Nachfolger noch nicht bekannt

Ein Abschied ohne Musik: Gert Lueken verlässt die Kreismusikschule

Im Garten hinter der Kreismusikschule spielt Gert Lueken spontan ein kleines Lied – ab Ende Juli wird der Leiter nur noch ab und zu vorbeischauen.  
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Im Garten hinter der Kreismusikschule spielt Gert Lueken spontan ein kleines Lied – ab Ende Juli wird der Leiter nur noch ab und zu vorbeischauen.
  • Ann-Christin Beims
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Rotenburg – Die letzten Tage im Amt des Kreismusikschulleiters sind für Gert Lueken angebrochen. Mit Beginn der Sommerferien verabschiedet er sich von den Schülern, ein paar Tage danach von allen anderen – der 66-Jährige geht Ende Juli in den Ruhestand. Doch nur teilweise, an einem Nachmittag der Woche will er wiederkommen, als Honorarlehrkraft. Es ist seine Leidenschaft, war es immer – Musik und Unterricht zu verbinden. „Ich konnte immer Musiker und Musiklehrer sein“, sagt er. Fast 30 Jahre lang war Lueken in Rotenburg tätig.

Musik ist ihm zur Hälfte in die Wiege gelegt worden: Seine Mutter war Musiklehrerin, sein Vater Arzt. Letzterem gefällt es nicht, dass der Sohn in musikalische Fußstapfen treten will. Eine „brotlose Kunst“ habe er es genannt, so Lueken, der im Juni dennoch sein Jubiläum feierte: 50 Jahre auf der Bühne. Lueken fängt zunächst ein Lehramtsstudium in Bremen an – Biologie und Musik; Fächer, die er mag. Er schließt es aber nicht ab, sondern wechselt an die Hochschule für Kunst und Musik Bremen, studiert Klarinette und Klavier. „Das hat mir Freude gemacht“, sagt Lueken, der mit neun Jahren Klavier und mit 19 Jahren Klarinette lernt. Vor Ort bleibt er anfangs hauptsächlich, weil seine Band dort ist, sie Erfolg haben. Heute wohnt er seiner Frau nach wie vor in Bremen. Lueken selbst entwickelt früh ein Faible für Jazz, besitzt alte Tonbandaufnahmen. Und: „Ich mag Debussy, Ravel und Bartok, Mozart weniger.“

Nach Rotenburg wechselt Lueken 1991, zunächst mit halber Stelle – die andere Hälfte unterrichtet er in Verden, zuvor war er in Cuxhaven. Als hier eine Stelle als Lehrer für Saxofon und Keyboard ausgeschrieben wird, bewirbt sich Lueken sofort. „Peter Paulitsch hat sehr dafür gesorgt, dass ich mich wohlfühle“, erinnert er sich an seine erste Zeit. Als Paulitsch, der damalige Leiter, 2004 in den Ruhestand wechselt und Tilman Purrucker die Leitung übernimmt, folgte Lueken auf den Stellvertreterposten. „Wir haben viel zusammen gemacht“, so Lueken. Mit ein Grund, warum er, als sich Purrucker 2017 verabschiedet, die Stelle übernimmt – die Erfahrung ist vorhanden. „Mein Wunsch war es immer, die Schule so weiterzuführen, wie er es getan hat.“ Nur eins sei traurig: Dass er Schüler abgeben muss; als Schulleiter hat er nur noch acht Unterrichtsstunden.

Viel hat Lueken im Laufe der Jahre – teils allein, teils in Zusammenarbeit – geschaffen. So haben Purrucker und er die Schule seit 2004 stärker vernetzt, auch in der Laienmusik – ein wichtiger Faktor auch für das Fortbestehen der Kreismusikschule, einer freiwilligen Leistung des Landkreises. „Es gab immer wieder Phasen, in denen wir aktiv werben mussten“, meint Lueken. Zeiten, in denen das Geld knapp war. Daher ruft er als Mitbegründer 2005 die Kontaktstelle Musik Rotenburg-Bremervörde ins Leben. Aber: „Aktuell sind wir gut aufgestellt, keiner will die Schule mit ihren Zweigstellen missen.“

Auch die Zusammenarbeit untereinander sei noch besser geworden, man sei im Kollegium zusammengewachsen. Daraus seien die Lehrerkonzerte entstanden. „Musik verbindet – und jeder bringt das ein, was er kann.“ Eine Herausforderung war die Umstellung in den Schulen auf Ganztagsunterricht. „Da war klar, wir konnten nicht so weitermachen wie bisher. Dadurch sind die Bläserklassen entstanden, es gibt mehr Kooperationen mit den Schulen, und der Unterricht ist mehr in den Vormittag gegangen.“ Neu hinzugekommen ist vor zwei Jahren noch die Studienvorbereitende Abteilung (SVA). Darin bekommen besonders begabte Schüler eine extra Förderung.

