Rotenburgs Pastorin Amely Lißner zum neuen Vorstoß in der Sterbehilferegelung

Sterbehilfe als „Akt der Barmherzigkeit“

Pastorin Amely Lißner.
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Die Schönheit der Natur genießen, den Augenblick: Das ist wichtig, sagt Pastorin Amely Lißner.

Rotenburg – Der Film „GOTT“ von Ferdinand von Schirach fällt Amely Lißner sofort ein, wenn es um das Thema Sterbehilfe geht. Die Pastorin sagt aber gleich ganz klar: „Das ist nicht wirklich passend, denn der Sterbewillige ist kerngesund – und das ist nicht Thema des neuen Sterbehilfegesetzes.“ Im vergangenen Jahr hatte das Bundesverfassungsgericht das Verbot des assistierten Suizids gekippt, nun gibt es einen Vorstoß für eine Neuregelung. In den kommenden Wochen wollen wir uns daher unterschiedliche Meinungen zum Thema anhören. Den Auftakt macht die Pastorin der Rotenburger Stadtkirchengemeinde.

Der Tod ist noch oft ein Tabuthema. Wie sehen Sie als Pastorin das?

Für mich als Pastorin ist der Tod sehr gegenwärtig. Sei es, dass ich zu jemandem gerufen werde, der kurz vor seinem Tod mit mir sprechen möchte oder jemand, der sehr krank ist und sich damit auseinandersetzen möchte, bittet um ein Gespräch; oder ein alter Mensch blickt auf sein Leben zurück. Und dann sind da natürlich die Beerdigungen. So bin ich oft damit beschäftigt, dass das Leben vergänglich ist. Was mich persönlich sehr bewegt, ist die Trauer der Angehörigen. Der oder die Verstorbene hat das Schlimmste überstanden. Aber den Verlust müssen die Angehörigen aushalten.

Es sind oft Ältere und Schwerkranke, mit denen Sie sich darüber unterhalten. Gehört das Thema mehr in den Alltag?

Ja und nein. Das Thema Tod ist für viele ein Tabu. Doch das Einzige, was vom Tag unserer Geburt an absolut feststeht, ist, dass wir einmal sterben müssen. Da muss jeder und jede von uns durch – wenn wir diese Tatsache aber die größte Zeit unseres Lebens über verdrängen, ist das keine gute ,Projektplanung‘. Ich finde allerdings nicht, dass wir das Thema immer allgegenwärtig mit uns herumtragen sollten. Darüber würden wir das Leben vergessen, die Unbeschwertheit, die Freude am Augenblick, an der Schönheit der Natur. Ich freue mich jetzt zum Beispiel an den Krokussen und Osterglocken, die aus der Erde wachsen, und denke nicht sofort daran, dass sie in einigen Tagen verwelkt sein werden. Aber ja, ich weiß, ich werde sterben und darum ist es gut, das in den Blick zu nehmen und zu schauen, was ich jetzt schon in die Wege leiten kann, damit mein Sterben einmal möglichst dem entspricht, wie ich es mir wünsche. Sich da überhaupt Gedanken drüber zu machen, ist wichtig.

Ein gutes Stichwort. Also brauchen wir die Diskussion über Sterbehilfe?

Ja, es ist gut, dass die Fragen darüber, wie wir sterben wollen, wie die Rahmenbedingungen sein sollen und wie ich mich selber damit auseinandersetze, in der Gesellschaft ausgetauscht werden.

Wie steht die Kirche dazu?

Da gibt es nicht die eine feststehende Meinung ,der Kirche‘, jedenfalls nicht der evangelischen Kirche. Es gibt aber grundsätzlich die Akzeptanz und Befürwortung von passiver und indirekter Sterbehilfe. Das Töten eines lebensfähigen Menschen dagegen, die aktive Sterbehilfe, wird abgelehnt.

Ist Sterbehilfe nicht auch eine Form der Nächstenliebe? Ein „Ich lasse Dich nicht mehr leiden“?

Natürlich. Das ist der Grund, weswegen indirekte und passive Sterbehilfe befürwortet werden. Weil es ein Akt der Barmherzigkeit ist, zu sagen: „Du kannst nicht mehr und Du willst nicht mehr – dann stellen wir alles ab, was Dich zwingt, am Leben zu bleiben.“ Der assistierte Suizid hingegen – ja, aber als nur als Ausnahme, situationsabhängig.

Also eben nicht geschäftsmäßig?

Das ist es, worüber ich stolpere. Jemand, der geschäftsmäßig eine solche Sterbehilfe leistet, verdient damit Geld. Er sichert sich damit seine Existenz. Für den ist es vorteilhaft, wenn viele Menschen einen assistierten Suizid in Anspruch nehmen. Und da wird es schwierig.

