„Der Körper reagiert darauf“

Drucker Sebastian Richter spricht über seinen Alltag im Schichtdienst

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Sebastian Richter ist seit vielen Jahren im Druckhaus in Walsrode tätig. Er arbeitet wechselweise in der Tag- sowie in der Nachtschicht. Das sei nicht leicht, wenn es um die sozialen Kontakte geht. Aber er bekommt das gut hin.

Rotenburg - Von Guido Menker. Regelmäßiger Schlaf – und zwar in der Nacht – ist für die meisten Menschen eine ganz normale Sache. Aber eben nicht für alle. Vor allem diejenigen, die im Schichtdienst ihr Geld verdienen, können ein Lied davon singen. In einem Gespräch mit der Redaktion berichtet der 38-jährige Sebastian Richter aus Wittorf über seine Erfahrungen in der Nachtschicht – er ist als Drucker in Walsrode tätig, wo auch die Rotenburger Kreiszeitung gedruckt wird.

Herr Richter, es ist 11.30 Uhr. Sind sie schon richtig wach?
Sebastian Richter: Ja, ich bin wach. Aber es ist schon etwas anderes, wenn man sich im Tag- und Nachtschicht-Rhythmus befindet. Der Körper reagiert darauf. Und von daher dauert es eine ganze Weile, bis sich eine ganz normale Wachsituation einstellt.

Wie sieht eine normale Woche mit der Nachtschicht für Sie aus?
Richter: Bezogen auf die Nachtschicht sieht das so aus, dass man zunächst rechtzeitig mit den Druckvorbereitungen für die unterschiedlichen Zeitungen beginnt. Dazu gehören die Plattenproduktion, das Einrichten der Zeitungsrotation bis hin zum Druck selbst sowie dem Abrüsten der Maschine. Geht es um mein privates Umfeld, komme ich in der Regel erst in den frühen Morgenstunden zum Schlafen. Dadurch geht für mich der Vormittag verloren. Aber ab Mittag kann ich mich dann um private Dinge kümmern.

Sie machen das schon seit vielen Jahren. Wie geht es Ihnen mit diesem Rhythmus?
Richter: Ja, ich fühle mich dadurch schon auch körperlich belastet, weil der Mensch für einen normalen Tages-und-Nacht-Rhythmus konzipiert ist. Die Umstellung, nicht in der Nacht zu schlafen, ist halt eine Belastung. Nach einer Nachtschicht benötige ich einen längeren Zeitraum bis zur normalen Befindlichkeit, um dann auch aktiv zu sein. Außerdem gibt es dadurch auch Einschränkungen bei Kontakten im sozialen Umfeld. Wenn man Nachtschicht hat, verliert man gewisse Kontakte. Abends mal eben zum Grillen bei Freunden zu gehen, ist einfach nicht drin.

Es heißt immer wieder, Schichtdienst sei nicht gesund. Wie fit, wie gesund fühlen Sie sich?
Richter: Ich fühle mich soweit ganz fit. Man stellt sich körperlich darauf ein. Aber klar, es ist gesundheitlich beeinträchtigend. Das merkt man. Man steht früher auf, braucht länger, ehe man fit für den Tag ist. Dennoch: Generell fühle ich mich gesund.

Arbeiten, wenn andere schlafen – wie geht eigentliche Ihre Familie mit der Situation um?
Richter: Meine Familie muss sich darauf einstellen. Immer wieder neu. Und sie muss natürlich Rücksicht nehmen. Wenn ich vormittags schlafe, sollte es im Haus schon ein bisschen ruhiger sein. Aber es gibt auch einen kleinen Vorteil: Ich kann während der Nachtschicht-Woche den Nachmittag privat nutzen. Dann kann ich Dinge erledigen, für die ich sonst einen Urlaubstag nehmen müsste.

Wie lange machen Sie das eigentlich schon?
Richter: Ich habe in den vergangenen Jahren viele Stationen durchlaufen. Seit rund 15 Jahren bin ich im Schichtbetrieb tätig. Ich habe aber in dieser Zeit auch in anderen Druck- und Verlagshäusern zeitweise nur Nachtschicht gemacht. Das ist dann natürlich eine ganz andere Belastung. Außerdem war ich auch viel im Tagesgeschäft tätig. Zurzeit bin ich in der Wechselschicht.

Sie haben einen wirklich schönen Beruf, der Sie allerdings auch auf ganzer Linie fordert. Wie gelingt es Ihnen, sich am Arbeitsplatz wach zu halten?
Richter: Damit habe ich keine Probleme. Dafür sorgt allein schon der Umstand, dass ich sehr konzentriert sein muss.

