Psychologinnen über das verschärfte Sexualstrafrecht

„Eher ein Schreckgespenst“

Die Rotenburger Wildwasser-Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt besteht seit 1991. - Foto: Ginter

Rotenburg - Von Jessica Tisemann. Ein halbes Jahr nach den Silvester-Übergriffen in Köln hat der Bundestag das Gesetz verschärft. Das bedeutet unter anderem: Künftig gilt der Grundsatz „Nein heißt Nein“. Doch was ändert sich dadurch, und wie viele Fälle gibt es beispielsweise im Landkreis Rotenburg? Diese und andere Fragen beantworten Edeltraud Struckmeier, Charlotte Lihl und Mara Lotze, Psychologinnen der Beratungsstelle Wildwasser in Rotenburg.

Warum war es nötig, das Gesetz zu überarbeiten?

Edeltraud Struckmeier: Sowohl die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte als auch Artikel 36 der Istanbul Konvention des Europarates von 2011 zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt sehen vor, dass jede sexuelle Handlung gegen den erklärten Willen der betroffenen Person unter Strafe steht. Das hat das bisherige bundesdeutsche Gesetz (§ 177 Strafgesetzbuch) nicht wirklich hergegeben. Nach dem bisherigen Gesetz hat der erklärte Wille nicht ausgereicht, das heißt ein „Nein“ oder ähnliche Ablehnung signalisierende Worte und Gesten haben nicht genügt. Die Opfer mussten nachweisen, dass sie sich gewehrt haben, genötigt wurden. Außerdem werden bisher straffreie Tatbestände wie Grabschen mit aufgenommen.

Wird es helfen, die Zahl der Opfer von Nötigung und Vergewaltigung zu reduzieren?

Struckmeier: Ob es dazu beiträgt, sexuelle Übergriffe zu reduzieren, ist schwer zu sagen. Es könnte potenziellen Opfern helfen, mehr Orientierung zu bekommen, dass das Ansinnen ihres Gegenübers als sexuelle Grenzverletzung zu bewerten ist und kein Kavaliersdelikt, und könnte sie darin bestärken, eine klare Grenze zu ziehen.

In welchen Bereichen ist das neue Gesetz Ihrer Einschätzung nach nicht ausreichend?

Struckmeier: Wir sind keine Juristinnen, können in Bezug auf Umsetzbarkeit und Wirksamkeit nur mutmaßen. Was kritisch gesehen wird, ist, dass die Beweislast weiter bei der betroffenen Person bleibt. Das Opfer muss glaubhaft machen können, dass es seinen Unwillen klar zum Ausdruck gebracht hat und somit die sexuellen Handlungen nicht einvernehmlich stattgefunden haben.

Frauenrechtlerinnen sagen, die Gesetzesänderung sei überfällig gewesen. Stimmen Sie zu?

Charlotte Lihl: Ja, die Ratifizierung der Istanbul Konvention durch die Bundesrepublik ist längst überfällig.

Ist es leicht, immer eine Grenze zu ziehen?

Lihl: Wenn man das Recht aller Menschen auf sexuelle Selbstbestimmung ernst und als Maßstab nimmt: Ja. Es ist in erster Linie keine juristische Frage, sondern eher eine politische sowie eine der Kultur des menschlichen Zusammenlebens und gesellschaftlichen Miteinanders.

Gibt es im Landkreis Rotenburg eher Einzeltäter oder Angriffe aus Gruppen?

Struckmeier: Nach unseren bisherigen Erfahrungen, die sich aus der Praxis eher auf Täter und Täterinnen aus dem familiären und sozialen Nahbereich beziehen, handelt es sich mehrheitlich um einen oder mehrere Einzeltäter aus diesen Lebensbereichen, die aber eher nicht als Gruppe auftreten. Eine spezielle Form sexualisierter Gewalt, die Betroffene aus unserer Beratungspraxis erfahren haben, ist die organisierte rituelle. Erfahrungen sexualisierter Gewalt durch Fremdtäter werden am wenigsten benannt. Phänomene wie in der Silvesternacht werden zukünftig vermutlich häufiger in die Öffentlichkeit und die Beratungsarbeit gelangen. Zum Beispiel gibt es aktuell eine Initiative gegen sexuelle Übergriffe auf Mädchen und Frauen durch Fangruppen in Zügen.

Wie viele Opfer sexuellen Missbrauchs kommen pro Jahr zu Ihnen?

Mara Lotze: Im letzten Jahr haben mehr als 400 Ratsuchende unsere Beratungsstelle aufgesucht, das heißt Menschen, die selbst von sexualisierter Gewalt betroffen waren – Opfer –, sowie Angehörige Betroffener und Fachkräfte, die in ihrem Arbeitsfeld mit von sexualisierter Gewalt betroffenen Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen zu tun oder einen diesbezüglichen Verdacht hatten. Es wurden annähernd 1.000 Beratungsgespräche geführt.

