Dritter Teil der Serie über den Alltag in unseren Schulen

Alles neu

+
Ciaran und Emily haben mir stolz ihre tolle Schule gezeigt.

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Es ist die dritte Schule, die ich besuche, die einen „offenen Anfang“ hat: Zwischen 7.45 und 8 Uhr kommen die Kinder an. Man tauscht sich aus, liest etwas gemeinsam, kann die Lehrerin befragen, gemeinsam spielen…

Lesen Sie auch:

Erster Teil der Serie in der Montessori-Grundschule Rotenburg

Zweiter Teil in der Rotenburger Stadtschule

Dritter Teil über die Integrierte Gesamtschule

Um 8.05 Uhr betätigt Catherine Lorenz einen kleinen Gong, um 25 Sechstklässler zur Ruhe zu bringen. Seit vier Jahren arbeitet sie als Lehrerin, seit zwei Jahren ist sie in Rotenburg an der IGS: „Guten Morgen, alle zusammen“, erwidern die Zwölf- bis 14-Jährigen ihre Begrüßung im Chor. Man sitzt an klassischen Schultischen, meistens in Vierergruppen, locker im Raum verteilt: Lehrerin vorne, PC-Tastatur und andere technische Hilfsmittel vor sich. Deutsch ist angesagt. Heute wird der Schluss eines Buches gelesen, das die Klasse einige Zeit begleitet hat – zu Hause und in der Schule. Die Geschichte eines 13-jährigen Jungen, der nach einem Unfall blind geworden war. „Wie war‘s denn, das Buch“, frage ich schnell zwischendurch. „Spannend“, kommt die spontane Antwort der zwei, die mit mir am Tisch sitzen.

Dann werden Arbeitsaufgaben dazu verteilt, die die Deutschlehrer an der Schule selbst entwickelt haben. Auch an dieser Schule arbeiten die Schülerinnen und Schüler viel selbstständig. Die Arbeitsblätter haben ein unterschiedliches Anforderungsniveau: Mit „Raute“ (höheres Niveau), mit „Viereck“ im „mittleren Bereich“. „Dreieck“ ist Förderniveau. Mitunter, so auch heute Morgen, ist eine zweite Lehrkraft im Raum, die sich speziell um „Schüler mit Unterstützungsbedarf“, wie es im Fachjargon heißt, kümmert. Catherine Lorenz geht derweil herum, überprüft die Lösungen der Arbeitsaufgaben, verteilt „Smileys“ oder „Merits“ (Sterne) für gute Leistungen.

Noten gibt es auch hier noch nicht (frühestens ab der 8. Klasse), aber auf einer individuellen Bewertungsskala können alle durchaus ablesen, wie sie in ihrem Niveaubereich stehen. Für alle Schüler gibt es ein „Logbuch“ von der Schule („Jeder Kapitän besitzt ein Logbuch, in welches er alles einträgt“). Und wie ein Kapitän auf dem eigenen Schiff tragen hier alle ein, was ihnen wichtig ist: ihre Klasse, ihre Ziele, den Stundenplan. Es gibt ein Feedback von der Lehrerin, auch Entschuldigungen sind hier vermerkt, falls jemand krank war.

Fast 80 Minuten sind rum – der Unterrichtstakt an der IGS. Vor der ersten großen Pause also: Logbuch ausfüllen, Sachen zusammenräumen, Stille. „Ihr habt toll gearbeitet,“ bemerkt die Lehrerin. Dann aber: nix wie raus! Zwei Sechstklässler haben sich extra angeboten, mir ihre Schule zu zeigen. Ich gehe gerne mit und freue mich an der Begeisterung von Ciaran und Emily. Toll!

„Good job“

Nach einer halben Stunde Pause kommt Birthe Asmis-Jägers in die Klasse. Sie ist die andere Klassenlehrerin der 6.4 – alle Klassen haben zwei Klassenleiter(-innen). And now: English! Ab sofort geht es nur noch englischsprachig weiter. Die Klasse versteht (nach gerade erst 18 Monaten) die Lehrerin fast durchgängig, obwohl diese wirklich konsequent nur Englisch spricht. Die Antworten geraten noch etwas einsilbig, aber immerhin. Fragen darf man immer, übrigens gerne auch Mitschülerinnen oder Mitschüler. „Good job“, lobt Asmis-Jägers, wann immer jemand richtig geantwortet hat. Und sie lobt oft, obwohl sie sich selbst als „strenge Lehrerin“ sieht.

Am „ActivBoard“, einer Art Riesen-iPad als Tafelersatz, erscheint eine Bildgeschichte: Robin Hood. Alles, was zu sehen ist, wird auf Englisch benannt. Nachfragen auch hier: „What is: to hang?“, fragt jemand, als im Text angekündigt wird, dass der berühmt-berüchtigte Sheriff von Nottingham Robin Hood an den Galgen bringen will. Die Lehrerin deutet einen Strick an ihrem Hals an und erklärt kurz und englisch, was damit gemeint ist. Da rutscht es dann einem 13-jährigen doch auf Deutsch raus: „Ey, Alter, geil!“ Strafender Blick von vorne.

Wieder geht‘s an die Partnerarbeit mit Arbeitsblättern. Das ist vertraut, das klappt. Viel Eigenarbeit ist ein Grundsatz – auch an der IGS. Aber nach 80 Minuten wird es schwieriger mit der Konzentration. Endlich ist wieder Pause.

