist: Der 34-Jährige ist Christ – und hatte immer Angst, wie andere Menschen reagieren. Seine Familie, alle Moslems, akzeptiert die Entscheidung, aber durch den Religionswechsel könnte er mit dem Tod bestraft werden. Als herzlich und freundlich beschreibt er seine Eltern. Dennoch: „Ich war das schwarze Schaf.“ Ihm war früh klar, dass er anders ist, vor allem in seiner Denkweise. Seine Eltern sind Lehrer, ihr Sohn sollte „etwas Vernünftiges lernen“. Studieren. Seine eine Schwester ist Lehrerin, die andere und der Bruder sind Doktoranden. Doch Ramezani war früh klar: Seine Leidenschaft ist das Radfahren.

Heimlich sei er ab 14 Jahren nach der Schule zum Training gegangen. „Mein Vater wollte das nicht, aber ich wusste, dass ich das schaffen kann.“ Entsprechend habe es oft Streit gegeben. Als er aber ein Rennen gewinnt und dieses im Fernsehen übertragen wird, sei sein Vater „sehr stolz gewesen“. Später engagiert er sich in der Bergrettung, rettet Menschenleben. „Diese zwei Jahre waren die beste Zeit meines Lebens – darauf bin ich stolzer als auf jede Medaille“, sagt er. Ein Studium nimmt er dann trotzdem auf, macht seinen Bachelor in Sportwissenschaft. Dabei lernt er seine heutige Frau kennen. Ramezani beginnt anschließend seinen Master in Sportpsychologie. Abschließen kann er diesen aber nicht mehr.

Der Iraner ist zu seinen Hochzeiten unter den Top Drei seines Landes, acht Jahre im Profisport, hat gute Verträge mit Sponsoren. Aber er lernt die Kehrseite der Medaille kennen: Als er – nach Ansicht der Sicherheitsleute – einmal zu lange mit Israelis während eines Wettbewerbs spricht, bekommt er zurück im Iran die Quittung: Er wird verhaftet und weiß zunächst nicht einmal, warum. Er fühlt sich beobachtet, „darf keine Fehler machen“, nicht sagen, was er möchte. Freiheit ist das nicht. Während einer anderen Reise sieht er ein achtjähriges Kind, das „etwas wie einen Fisch aus einer Pfütze mit schmutzigem Wasser packte“. Er fragt es, was es damit vorhat – es sei das Abendessen für seine Familie. „Ich sah auch Frauen, die aus Armut in den Wasserlöchern entlang der Straße duschten“, erinnert er sich.

Das sind teilweise krasse Erlebnisse, im Iran soll niemand in Gefahr kommen dadurch.

Mohsen Ramezani

Ein anderes Mal ist er bei einer Demonstration gegen die Regierung, für die Freiheit. „Das hat mir zugesetzt, als ich das aufgeschrieben habe“, meint er. Er muss mit ansehen, wie ein Demonstrant erschossen wird, viele werden verletzt. „Das ist nicht einfach.“ Es sind aber Erlebnisse wie diese, die er teilen möchte. Jeder Geflüchtete hat seine ganz eigene Geschichte, Gründe, warum er seine Heimat hinter sich lässt. Ramezani hat viel aufgegeben für seine Freiheit, kann seine Familie seit Jahren nur über Videotelefonate sehen. Aber es ist wichtig, sagt er, dass so etwas geteilt wird. „Gerade in Coronazeiten, wo wir alle mehr Freiheiten wollen, sollten wir auch an den tieferen Sinn von Freiheit, von Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit, aber auch an Armut denken.“

Zur Sicherheit hat er einige Namen im Buch verändert – „das sind teilweise krasse Erlebnisse, im Iran soll niemand in Gefahr kommen dadurch“. Und er mischt kulturelle Aspekte ein, vergleicht die deutsche und die iranische Kultur. „Ich liebe es, im Deutschen direkt sein zu können – das existiert in unserer Kultur fast gar nicht.“ Dafür seien deutsche Begegnungen manchmal deutlich kühler als in seiner Heimat.

Der 34-Jährige vermisst auch den Radsport, hat sich aber in Deutschland bereits den Weg geebnet: Er ist als Mitglied der RSG Nordheide erste Rennen gefahren. Und dank eines Sponsors hat er das passende Fahrrad. „Aber es ist nicht wie im Iran, hier habe ich bei Null angefangen“, erzählt er. Doch er beißt sich durch: Training, Deutschkurse, dazu findet er Arbeit und macht innerhalb eines Monats den deutschen Führerschein – den iranischen habe er nur ein halbes Jahr nutzen dürfen. „Ich habe zwölf Stunden am Tag geübt, um das zu schaffen“, erinnert er sich. Podcasts, Zeitungen lesen, Videos gucken. „Aufgeben ist keine Option – und vielleicht inspiriert das auch andere, die Deutsch lernen, dass sie es schaffen können.“

Jetzt sucht er einen neuen Job. Sein Traum wäre es, Sportlehrer zu werden – dafür müsste sein Deutsch aber noch um einiges besser werden, da ist er realistisch. Aber es gibt einen zweiten Wunsch, den er sich nun versucht zu erfüllen: Er möchte zur Feuerwehr. Alles in allem, sagt er, sind er und seine Frau gut angekommen – sie haben Freunde gefunden, in Bruns sogar eine, mit der er die Leidenschaft für den Radsport teilt und sich etwas aufgebaut. In Freiheit.

Übersetzung

Wer Persisch und Deutsch spricht und Ramezani dabei helfen möchte, sein Buch zu übersetzen, kann per E-Mail an Mohsen_ramezani_alavi@yahoo.com mit ihm Kontakt aufnehmen.

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