Neuer Bedarfsplan im Kreis Rotenburg

DRK sieht Notfallplan skeptisch

Rettungswagen beim Unfall
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Niemand muss befürchten, dass der Rettungswagen künftig zu spät kommt, betont der Landkreis. Wie die neue Struktur allerdings personell umgesetzt werden soll, ist noch unklar.

Dass der Landkreis seinen Bedarfsplan für den Rettungsdienst fortschreibt, ist meist nicht viel mehr als ein Verwaltungsakt. Nun aber treten Probleme auf, kritisiert der durchführende DRK-Kreisverband Bremervörde. So, wie vom Gutachter vorgeschlagen, klappt es personell nicht.

Rotenburg/Bremervörde – Über die Notfallversorgung im Landkreis Rotenburg ist in den vergangenen Jahren viel und kontrovers diskutiert worden. Der Kreis leistet sich mehr Rettungswachen als von den Kassen als nötig erachtet, hat aber auch die Ostemed-Klinik in Zeven geschlossen. Nun gibt es einen neuen „Bedarfsplan für den Rettungsdienstbereich Landkreis Rotenburg“. Ein hochkomplexes Thema mit am Ende ganz einfachen Fragestellungen: Kommen die Rettungswagen im Notfall noch schnell genug beim Patienten an, und was bedeutet der Plan für die Mitarbeiter? Es gibt Kritik.

178 Seiten lang ist das Gutachten des beauftragten Sachverständigen Dr. Holger Behrendt. Für den Landkreis am wichtigsten: Befürchtungen einer Unterversorgung seien „unbegründet“. Die Bedarfsplanung diene dazu, den aktuellen Bedarf an Rettungsmitteln festzustellen, und erfolge auf Basis von Einsatzdaten. „In diesem Fall ist die Bedarfsplanung auf Basis der Einsatzdaten mehrerer Jahre erfolgt, die somit eine valide Grundlage darstellen. Die zeitweise Besetzung zusätzlicher Fahrzeuge an weiteren drei Standorten ist ein gutes Beispiel“, so der Wortlaut der Pressemitteilung aus dem Kreishaus. Umgesetzt werden soll das neue Konzept zum 1. April 2022 von der Vereinigung, die vom Landkreis mit der Durchführung des Rettungsdienstes beauftragt ist: dem DRK-Kreisverband Bremervörde. Und dort sorgt die Beschlusslage des Kreises für Stirnrunzeln.

Zwar verspricht DRK-Geschäftsführer Rolf Eckhoff, alles zu unternehmen, um das Konzept zum 1. April umzusetzen. Doch wie das gelingen soll, wisse er nicht. Etwa acht zusätzliche Notfallsanitäter werde er dank Schichtumstellungen und zusätzlicher Vorhalte-Kapazitäten im Südkreis benötigen. „Und ich weiß nicht, wo ich die herbekommen soll. Wir suchen jetzt schon händeringend“, so Eckhoff, dessen Angestellte im Rettungsdienst bereits jetzt einen großen Berg an Überstunden und Resturlaub vor sich herschieben.

Zudem werden an einigen Standorten bauliche Veränderungen nötig sein, um die zusätzlichen Fahrzeuge unterzubringen. Wann und ob die Veränderungen also in Kraft treten, ist zweifelhaft. Für Eckhoff gilt derweil das Motto: ganz oder gar nicht. „Wir fangen nicht an, den Bedarfsplan in Teilen umzusetzen“, stellt Eckhoff klar.

Der Bedarfsplan für den Rettungsdienst

Neun Rettungswachen gibt es im Landkreis Rotenburg: in Bremervörde, Gnarrenburg, Lauenbrück, Rotenburg, Sittensen, Sottrum, Tarmstedt, Visselhövede und Zeven. Die Kosten des Rettungsdienstes werden im Haushalt des Landkreises unterteilt in die Kosten für den bedarfsgerechten Rettungsdienst, die von den Krankenkassen refinanziert werden, und die Kosten für den nicht bedarfsgerechten Rettungsdienst, den sich der Landkreis zusätzlich leistet. Die Kosten dafür sind für 2022 mit insgesamt 1,26 Millionen Euro veranschlagt. An den Standorten wird aber nicht gerüttelt, das müsste der Kreistag gesondert beschließen – und damit die Regelungen des Bürgerentscheids von 2009 zurücknehmen. Nach dem Niedersächsischen Rettungsdienstgesetz ist der Bedarfsplan für den Rettungsdienst regelmäßig fortzuschreiben. Folgen des jetzt vorgelegten Plans sind Verschiebungen in der Vorhaltung der Rettungsmittel zwischen den Standorten. Maßgebliche Änderung ist dabei nach Angaben der Kreisverwaltung die Stationierung eines zweiten Rettungswagens an drei Rettungswachen (Sottrum, Sittensen, Visselhövede) und dessen zeitabhängige Besetzung. Der zweite Rettungswagen an der Rettungswache Bremervörde ist dagegen wie in Rotenburg nicht mehr durchgängig, sondern ebenfalls zeitabhängig zu besetzen.