Was er schade findet: Musikschulen fallen oft etwas hinten runter. „Manchmal wurden Musiklehrer ein wenig wie zweite Klasse behandelt, hatte ich das Gefühl, wurden in manchen Kreisen nicht ernst genommen.“ Dabei gebe es viele Studenten, die beispielsweise nach ihrem Studium nicht in einem Orchester unterkommen können, aber auch ihren Platz brauchen. „Es ist schade, wenn sie dann frustrierte Musiklehrer werden“, merkt der Leiter an. Doch das Ansehen habe sich verbessert, heute sei vielen bewusst, dass Musikschulen eine wichtige Arbeit leisten, Breitenförderung. „Wir erkennen, wer begabt ist und fördern das. Das fängt schon bei der Früherziehung an – und da müsste noch mehr gemacht werden.“ Doch das Personal fehle. Es gebe nur wenige Studenten in der Elementarmusik, sagt Lueken – auch hier wie so oft: Wäre die Bezahlung besser, würde es sicher mehr reizen, diesen Weg einzuschlagen. Dennoch bemühe sich die Kreismusikschule, direkt in die Kindergärten zu gehen – zu den Schülern von morgen. Vielleicht auch ab sofort eine Aufgabe für Lueken im Privaten: Er ist seit anderthalb Jahren Opa, erzählt er und lacht. Von seinen Söhnen ist einer Arzt – „das hat dann eine Generation übersprungen“ – der andere Musiker. Mit ihm spielt Lueken in einer Band, dem „Uncle Hammond‘s Souljazz Movement“. Dafür will er sich im Ruhestand wieder mehr auf das Komponieren konzentrieren. „Im Februar spielen wir im Kantor-Helmke-Haus, bisher ist das geplant, ich werde also öfter hier sein“, berichtet er.

Seit 2009 organisiert und leitet er die KAOS Bläserkammermusik in Rotenburg, 2012 gründet er das Saxophon/Klarinettenensemble „Klarsax“, er spielt mit Rotenburgs Kantor Karl-Heinz Voßmeier, leitet Orchester und Chöre und ist musikalischer Leiter der Kindermusicals „Mtoto Boga“ (2006) und „Magic Drum“ (2012). Jetzt spielt er mit dem Gedanken, in Bremen ein Bläserensemble aufzubauen – später, nach Corona. Sein Traum wäre es auch, ein richtiges Sinfonieorchester im Landkreis Rotenburg zu etablieren.

Bis 2017 war Lueken auch als Kirchenmusiker aktiv, mit der neuen Aufgabe fehlte dafür aber die Zeit. Ob er das im Ruhestand wieder aufnehmen wird? Lueken zuckt die Schultern, wer weiß, was die Zukunft bringt. Aber als Job hätte er sich das gut vorstellen können. „Das wäre eine Option gewesen, der Beruf ist sehr vielseitig“, erzählt der Bremer, der mit 40 Jahren noch einmal lernt, Orgel zu spielen. „Das ist ein schweres Instrument.“

Die letzten Wochen stellen ihn zum Abschied noch einmal vor eine Herausforderung, viel muss neu und vor allem anders organisiert werden. Die Kreismusikschule macht einen großen Schritt Richtung Digitalisierung, die Lehrer werden kreativ, suchen Lösungen, mit denen sie ihre Schüler erreichen können. „Für einige Schüler war der Unterricht via Internet gut, sie konnten sich besser konzentrieren, andere waren irgendwann an ihrer Grenze.“ Künftig müsse sich da wohl noch mehr tun, zumal: Noch haben nicht alle Schüler Präsenzunterricht, einige Stunden laufen weiter über das Internet – dazu braucht es allerdings auch W-Lan in der Kreismusikschule, das beantragt, aber noch nicht da ist. Und selbst wenn: Nicht jeder Schüler hat Zuhause die technischen Voraussetzungen. „Es sind viele Faktoren, die zusammenspielen.“ Selbst der Präsenzunterricht aktuell ist eingeschränkt, in den Grundschulen dürfen maximal vier Schüler dabei sein, wenn der Raum groß genug ist. Auch müsse das Hygienekonzept beachtet werden. Lehrerkonferenzen per Videochat befindet er für gut. „Das lief konstruktiv.“

Auch sein Abschied wird dank Corona anders ausfallen als geplant: Statt einer Feier mit Musik und Essen wird es vorerst ein Kaffeetrinken beim Landrat geben. Ob und wie er eine Feier nachholen wird, weiß er nicht. „Das ist alles zu unsicher. Aber es ist komisch, die Schule ohne Musik zu verlassen.“ Wer sein Nachfolger wird, dazu kann er noch nichts sagen. Wer auch immer es wird, für den hat Lueken Tipps parat: „Ein gutes Verhältnis zu Politik und Verwaltung pflegen, ebenso die Kooperationen und vielleicht neue Felder entdecken – zum Beispiel die Seniorenarbeit, das haben wir uns vorgenommen, aber noch nicht umgesetzt.“

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