SPD-Kandidat Klingbeil holt erstmals Direktmandat / Rösel muss zittern

Durchmarsch im dritten Anlauf

Lange wartete Lars Klingbeil ab und schaute ganz genau auf die Auszählung – aber dann ließ er sich in Soltau doch feiern.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Bis 17.57 Uhr hakt es mit der Technik in der „Harmonie“ in Rotenburg, und als um 18 Uhr doch noch die erste Hochrechnung über den Beamer flattert, versteinern sich die Mienen bei der Wahlparty der Rotenburger CDU. Die Union ist stärkste Partei im Bund, aber sie verliert. Um 20.32 Uhr, es sind 243 von 260 Wahlbezirken im Wahlkreis 35 Rotenburg I / Heidekreis ausgezählt, noch eine Niederlage: Kathrin Rösel (CDU) gratuliert Lars Klingbeil (SPD) zum Gewinn des Direktmandats.

Im dritten Anlauf holt sich der 39-Jährige aus Munster zum ersten Mal die Mehrheit. Zwei Mal hat er gegen seinen alten Kontrahenten Reinhard Grindel (CDU) verloren, und auch als sich am Sonntag nach rund der Hälfte der Auszählung das Verhältnis umkehrt und er erstmals vor Rösel liegt, will er lange nicht dran glauben. „Das war kein Kokettieren, sondern eine ernste Befürchtung nach den katastrophalen Hochrechnungen für die SPD“, sagt Klingbeil gegen 22 Uhr, als die Wahlparty der Genossen im „Roten Bahnhof“ in Soltau so langsam in Fahrt kommt.

Mit 41,19 zu 36,09 Prozent der Stimmen schicken ihn die rund 168 000 Wahlberechtigten im Wahlkreis wieder nach Berlin. 2009, Klingbeil trat zum ersten Mal als Kandidat an, war der Wahlkreis neu zusammengefasst worden. In ähnlicher Gliederung gab es nach der Kreisreform seit 1980 den Wahlkreis Soltau-Rotenburg. Nur Kurt Palis hatte das Mandat hier für die SPD inne, als Rotenburg noch mit Verden wählte, war auch der jüngst gestorbene Ex-Bundesbauminister Karl Ravens als SPD-Vertreter in Bonn. Nun hat Klingbeil etwas erreicht, was er schon vor der Wahl als „historisches Ziel“ bezeichnet hatte – ein SPD-Sieg im CDU-Land Heidekreis und Altkreis Rotenburg.

Rösel hat zwar insgesamt verloren, aber in ihrer neuen Heimat im Landkreis Rotenburg dennoch gewonnen – in Rotenburg, Sottrum, Visselhövede, Scheeßel, Fintel und Bothel zusammen hat Rösel 17 186 Stimmen gesammelt, Klingbeil 15 864. Auch gewinnt die CDU im Wahlkreis bei der Zweitstimme mit 37 Prozent deutlich gegen die SPD, die 27 Prozent holt. Trost ist das für die 46-Jährige am Wahlabend aber kaum. Es steht bis Mitternacht nicht fest, ob es für Rösel mit Platz 18 über die Landesliste der CDU für den Einzug in den Bundestag reicht. Parteifreunde schätzen die Chancen wegen der Verluste auf Bundesebene und der hohen Zahl der gewonnenen Direktmandate für CDU-Kandidaten aber zunächst als eher schlecht ein. Der Blick der CDU fällt in der Nacht unablässig nach Berlin, wo die Verteilschlüssel ermittelt werden.

Der SPD-Sieger Klingbeil weiß, dass er als möglicherweise nunmehr einziger Wahlkreis-Vertreter in Berlin „eine hohe Verantwortung“ in der Hauptstadt trägt. „Ich habe hart gearbeitet für die Region“, sagt er zu seinem unerwartet deutlichen Erfolg. Dass seine Partei nicht mehr mitregieren will, hält er für den richtigen Weg. „Wir brauchen eine Erneuerung in der Opposition.“ Die SPD müsse jünger und weiblicher werden. Er habe gezeigt, dass die SPD noch Wahlen gewinnen kann, frohlockt er bei der Party am Abend in Soltau, um so auch Ansprüche anzumelden, die bei der Parteiführung im Berliner Willy-Brandt-Haus wahrgenommen werden dürften: „Ich werde mehr Verantwortung übernehmen wollen.“

Und die anderen, die „keine Chancen besitzenden Kandidaten“, wie es Hendrik Jürgens von der FDP am Abend in Sottrum sagt? Sie haben insgesamt gesehen beim Ergebnis Bedeutung. Dritte Kraft im Wahlkreis ist die AfD, ihr Kandidat Michael Stewart holt 8,19 Prozent. „Darauf lässt sich aufbauen“, freut er sich, man sei schließlich „ohne jegliche politische Erfahrung“ angetreten. Und hätten nicht viele seiner Unterstützer noch „taktisch gewählt“, um Klingbeil zu verhindern – die AfD wäre seiner Meinung nach noch stärker gewesen. Ellen Gause holt für Bündnis 90 / Die Grünen 4,80 Prozent, Jürgens für die Liberalen 4,49 Prozent, Agnes Hasenjäger erkämpft 4,14 Prozent für Die Linke, und der nimmermüde Kandidat der Freien Wähler, Günter Scheunemann, kommt auf 1,1 Prozent der Stimmen. Dass er damit den Sieg im Wahlkreis knapp verpasst, löst für den Rotenburger Feuerwehrmann Scheunemann allerdings ein Problem: Er kann in drei Wochen nun bei der Landtagswahl antreten.

Alle Ergebnisse des Wahlkreises hier

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