Sterbehilfe in Deutschland

Sterbehilfe ist ein Thema, das immer wieder kontrovers diskutiert wird. Der Bundestag hat aktuell die Aufgabe, ein neues Gesetz zur Suizidbeihilfe zu entwerfen. So ist seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts assistierter Suizid seit Februar 2020 wieder möglich, bewegt sich aber in einer Grauzone. Die Rahmenbedingungen sind noch nicht festgelegt. Einige Entwürfe liegen aber nach Medienberichten vor. Wichtig ist den meisten Menschen vor allem, dass der Sterbewillige umfassend beraten wird und alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Problematisch wird es für viele, wenn es geschäftsmäßige Sterbehilfe ist, jemand also Geld damit verdient, dass andere sterben möchten. Es gibt mehrere Formen von Sterbehilfe:

- Aktive Sterbehilfe oder Tod auf Verlangen: Eine lebensfähige Person wird auf deren ausdrücklichen Wunsch hin aktiv getötet, zum Beispiel durch das Verabreichen einer Spritze. Das ist in Deutschland verboten.

- Assistierter Suizid: Eine Person stellt ein tödliches Mittel für einen Sterbewilligen bereit, dieser nimmt es aber selbst ein.

- Passive Sterbehilfe: Zum Beispiel per Patientenverfügung kann ein unheilbar Kranker bestimmen, dass er keine lebensverlängernden Maßnahmen möchte.

- Indirekte Sterbehilfe: Dabei können Medikamente verabreicht werden, die Schmerzen lindern, aber dadurch auch das Leben verkürzen können. Der Patient nimmt das in Kauf.

Also kommt es darauf an, wie die Voraussetzungen sind, damit nicht jeder kommen kann und sagt „Meine Frau ist krank, ich mag auch nicht mehr“ oder Ähnliches?

Ich würde erst mal mit diesem Menschen versuchen, Wege zu finden, die ihm das Leben wieder lebenswert machen. Das müsste genau geprüft werden. Wenn ein Mensch absolut nicht mehr leben will, würde ich niemandem das Recht absprechen, zu sagen, er nimmt sich selber das Leben, so traurig das wäre.

Das ist dann die eigene Entscheidung.

Genau, es ist der Weg, der einem Sterbewilligen möglich ist. Auch ein alter Mensch kann diesen Weg gehen, indem er sich entscheidet, nichts mehr zu essen und zu trinken, das sogenannte Sterbefasten. Warum soll ich dazu einen fremden Menschen hineinziehen? Wichtig ist aber, dass eine Patientenverfügung da ist; und dass der Sterbewillige beim Fasten begleitende Unterstützung erhält.

Sollten sich Menschen daher am besten früh damit auseinandersetzen?

Es schadet nicht, vor allem dann auch mit Angehörigen darüber zu sprechen. Damit sie und die Ärzte Sicherheit haben, dass es der eigene feste Wille ist, was man tut.

Hilfe zum Suizid, damit hadern viele. Ärzte haben einen Eid geschworen, das Leben zu erhalten. Wen holt man da also ran? Wer berät, wer führt es aus? Viele Fragen.

Das ist für Ärzte auf jeden Fall eine schwierige Situation. Beim assistierten Suizid könnte man noch sagen, dass man das tödliche Mittel nur zur Verfügung stellt, der Sterbewillige es aber selber nimmt.

Selbstbestimmung wird großgeschrieben. Ist dann die Wahl des eigenen Todes – wir reden hier von unheilbar Kranken – nicht auch eine Form von Selbstbestimmung? Wird sie uns rechtlich genommen?

Darum ist ja eine Patientenverfügung so hilfreich: Damit es respektiert wird, wenn ich zum Beispiel sterbefaste und nicht künstlich ernährt werden will. Ich persönlich fühle mich da wenig bevormundet, wir haben viele Freiheiten. Auch die indirekte Sterbehilfe ist für mich eine Beruhigung: Wenn ich todkrank bin und unter Schmerzen leide, können Palliativmedizin und Hospize helfen, dass mein Leiden erträglich wird. Das finde ich tröstlich und das relativiert in meinen Augen die Notwendigkeit nach einem assistierten Suizid erheblich.

Nimmt man den Angehörigen sonst auch ein wenig den Abschied?

Angehörige von Verstorbenen erzählen mir oft, wie gut es war, dass sie in Ruhe Abschied nehmen konnten. Dieses Abschiednehmen in den letzten Wochen bietet oft noch kostbare Momente. Das kann Angehörige durch die Trauer tragen helfen. Wenn aber jemand sich durch alle Instanzen klagt, um assistierten Suizid zu erhalten, sind die letzten Wochen dadurch bestimmt.

