Ein Heim, zwei Impfstoffe

Impfstart mit Geschmäckle im Rotenburger Haus am Bahnhof

Nu geiht dat los: Heimbewohnerin Margot Michaelis erhält ihre erste von zwei Impfdosen. „Hat gar nicht weh getan“, sagt die 89-Jährige.
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Nu geiht dat los: Heimbewohnerin Margot Michaelis erhält ihre erste von zwei Impfdosen. „Hat gar nicht weh getan“, sagt die 89-Jährige.

Rotenburg – Donnerstagmorgen, kurz nach halb zehn. Im Haus am Bahnhof klopft es nach und nach an den Türen. Das Impfteam um Andreas Geldbach, Landarzt aus Oerel, hat sich auf den Weg gemacht. Hinter einer Tür sitzt Margot Michaelis erwartungsvoll in ihrem Zimmer. 89 Jahre ist die Verdenerin alt. Seit Januar 2020 lebt sie in der Rotenburger Pflegeeinrichtung.

Heute bekommt die Seniorin ihre erste Dosis vom Serum gespritzt, eine von Biontech. Nicht allen steht heute auch der gleiche Impfstoff zur Verfügung. Jeder, der unter 65 ist, neben ein paar Heimbewohnern fällt auch das komplette Pflegeteam in diese Gruppe, bekommt Astrazeneca, die etwas günstigere Variante, verabreicht.

Immenser Arbeitsaufwand

Erst seit einer Woche steht fest: das Impfteam kommt. Nach wochenlangem Warten. Endlich. „Kreisweit gehören wir tatsächlich zu den letzten fünf Heimen, in denen noch nicht geimpft wurde“, sagt Petra Gallo von der Heimverwaltung. Auf Biontech, und zwar nur auf Biontech, habe man sich eigentlich im Haus eingestellt. Entsprechende Aufklärungsbögen habe sie an die Angehörigen schon im Dezember verschickt, im Januar wegen Änderungen erneut. „Aber erstens kommt es wieder anders und zweitens als man denkt“, seufzt Gallo, gäbe es seit Anfang der Woche doch eine neue Verordnung, wonach in Alten- und Pflegeheimen auf einmal nun auch der Stoff des britischen Pharmakonzerns verimpft werden darf – die Altersgrenze vorausgesetzt. Kurzerhand habe sie erneut ein Anschreiben aufsetzen müssen. „Da steckt für uns schon ein immenser Arbeitsaufwand hinter,“ sagt sie, „auch, was die ganze Impf-Vorbereitung betrifft.“

Und der würde sich jetzt, da in ihrer Einrichtung nun zwei unterschiedliche Impfstoffe zum Einsatz kämen, auch noch bis Ende April hinziehen. „Denn anders als beim Biontech erfolgt beim Astrazeneca die Zweitimpfung ja nicht nach drei, sondern erst nach neun bis zwölf Wochen“, erläutert Gallo. „Also kommen die noch zweimal zu uns, bevor wir auch wirklich alle den vollen Schutz haben.“

„Nützt ja nichts“

Margot Michaelis, die just gepikst wurde, sieht es gelassen. „Nützt ja nichts“, meint die Seniorin. Sie sei jedenfalls froh, dass es langsam bergauf geht und sie nicht jeweils nur einen Besucher, sondern endlich auch wieder mehr Verwandtschaft und Freunde empfangen dürfe. „Bisher kommt mein Sohn nämlich immer alleine, während meine Schwiegertochter draußen im Auto wartet.“ An die Maske habe sie sich längst gewöhnt, „nur dass man nicht mehr unter Leute kommt, frustriert einen doch sehr.“ Im Sommer, da habe immerhin noch der Aufenthalt im Heimgarten für Abwechslung gesorgt. „Jetzt im Winter bleibt einem eigentlich nur noch der Fernseher.“

Loreen Fischer weiß um die etwas gedämpfte Stimmung im Haus am Bahnhof. Sie leitet die Einrichtung. Immer wieder hätten sich Angehörige bei ihr erkundigt, wann es denn endlich losgehen würde mit der Impfung. Nur habe sie die auch immer wieder vertrösten müssen. „Man hat aber auch immer verständnisvoll reagiert“, sagt die 34-Jährige, die nur Lob für ihr 43-köpfiges Team übrig hat. „Da haben wirklich alle immer ganz prima mitgezogen, wenn es wieder mal neue, mitunter für uns ja auch arbeitsintensivere Handlungsanweisungen gab – beispielsweise was die tägliche Testpflicht anbelangt.“ Eine Selbstverständlichkeit sei dies nicht.

