Tassilo Turner verrollt 485 Jahre altes Fachwerkgebäude

Ein Haus zieht um

Das Martfelder Pastorenhaus wird rund 150 Meter auf ein neues Grundstück versetzt.
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Das Martfelder Pastorenhaus wird rund 150 Meter auf ein neues Grundstück versetzt.

Rotenburg/Martfeld – Noch drei Meter! Noch zwei! Hier noch ein bisschen mit der Winde ziehen, dort noch mal mit dem Teleskoplader drücken, und dann reißen nicht nur die Mitglieder des Heimat- und Verschönerungsvereins Martfeld (Landkreis Diepholz) jubelnd die Hände hoch, sondern auch der Rotenburger Tassilo Turner. Denn der 49-Jährige stand noch drei Tage vorher „vor der größten Herausforderung meines bisherigen Berufslebens“: Ein 485 Jahre altes Fachwerkhaus sollte umziehen. „Und zwar nicht auseinandergebaut, sondern in einem Stück.“

Technisch wäre die Zerlegung des wohl um 1535 erreichten ehemaligen Pastorenhauses des Dorfes wohl eher kein Problem gewesen, aber aus Gründen der Förderung stand das im Verein nicht zur Diskussion. Also musste eine andere Lösung her, und der Vorstand hatte Kontakt mit Turner aufgenommen, der sich nicht nur in Niedersachsen einen guten Namen als Experte für altes Fachwerk gemacht hat.

„Klar, zunächst klingt es erst mal ein wenig abenteuerlich, ein ganzes Haus mit der Grundfläche 8,5 mal 7,5 Meter in einem Stück zu versetzen, aber sobald man tiefer in die Materie eintaucht, kommen auch die Ideen“, sagt Turner, der gerade die letzten Holzarbeiten an der ehemaligen Nindorfer Dorfschule erledigt, die die Familie Klopp restaurieren lässt und große Teile des Gebäudes der Dorfgemeinschaft zur Verfügung stellt.

Und Turners Idee war das sogenannte Verrollen des Hauses aus altem Eichenfachwerk, das der Besitzer abreißen lassen und der Martfelder Verein 150 Meter weiter aufstellen lassen wollte. „In zähen Verhandlungen konnte schließlich das gesamte Gebäude gekauft werden. Es gab jedoch ein Problem: Das Grundstück wurde nicht erworben“, teilt Vereinsprecher Arne Wolters mit. In Gesprächen mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege sei dargestellt worden, dass der Erhalt des Innenteils des Gebäudes von immenser Bedeutung sei. So habe der Verrollung nichts mehr im Wege gestanden – bis auf die Arbeit an sich. „Wir haben zunächst die unteren horizontalen Träger ersetzt, nachdem durch Vorarbeiten mit der Entfernung der Gefache nur noch das Fachwerkskelett übrig geblieben war“, erzählt Turner, der mit seinem Unternehmen früher in Riekenbostel war und jetzt in Rotenburg ansässig ist.

Da ein Fachwerkgebäude wie das alte Pastorenhaus allein durch seine Konstruktion steht, ermöglicht das ein Anheben des gesamten Gebälks von unten, erklärt der Bauingenieur, für den ein Autokran nicht infrage kam, weil das Liften nicht so gut für die Verbindungen der alten Hölzer gewesen wäre.

Dennoch sei es recht kniffelig gewesen, das etwa 15 Tonnen schwere Haus einen knappen halben Meter mit Maschinenkraft in die Höhe zu hieven. „Diesen Platz brauchen wir für die Rollen, die ebenfalls aus Holz sind.“ Dabei handelt es sich um Rundsparren, die sich Turner beim Abriss eines Hauses bei Sittensen gesichert hatte.

Das Verrollen sei früher eine gängige Methode gewesen, Gebäude auf kurze Entfernungen von A nach B zu transportieren. Turner: „Heute ist es zwar etwas ungewöhnlich aber immer noch machbar.“ Es muss nur stabil genug sein. „Das heißt, alles was kaputt ist, muss repariert werden, und natürlich muss das Haus eine gute Schwelle haben.“ Dafür haben Turner und seine Mitarbeiter gesorgt und das Ständerwerk zusätzlich mit Diagonalverstrebungen ausgesteift. Als Rollbahn wurden Balken in die vorgesehene Richtung verlegt. „Per Muskelkraft an den hölzernen Winden wurde das Haus schließlich Stück für Stück bewegt und sogar um etwa 150 Grad gedreht.“ Das sei ohne große Komplikationen vonstattengegangen, nur der vom Regen und von der Hin- und Herfahrerei aufgeweichte Boden habe ein paar Probleme bereitet.

Innerhalb von zwei Tagen haben Turner und Co. aber die rund 150 Meter geschafft. Auf einem vom Heimatverein gekauften Grundstück hatten Bauarbeiter im Vorfeld ein Streifenfundament angelegt, auf dem das Pastorenhaus schließlich zentimetergenau platziert wurde. „Dort werden jetzt die Gefache ausgemauert und so das alte Haus langsam wieder zum Leben erweckt.“

Die finanzielle Grundlage für das Projekt schafft der Verein hauptsächlich aus dem niedersächsischen Förderprogramm „ZILE“, aber auch durch Sponsoren und Eigenmittel des Vereins. Der Erhalt des Gebäudes als Denkmal an die Reformation auf dem Lande ist den Verantwortlichen wichtig. „Das alte Pastorenhaus soll der Bevölkerung die damalige Lebensweise aufzeigen und an die besondere Geschichte erinnern“, betont Arne Wolters.

Und Tassilo Turner? Der hat die Herausforderung mit Bravour gemeistert. „Gern mehr von solchen Aufgaben, das hat Spaß gemacht“, so der Rotenburger, der bei der Arbeit von einigen Fernsehkameras begleitet worden war.

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