Einen der Gründe für die veränderte Bedarfszumessung sieht Eckhoff in der Vorgehensweise des Gutachters. So könnten die Tage wahlweise in zwei Schichten à zwölf Stunden oder alternativ in drei Schichten à acht Stunden geteilt werden. Der Gutachter entschied sich für Letzteres und damit gegen die im Rettungsdienst des Landkreises gelebte Praxis. In einem Acht-Stunden-Schichtsystem wäre der Personalbedarf größer, was den DRK-Kreisverband vor ein zusätzliches Problem stellt. Und da die Einsatzdichte in der Nacht normalerweise geringer ist, wird der Bedarf zwischen 23 und 7 Uhr in Bremervörde un Rotenburg als zu gering für einen zweiten RTW eingestuft.

Das Gutachten könne rein rechtlich zweifelsfrei auf dieser Grundlage durchgeführt werden, betont Eckhoff. Er verweist auf die Präferenz der Krankenkassen für das vom Gutachter gewählte Vorgehen. Dennoch weiß der DRK-Geschäftsführer: „Die Belegschaft hätte sich sicher etwas anderes gewünscht.“

Derjenige, der das wohl am besten beurteilen kann, ist Christoph Kampa. Der 38-jährige Notfallsanitäter ist Betriebsratsvorsitzender des DRK Kreisverbandes Bremervörde. Ich gehe aktuell nicht davon aus, dass wir dieses Gutachten zum 1. April umsetzen können“, prognostiziert Kampa. Nicht zuletzt deshalb, weil die geänderten Dienstpläne noch einer Genehmigung durch den Betriebsrat benötigen würden. In dieser Hinsicht sehe er aus Arbeits- und Überlastungsschutzgesichtspunkten schwarz. Denn der Plan des Landkreises beinhalte quasi das genaue Gegenteil davon.

Für mich erschließt sich in diesem Zusammenhang nicht, warum man zur Bemessung genau den Zeitraum nimmt, in dem Corona-Lockdown herrschte.

Christoph Kampa, Betriebsratsvorsitzender DRK Kreisverband Bremervörde

Die tariflich vereinbarte Arbeitszeit beträgt dank Arbeitszeitausweitung 45 statt 38,5 Stunden pro Woche. Mit vier Zwölf-Stunden-Schichten pro Woche sind es effektiv 48, verteilt auf vier Tage. Bei einer Umstellung auf ein Dreischichtsystem im Rettungsdienst würden weitere Dienste für die Belegschaft hinzukommen, die ohnehin schon an der Belastungsgrenze arbeite und die Work-Life-Balance endgültig aus dem Gleichgewicht bringen. Eine Umstellung auf das Drei-Schicht-System hält Kampa nur bei der Reduzierung der Arbeitszeit auf 38,5 Stunden pro Woche für umsetzbar. Doch dafür dürfte wiederum das Personal fehlen.
Speziell im Bereich der Notfallsanitäter, von denen auf jedem RTW einer vertreten sein muss, sei die Situation bereits jetzt von akuten Nachwuchssorgen bei der Ausbildung, Schwierigkeiten bei der Vereinbarung von Familie und Beruf sowie einer wachsenden Zahl von Berufsaussteigern geprägt. Kampa: „Viele Jüngere machen den Job nicht das ganze Berufsleben.“ Auch bei den Rettungssanitätern sei die Lage nicht wirklich besser. Langfristig drohe somit die Situation, dass nicht mehr alle vorgesehenen Fahrzeuge besetzt werden könnten, befürchtet Kampa. Eine Sorge, die Eckhoff teilt.

„Stolpersteine“ im Gutachten sieht er diesbezüglich nicht zuletzt durch die Beeinflussung der Einsatzzahlen im Untersuchungszeitraum durch die Corona-Pandemie sowie die Tatsache, dass das Gutachten um einige Zahlen „bereinigt“ worden sei, sagt Kampa. So etwa bei Einsätzen in Nachbarlandkreisen. „Für mich erschließt sich in diesem Zusammenhang nicht, warum man zur Bemessung genau den Zeitraum nimmt, in dem Corona-Lockdown herrschte“, so Kampa.

Diesen Zusammenhang erkennt der Landkreis zwar ebenfalls an und spricht von einem Trend zur Reduzierung der Einsätze wegen der Pandemie. Als zweiter von zwei als „wahrscheinlich“ bezeichneten Gründen wird hingegen das bundesweite Bemühen genannt, „die stetig steigenden Einsatzzahlen bundesweit mit verschiedensten Maßnahmen einzubremsen“, beispielsweise die Einführung der strukturierten Notrufabfrage im Landkreis.

Wie der Rettungsdienst im Kreis ab dem kommenden Jahr organisiert wird, scheint zum jetzigen Zeitpunkt also trotz des Gutachtens mehr als unklar. Umso deutlicher plädiert der Betriebsratsvorsitzende Christoph Kampa noch einmal für ein Umdenken bezüglich der Arbeitsbedingungen im Rettungsdienst. Unter hoher Belastung müssten diese in absoluten Ausnahmesituationen verantwortungsvolle Tätigkeiten ausführen. Vielfach sei ihm und seinen Berufsgenossen während der Pandemie applaudiert worden, auch monetär sei der Beruf aufgewertet worden. Doch wirklich wichtig sei eine dauerhafte Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

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