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DRK-Kriseninterventionsteam soll weiter ausgebaut werden

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Von: Ann-Christin Beims

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Alexandra Rothgeber stützt in einer Trainingsszene eine Betroffene.
Nach Ereignissen, die seelisch belastend sind, rückt auch das Helferteam der DRK-Krisenintervention aus. Alexandra Rothgeber (l.) stützt hier in einer Trainingssituation eine Betroffene. © Andreas Rothgeber/DRK Kreisverband Bremervörde

Bei schweren Unfällen oder Katastrophen werden Seelsorger und seit 2018 im Kreis Rotenburg auch das DRK-Kriseninterventionsteam (KIT) hinzugezogen. Sie leisten Akuthilfe, hören zu, wissen Rat in der Not. Und weil der Bedarf steigt, wollen sich die Freiwilligen noch breiter aufstellen.

Rotenburg – Es gibt Not- oder Unfälle, die von einer Sekunde auf die andere das Leben verändern können. Das kann beispielsweise ein schwerer Verkehrsunfall sein oder ein Umweltereignis mit Folgen. Das bedeutet große Belastungen entweder für die Betroffenen oder je nach Ereignis für Angehörige, Hinterbliebene oder Unfallzeugen. In solchen Situationen werden nicht nur Polizei, Feuerwehr oder Krankenwagen alarmiert, sondern auch weitere Ersthelfer: Seelsorger oder auch die Kriseninterventionsteams des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Auch der Kreisverband Bremervörde hat seit 2018 ein solches Team im Einsatz. Und die bisherige Erfahrung zeigt: „Es wird immer mehr angenommen“, so Alexandra Rothgeber.

Das Kriseninterventionsteam (KIT) wird von der Einsatzleitstelle mit angefordert. Die gut ausgebildeten Ehrenamtlichen bieten den Menschen, die unter psychischer Belastung stehen oder ein Trauma durchleben, eine erste Anlaufstelle. Sie hören zu, geben Ratschläge, so Rothgeber. Sie lassen, wenn nötig, am Ende auch Kontaktdaten da oder Adressen für weitere Anlaufstellen. „Wir gehen nie, ohne einen Ansprechpartner da zu lassen.“ Aber auch für die Einsatzkräfte vor Ort sind sie da, denn manche Situationen fordern diesen einiges ab. „Das ist nicht immer einfach, wegzustecken“, weiß Rothgeber.

Wie wichtig diese Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) ist, ist spätestens mit dem Zugunglück von Eschede 1998 endgültig klar geworden, erinnert sich die Gruppenleiterin der PSNV-Gruppe beim Kreisverband. Notfallseelsorge gibt es seit mehr als 20 Jahren, als Pendant dazu ist später die PSNV beim DRK entstanden. „Wir schaffen damit ein zusätzliches Angebot und werden oft gleichzeitig alarmiert“, so die Leiterin.

Zuletzt war das Kreisverbands-Team erstmals auch überregional gefordert: Zwei Mitglieder wurden nach der Flutkatastrophe im Ahrtal zur Unterstützung angefordert. Sie haben die Menschen vor Ort aufgesucht, versucht, ihnen in den ersten Tagen danach bei der Bewältigung der Ereignisse zur Seite zu stehen. Mit 140 Notfallseelsorgern waren sie dabei, „und es hätten noch 1 000 mehr sein können“, hatte Andrea Grabau damals im Interview mit der Kreiszeitung ausführlich berichtet.

Keine privaten Probleme in Notsituationen mitnehmen

Die Ausbildung der Ehrenamtlichen für solche Notfalleinsätze umfasst mehrere Wochenenden, an denen zunächst Theorie auf dem Lehrplan steht. Zum anderen gibt es situative Handlungstrainings, und am Ende wartet eine Prüfung. Danach steht noch eine Hospitationsphase an, während der die Neuzugänge ein erfahrenes Mitglied begleiten und alles beobachten.

Ohnehin sei es wichtig, im Team loszufahren, betont Rothgeber. Das bietet die Möglichkeit, sich auch untereinander noch einmal auszutauschen. Zusätzlich gibt es regelmäßige Supervisionen für die Ehrenamtlichen, ebenso Fortbildungen. „Denn auch die eigene Nachsorge ist sehr wichtig.“ Durch die Arbeit lerne man auch, sich selber Gedanken zu machen, wie man mit verschiedenen Situationen umgehen kann. Auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod rückt näher. „Aber ich muss mich in dem Moment auf die Person konzentrieren, die vor mir ist“, betont Rothgeber. Private Probleme, Sorgen oder eigene Gedanken müssen dann hinten anstehen. „Deswegen ist es wichtig, dass unsere Helfer mit beiden Beinen im Leben stehen. Man darf keine eigenen Probleme verarbeiten dabei, das funktioniert nicht“, sagt sie.

Daher werden im Vorfeld Gespräche geführt, in denen sich zeigt, ob jemand für dieses Ehrenamt geeignet ist. So müssen die Interessierten mindestens 25 Jahre alt sein, sollten einen Führerschein besitzen und sich in der deutschen Sprache gut verständigen können. Manchmal werden sie auch zur Hilfe gerufen, und die Betroffenen sprechen kein oder kaum Deutsch. „Für den Fall gibt es eine Liste mit Dolmetschern.“ Wichtig sind auch Empathie und Offenheit. „Denn die Betroffenen haben oft Schreckliches erlebt.“

Verstärkung für das KIT

Wer sich vorstellen kann, in der Akuthilfe ehrenamtlich zu unterstützen, kann sich für weitere Informationen per E-Mail an Alexandra Rothgeber wenden: PSNV@drk-bremervoerde.de.

Nachwuchs zu finden, ist allerdings gar nicht so einfach – vor allem in der momentanen Corona-Situation. Dabei hat die Pandemie grundsätzlich nicht so viele Veränderungen für die Helfer gebracht, weil sie weitermachen durften – natürlich unter den gegebenen Sicherheitsvorschriften und mit Einschränkungen. So tragen alle Masken, und Berührungen sind wesentlich seltener geworden. „Aber wir sind manchmal auch einfach nur zum Schweigen da oder hören einfach nur zu“, sagt Rothgeber.

Aber die Pandemie erschwert eben die Nachwuchssuche. „Wir schauen in den eigenen Reihen, in den DRK-Bereitschaften. Dort macht jeder Helfer eine Grundausbildung und hat damit Grundlagen der PSNV. Das ist ihnen nicht fremd. Aber genauso schön ist es, weitere Helfer von außen dabei zu haben“, wünscht sie sich. „Denn wir wollen und müssen größer werden.“

Die Nachfrage nimmt stetig zu, aber das derzeit zwölfköpfige Team verteilt sich noch vor allem auf den Nordkreis. Zwar gibt es auch Freiwillige aus dem Südkreis, doch erhofft sich Rothgeber für die Zukunft weitere Mitstreiter, die in Krisensituationen unterstützen möchten.

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