Wo finden diese Taten statt?

Lotze: Sexuelle Gewalt findet ebenso hinter verschlossenen Türen zu Hause wie auch im öffentlichen Raum, zum Beispiel in der Umkleidekabine im Schwimmbad, in der Disco, auf dem Parkplatz, im Zugabteil und so weiter, statt.

Wie können Sie den Opfern helfen?

Struckmeier: Durch ein kostenfreies, auf Wunsch auch anonymisiertes Beratungsangebot, was den Zugang betrifft, sowie durch vielfältige Maßnahmen, je nach Bedürfnislage der Betroffenen, wie Information und Orientierung zur Einordnung des Geschehens, da die Betroffenen äußerst verunsichert sind, sowie zu Folgeerscheinungen nach Traumatisierungen oder ähnlichem. Eine weitere Maßnahme sind die stabilisierenden Interventionen, die sie aktuell darin unterstützen, ihren Alltag zu bewältigen und zu erfahren, dass sie an bisherige Stärken anknüpfen können und Kontrolle über viele Bereiche ihres Lebens haben oder zurückerlangen können. Daneben helfen wir dabei, die Geschehnisse durch psychotherapeutische Verfahren aufzuarbeiten und geben Informationen zu juristischen Möglichkeiten wie Anzeige beziehungsweise Empfehlungen juristischer Beratung.

Es ist immer die Rede vom Schutz von Frauen und Kindern. Gibt es keine Männer, die Opfer von sexuellem Missbrauch werden?

Lihl: Es gibt durchaus von sexualisierter Gewalt betroffene Männer. Zahlen können wir für den Landkreis Rotenburg nicht benennen, da wir eine Beratungsstelle für betroffene Kinder, Jugendliche und Frauen sowie Angehörige und Fachkräfte sind – aber nicht für betroffene Männer, was unter anderem mit unserem aus der Historie der Beratungsstelle bedingtem Finanzierungsmodell zusammenhängt. Wir geben aber gerne Informationen über Anlaufstellen für Männer weiter.

Was kann getan werden und was wird in Sachen Prävention im Landkreis getan?

Lihl: Unsere Beratungsstelle bietet unterschiedliche Projekte in Sachen Prävention an, direkt für die Zielgruppen zum Beispiel Schüler oder über Fortbildungen und Fachberatungen für Mitarbeitende der einzelnen Institutionen wie Kindertagesstätten, Heime, Schulen unterwegs – allerdings in der Regel auf Nachfrage, da unsere personellen wie zeitlichen Kapazitäten nicht ausreichen – es gibt eineinhalb Stellen für den gesamten Landkreis –, um flächendeckend aktiv werden zu können. Eine finanzielle wie personelle Aufstockung wäre wünschenswert.

Sie deuten es schon an: Wie geht es Wildwasser eigentlich finanziell?

Struckmeier: Die bisherige Förderung durch Land, Landkreis, Kirche und Förderverein greift auch in diesem Jahr. Die Förderrichtlinien des Landes in diesem Bereich werden sich ab 2017 ändern.

Ist das Problem auch ein kulturelles oder religiöses? Tragen alte Geschlechtervorstellungen zu den Taten bei?

Lotze: Die Ausübung sexualisierter Gewalt zielt auf Machterhalt beziehungsweise die Befriedigung von Machtbedürfnissen, zum Beispiel auch die gezielte Vergewaltigungen von Mädchen und Frauen als „Kriegsstrategie“. Strukturelle gesellschaftliche Bedingungen, traditionelle Geschlechterrollenzuschreibungen, kulturelle wie religiöse Aspekte spielen eine Rolle.

Wie kann ich mich und meine Kinder vor Übergriffen schützen?

Lotze: Prävention, präventives Handeln setzt eine entsprechende Erziehungshaltung voraus. Dazu gehört neben altersangemessener Sexualaufklärung die Begleitung und Förderung von Kindern zu selbstbestimmten und selbstbewussten Persönlichkeiten über unter anderem eigenes Vorleben, gegenseitige Wertschätzung und Achtung, Vermitteln sozialer Regeln.

Besteht die Gefahr, dass es durch das Gesetz vermehrt zu falschen Anschuldigungen kommt?

Struckmeier: Die Gefahr der Zunahme falscher Anschuldigungen durch das neue Gesetz ist vermutlich eher ein Schreckgespenst als zu erwartende Realität. Man bedenke die hohe Dunkelziffer gerade bei Delikten innerfamiliär und im sozialen Nahbereich, die Beweislast liegt weiter bei der betroffenen Person. Außerdem bleibt der Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“.

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