Schwingt bei vielen auch zu sehr die Sorge mit, dass Sterbehilfe allzu leichtfertig genutzt würde? Dass sich Ältere oder Schwache unter Druck gesetzt fühlen könnten, „Platz zu schaffen“?

Je einfacher es gemacht wird, dem Leben ein Ende zu setzen, desto eher entstehen Fragen, wie: Ist dieses Leben noch lebenswert? Das wirtschaftliche Denken ist doch teilweise so: Jemand ist alt und schwach und trägt nichts zum Bruttosozialprodukt bei. Man liegt anderen auf der Tasche und verursacht Kosten. Dabei haben zum Beispiel alte Menschen eine Lebensgeschichte. Sie haben in der Vergangenheit gearbeitet, ganz viel zum Wohlstand eines Landes beigetragen. Grundsätzlich würde dieses Denken aber bedeuten, dass ein Mensch nur dann lebenswert ist, solange er für die Allgemeinheit nützlich ist. Man könnte alte und kranke Menschen in dieser Weise manipulieren, dass sie sich selber als wertlos ansehen, aus diesem Grund sterben wollen und um assistierten Suizid bitten. Außerdem: Als Deutsche haben wir unsere besondere Vergangenheit, die uns nahelegt, sehr gut aufzupassen bei der Frage nach lebenswertem Leben.

Deswegen bräuchte es beim assistierten Suizid ganz feste Vorschriften?

Ja, er müsste ganz genau durch legitimierende Maßnahmen begleitet werden, sonst hielte ich ihn für gefährlich und für die Gesellschaft verheerend.

Wir haben zudem im vergangenen Jahr erst erlebt, dass Menschen entscheiden mussten, wen sie leben lassen.

Sie meinen die Triage durch die Pandemie. Das war für die Ärzte eine fürchterliche Situation, entscheiden zu müssen, wer lebenserhaltende Mittel erhielt und wer nicht. Manchmal gibt es Situationen, in denen wir nur zwischen zwei Übeln wählen können.

Wie ist es mit Sterbehilfe aus theologischer Sicht?

Das kommt auf die Art der Sterbehilfe an. Vom christlichen Glauben her gibt es für mich zwei Grundkonstanten. Zum einen, dass es eine Kraft gibt, die mich ins Dasein gerufen hat. Diese nimmt mein Leben am Ende auch wieder zu sich. Das ist die Grundlage dafür, nicht selber Hand an sich zu legen, auch nicht bei anderen. Das macht in meinen Augen aktive Sterbehilfe unmöglich. Allerdings kann das Leben so leidvoll sein, dass ich es nicht mehr ertragen kann. Wenn ich keinen Ausweg finde, darf es Ausnahmen geben, dann darf ich sterben. Gott ist barmherzig. Und wenn mein Leben nur durch Maschinen am Leben erhalten wird, und es keine Aussicht auf Besserung gibt, kann es barmherzig sein, diese abzustellen und den Menschen friedlich sterben zu lassen, das wäre die passive Sterbehilfe. Die andere Grundkonstante ist: Weil Gott mein Leben ins Dasein gerufen hat, ist es lebenswert, darum hat es einen Sinn. Diesen Sinn muss ich mir nicht selber geben, zum Beispiel dadurch, dass ich gesund und stark und leistungsfähig bin, und er hängt nicht vom Urteil anderer ab. Diese Überzeugung ist für mich das große Gegengewicht zu der Unterscheidung von lebenswertem und lebensunwertem Leben – diese Unterscheidung gibt es aus christlicher Sicht nicht.

Wie ist es in Rotenburg, kommt das Thema Sterbehilfe hier oft auf?

Das Thema im Sinne von assistiertem Suizid habe ich bisher nicht wahrgenommen. Eher Sterbebegleitung, also dass Menschen sich entschieden haben, Angehörige zuhause und palliativ betreut beim Sterben zu begleiten. Das Hauptthema zur Zeit ist Corona. Wobei uns das noch einmal vor Augen geführt hat, wie verletzlich das Leben ist, dass es Schutz braucht. Sehr hart ist es für Angehörige, wenn sie im Krankenhaus nicht mehr zu ihren Sterbenden gehen konnten. Sterbehilfe ist ein höchst persönliches Thema, das zugleich gesellschaftlich getragen werden muss. Das macht es so brisant. Ich denke, es lohnt sich, immer mal wieder darüber nachzudenken und sich darüber auszutauschen.

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