Der Gast darf mit ins Lehrerzimmer. So was habe ich vermutlich vor Jahrzehnten zum letzten Mal von innen gesehen. Sehr nett hier, und alle sehr freundlich. Auch der Schulleiter guckt extra noch mal rein. Mindestens drei Mal werde ich gefragt, ob ich noch Fragen hätte, wie es mir geht, und ob alles okay sei. Alles okay. Auch hier wieder: Alles ist anders als früher, mit Sicherheit nicht alles besser. Aber doch, dieses Zwischenergebnis erlaub‘ ich mir, vieles!

Dritter „Lernblock“: 80 Minuten Religion. Richtiger wohl: Religionskunde. Klassenübergreifend lernen die sechsten Jahrgänge die Grundzüge der drei großen monotheistischen Weltreligionen kennen. Alle Türen auf dem Flur stehen offen. An allen Tischen gibt es Arbeitsaufgaben, die zu zweit, zu viert oder auch allein zu lösen sind. Die Lehrerin spielt dazu leise klassische Musik ein, „um ein ruhiges, entspanntes Arbeiten“ zu ermöglichen. Die Jugendlichen gehen mal hierhin, mal dorthin und beschäftigen sich mit Judentum, Islam und Christentum.

Der Beobachter ist sich nicht ganz sicher, ob es notwendig ist, dass Zwölfjährige die lateinischen Namen der fünf Bücher Mose wissen müssen, aber natürlich lernt der Mensch nie so schnell wie in diesem Alter. Trotzdem: Der Geräuschpegel in den Klassen steigt deutlich an. Die schöne klassische Musik verliert sich ein wenig im Hintergrund. Es geht langsam aber sicher auf 13 Uhr zu. Der Akku einiger ist nahe Null, scheint es. Außerdem meldet sich der Magen. Die Mensa (die hier tatsächlich „Restaurant“ heißt) öffnet.

Ich bin auch geladen. Ciaran und Emily, meine Schul-Begleiter, hatten mir morgens gezeigt, wie ich mir am PC mein Mittagessen aussuchen und bestellen konnte (Schnitzel war übrigens schon um kurz nach acht aus). Ich stelle mich in die Schlange am Ausgabetresen und hole mir meine Alternativ-Portion ab. Mit meinem Tablett lande ich an einem Tisch von Neuntklässlern aus der benachbarten Theodor-Heuss-Schule. Auch die: alle ausnehmend freundlich und sehr höflich. Mindestens zehnmal schallt mir ein „Guten Appetit“ entgegen.

Nachmittagsunterricht

Eine Stunde dauert die Mittagspause. Dann geht es für die meisten noch 80 Minuten weiter: Entweder Sprachunterricht (zweite Fremdsprache) oder eine Pflicht-Arbeitsgemeinschaft (AG). Die Aussicht, jetzt noch zwei Schulstunden Latein mitzumachen, ruft in mir augenblicklich längst vergangen geglaubtes schulisches Unwohlsein hervor. So finde ich mich in der nigelnagelneuen Turnhalle ein. „Ein Traum“, wie mir die beiden Lehrkräfte für Sport, Jaqueline Mohr und Jan-Henrik Schüller, versichern. In der zweigeteilten Halle gibt es dann für die einen „Fußball“ (darunter zwei Mädchen), und für die anderen „verschiedene Sportarten“. „Eine Sprache“, die, wie Schüller bemerkt, „alle verstehen“. Auch der Flüchtlingsjunge mittendrin, der sonst kaum Deutsch spricht. Und angesichts der tollen Umgebung, der tollen Möglichkeiten und der wieder mal begeisterten und begeisternden Unterrichtskräfte, kriege ich auch schon fast selbst Lust, mitzumischen.

Die dritte Schule in meinem Parcours. Die dritte Schule, die vielen offensichtlich Spaß macht, Unterichteten wie Unterrichtenden und die dritte Schule, die – weit mehr als zu meiner Zeit – die Selbstständigkeit der Kinder fördert. Realistischer Weise klappt das nicht immer: Die Blumen vor dem Fenster eines Klassenzimmers lassen deutlich die Köpfe hängen. Immerhin: die einzigen heute.

Unsere Serie

Unser Autor hat Schulklassen in Rotenburg in verschiedenen Schularten jeweils einen Tag lang begleitet. Wie sieht Schule eigentlich heute aus? Wo sind die größten Probleme? Wie geht es den Lehrern? Was wünschen sich die Unterrichtenden und die Unterichteten? Und schließlich fragt sich der Verfasser, ob er heute vielleicht noch mal gerne zur Schule gehen würde. Früher nämlich war´s ihm ein Gräuel!

Mehr zum Thema:

Wie Jörg Michelson aus Barrien die Welt sieht

Wie Jörg Michelson aus Barrien die Welt sieht

Auf einer Reise Stockholm entdecken

Auf einer Reise Stockholm entdecken

Fußball-Tennis und viel Kopfballspiel: Werder-Training am Donnerstag

Fußball-Tennis und viel Kopfballspiel: Werder-Training am Donnerstag

Warschau will neuen Glanz für Praga

Warschau will neuen Glanz für Praga

Meistgelesene Artikel

Drei Leichtverletzte: Bürgerbus kollidiert mit Auto

Drei Leichtverletzte: Bürgerbus kollidiert mit Auto

Feuerwehren vor großer Umstrukturierung

Feuerwehren vor großer Umstrukturierung

Chef vom „Lucky Dog Hostel“ ist baff

Chef vom „Lucky Dog Hostel“ ist baff

Zahl der Juleicas im Landkreis nimmt ab

Zahl der Juleicas im Landkreis nimmt ab

Kommentare