Sie drucken in Walsrode unter anderen die Rotenburger Kreiszeitung, die am Sonntag 150 Jahre alt wird. Das heißt auch, dass Sie jeden Tag einer unserer ersten Leser sind. Sie setzen alles daran, dass die Kreiszeitung auch gut aussieht. Wie machen Sie das?
Richter: Ja, natürlich muss ich zusammen mit meinen Kollegen laufend die Qualität der Zeitung kontrollieren. Dabei lese ich allerdings weniger, sondern schaue mir eher das gesamte Textbild mit den Fotos und den Anzeigen an, um eine Feinjustierung in der Produktion vorzunehmen. Als gelernter Rotationsdrucker kommt mir meine Ausbildung zugute. Darüber hinaus bin ich Medienfachwirt, und als ausgebildeter Elektriker kann ich bei Störungsausfällen eingreifen.

Wie wichtig ist Teamwork?
Richter: Ja, klar. Wir müssen schon sehr aufeinander eingehen. Einzelgänger sind in der Druckerei nicht gefragt. Das funktioniert so nicht. Es gibt viele Parameter, die immer wieder abgestimmt werden müssen. Die Aufgaben werden dabei sehr klar verteilt. Das heißt, wir müssen uns aufeinander verlassen können. Wenn das nicht funktioniert, funktioniert das ganze Team nicht.

Sie haben vorhin schon die Probleme im sozialen Umfeld angesprochen. Können Sie das vielleicht noch einmal ein wenig erläutern. Wie ist es mit Vereinen, mit Sport, mit Freunden?
Richter: Es ist definitiv nicht leicht. Ich kann Sport machen, ja. Aber Mannschaftssport fällt da schon mal raus. Wenn die anderen trainieren, bin bei der Arbeit. Daran kann ich alle zwei Wochen teilnehmen, wenn ich in der Tagesschicht bin. Auch was den Freundeskreis angeht, ist es mitunter sehr schwierig. Zu einem Geburtstag zu gehen, kann problematisch sein. Anders ist es an den Wochenenden, weil für uns zurzeit keine Produktion an einem Samstag läuft.

Wann fangen Sie eigentlich mit der Arbeit an, wenn Sie in der Nachtschicht sind?
Richter: Es ist unterschiedlich. Das hängt auch von den Produkten ab. Generell ist das Unternehmen in zwei Schichten aufgebaut. Es gibt die Tagesschicht, die endet um 18 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt beginnt dann auch schon die Nachtschicht. Diese endet dann mit dem Auslaufen der Produktion. Das kann um zwei, oder auch um drei Uhr oder sogar noch später sein, wenn es zum Beispiel zu technischen Störungen kommt.

Das klingt so, als sei alles an der Nachtschicht nur schlecht. Welche Vorteile genießen Sie dadurch?
Richter: Das Unternehmen ist flexibel gestaltet, was die Zeiten angeht. Da wird schon versucht, das eine oder andere zu ermöglichen. Vorteile ergeben sich für mich und meine Kollegen durchaus in der Freizeit. Man kann viele Termine am Nachmittag wahrnehmen, wie es sonst vielleicht nicht möglich ist. Ob es nun Behördengänge sind oder familiäre Unternehmungen. Durch die Schichtarbeit gibt es auch einen steuerlichen Vorteil. Wenn man das allerdings der gesundheitlichen Belastung gegenüberstellt, ist das fair und okay, aber ganz sicher kein echter Vorteil in dem Sinne.

Sie haben zwei Kinder. Die beiden freuen sich ganz sicher, wenn der Papa tagsüber Zeit für sie hat.
Richter: Das tun sie. Gerade jetzt an den Sommertagen gibt es schon schöne Situationen. Und wenn wir die Möglichkeit haben, diese gemeinsame Zeit zu nutzen, machen wir das auch.

Kommen wir zu Ihren nächtlichen Dienstzeiten zurück. Was machen Sie, um der Müdigkeit zusätzlich entgegenzuwirken? Viel Kaffee?
Richter: Jeder tickt da anders. Ich bin zwar Kaffeetrinker, Aber ich denke schon, dass die Ernährung insgesamt eine Rolle spielt. Daher versuche ich, mich auch in der Nacht gesund zu ernähren – mit frischem Obst beispielsweise. Dabei vermeide ich zu fettige und damit schwer im Magen liegende Speisen. Sonst wird man nämlich träge und müde. Eine ausgewogene Ernährung hilft mir da.

Sie müssen von Woche zu Woche umswitchen – von Früh- auf Spätschicht und umgekehrt. Wie schaffen Sie das? Was macht mehr Spaß?
Richter: Gar nicht schwer. Wir haben dazwischen ja immer das Wochenende als Puffer. Und dann können wir abends auch mal essen gehen. Beide Schichten haben Vor- und Nachteile, die sich durch den Wechsel ausgleichen. Man muss seine Arbeit gerne machen. Das garantiert ein gutes Druckergebnis. Auch freue ich mich über eine zwischenzeitliche Abwechslung im Tätigkeitsfeld als Fachkraft für Arbeitssicherheit für mehrere Druckstandorte. Das Gute an der Frühschicht: Wir fangen gegen 9 Uhr an – da bleibt genügend Zeit, um morgens noch schön zu frühstücken. Und dann kann ich die Kreiszeitung auch ganz in Ruhe lesen.

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