Und dennoch: Nicht alle Mitarbeiter, und auch nicht alle Heimbewohner, seien dazu bereit, sich gegenwärtig impfen zu lassen. „Ein ganz kleiner Teil hat diesbezüglich noch so seine Bedenken“, berichtet Fischer. Das sei in ihrem Hause aber nicht anders als anderswo auch.

Eine Vertrauenssache

Einer, der seinen freiwilligen Beitrag leistet, ist Rainer Hübscher (56). Was der Pfleger in seinem Team schon mitbekommen habe: „Einer schnappt etwas Negatives auf und erzählt es weiter, anstatt sich erstmal selbst schlauzumachen.“ Er selbst habe sich jedenfalls bei seinem Hausarzt, den er seit 40 Jahren kenne und zu dem er großes Vertrauen habe, über Wirkungen und Nebenwirkungen der einzelnen Impfstoffe erkundigt. „Und der meinte, dass es gar keine Rolle spielen würde, welches Serum denn nun das bessere ist, da der Virusschutz bei allen gar nicht so weit auseinander liegt.“ Ja, er habe skeptischen Kollegen schon gut zugeredet. Aber nein, Überzeugungsarbeit wolle er nicht leisten. „Es ist für jeden ja auch eine freie Entscheidung, ich zwinge niemandem meine Meinung auf.“

Nun muss aber auch Hübscher den Mund ganz weit aufmachen – für einen Schnelltest. Den führt seine Chefin, selbst Pflegefachkraft, höchstpersönlich aus. Die Impfung selbst übernehmen die medizinischen Profis. Jetzt, nachdem die Bewohner ihre Erst-Injektion hinter sich haben, ist das Pflegepersonal an der Reihe. Jedenfalls solche Mitarbeiter, die das auch wünschen. Protokolliert wird das Ganze von Petra Gallo. „Ich lasse mich natürlich auch impfen, auch wenn ich mich schon auf Biontech eingeschossen hatte“, sagt die Verwaltungsfrau. „Es ist ja so: Nur, wenn wir möglichst viele Geimpfte haben, kommen wir aus der Pandemie auch wieder raus.“

Das sieht Loreen Fischer genauso. „Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die Maßnahmen bald sukzessive auslaufen könnten“, sagt die Heimleiterin. Kürzlich sei im Haus am Bahnhof aufwendig renoviert worden. „Wir würden gerne ein Wiedereröffnungsfest machen – mit unseren 57 Bewohnern und deren Angehörigen zusammen.“ Wer weiß: vielleicht dann ja schon ohne Maske im Gesicht.

Alle Alten- und Pflegeheime im Landkreis sind mit der Erstimpfung durch 

Bis Freitagnachmittag haben kreisweit in zwölf Alten- und Pflegeheimen die Bewohner sowie Mitarbeiter ihre Erstimpfung bekommen, in 20 Einrichtungen der entsprechende Personenkreis ihre erste und zweite Impfung. Das erklärt Landkreis-Sprecherin Christine Huchzermeier auf Nachfrage unserer Zeitung. „Bei der Erstimpfung stehen also keine Heime mehr aus“, informiert sie. Die Reihenfolge, wann wo geimpft wird, habe sich nach der Rückmeldung aus den Einrichtungen gerichtet. „Daneben wurde noch danach geschaut, ob es in den Heimen zum Zeitpunkt des geplanten Impftermins ein erhöhtes Infektionsgeschehen gab oder nicht“, erklärt Huchzermeier.

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