Man dreht sich im kreis

Die AG Erdgas und die Schwierigkeit, Probleme der Förderung messbar zu machen

Aus einer Tiefe von gut drei Metern hat die Probebohrung aus der Grube „Scheeßel Z1“ am Hollerberg in Hemslingen den stark belasteten Bohrschlamm zutage gebracht. - Foto: Mull und Partner
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Aus einer Tiefe von gut drei Metern hat die Probebohrung aus der Grube „Scheeßel Z1“ am Hollerberg in Hemslingen den stark belasteten Bohrschlamm zutage gebracht.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Antworten wollen alle, aber vielleicht gibt es keine eindeutigen. Seit Herbst 2014 rätselt die Region über die erhöhten Krebszahlen in Bothel und Rotenburg. Die Erdgasförderindustrie ist mit ihren ganzen Schadstoffen für viele Kritiker der Verursacher, aber messbare und damit sichere Aussagen lassen sich dazu bislang kaum machen.

Ja, es gibt die Schadstoffe, wurde am Donnerstag auch wieder in der Sitzung der Arbeitsgruppe Erdgas- und Erdölförderung im Landkreis Rotenburg deutlich. Aber nein, die Wirkungskette ist noch lange nicht klar.

Bohrschlammgruben. Eines dieser Wörter, die in den vergangenen Jahren zum allgemeinen Sprachgebrauch geworden sind im Landkreis, obwohl sie über Jahrzehnte keine Rolle spielten. Die Gruben waren zwar da, aber kaum jemand interessierte sich. Und so verklappte die Förderindustrie wie viele andere in ihrer Pionierzeit auch hier unbehelligt das, was eben so anfiel: Stein, Sand, Matsch und „Produktionsreste“. 

Zufall ausgeschlossen, hieß es, als das Gesundheitsamt des Landkreises nach Auswertung der Krebsstudie von Bothel einen Zusammenhang erkannte: Die signifikant erhöhte Zahl hämatologischer Krebsfälle bei älteren Männern in der Samtgemeinde Bothel stehe im Zusammenhang zur Wohnortnähe zu Bohrschlammgruben. Ein Förderprogramm mit Landesmitteln und Zuschüssen der Industrie wurde aufgelegt, 24 Bohrschlammgruben im Kreisgebiet als Verdachtsflächen ausgemacht.

Auch wenn erste Befunde Stoffe wie das krebserregende Benzol, Mineralölkohlenwasserstoffe, Toluol oder Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) nachwiesen, bleibt unklar: Wie kommen sie dort hin und wie gefährlich sind sie heute für die Menschen, die hier wohnen? Bislang, so heißt es stets vom federführenden Amt für Wasserwirtschaft und Straßenbau im Kreishaus, sei keine akute Gesundheitsgefahr nachgewiesen.

„Scheeßel Z1“ als ein Beispiel

Die Grube „Scheeßel Z1“ auf dem Hollerberg in Hemslingen ist ein Musterbeispiel für das, was damals ohne große Bedenken von öffentlicher und privater Seite verklappt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden hier zunächst Sand und Kies abgebaut, ab Mitte der 1950er-Jahre nutzte die Gemeinde den Ort als Müll- und Schuttabladeplatz. 

Auch die Förderindustrie klinkte sich ein, die „Deutsche Texaco AG“ pumpte wenigstens zwei Jahre lang Anfang der 1970er ihre Bohrschlämme hier rein. Oben drauf kam schließlich wieder gemeindlicher Müll. Ein paar Jahre später war die Grube voll, die Landwirtschaft kehrte zurück, seit 2012 liegt der Bereich brach und ist mit einem Mischwald bewachsen.

Wie sich die einstige Grube genau abgrenzen lässt und vor allem, was wirklich drin ist, lässt sich nach den ersten Untersuchungen aber nicht sagen. Es gibt nur eine erste Einschätzung, nach heutigen wissenschaftlichen Maßstäben: Schadstoffe wie Benzol oder Kohlenwasserstoffe sind zu finden, dringen aber nicht über die strengen Grenzwerte hinweg nach außen oder ins Grundwasser. 

Nur eine punktuelle Messung

Aber, und das ist der Haken, den Geologin Dr. Kirsten Peymann vom beauftragten Gutachterbüro „Mull und Partner“ aus Hannover am Donnerstag in der Sitzung der AG Erdgas verkündete: „Eine Messung hat zunächst nur punktuelle Gültigkeit.“ Wenn Schadstoffe gefunden werden oder auch nicht, habe das leider keine generelle Gültigkeit, selbst nicht für die kleinflächigen Bohrschlammgruben.

Unzufrieden sind damit nicht nur die Bürgerinitiativen, sondern auch die Politik und Verbandsvertreter. So forderte am Donnerstag Volker Meyer, Geschäftsführer des Wasserversorgungsverbandes Rotenburg-Land, dass man endlich zu klaren Ergebnissen kommen müsse, um handeln zu können: „Wir drehen uns immer im Kreis. Wir müssen beweisen können, sonst bringt es nichts.“ 

Bis 2022 läuft das Förderprogramm zur Untersuchung der Bohrschlammgruben. Die Kreisverwaltung ist optimistisch, bis dahin auch die hiesigen Flächen abgearbeitet zu haben. Ergebnis: offen. Amtsleiter Gert Engelhardt: „Das bindet leider viel Arbeitskraft und ist sehr zeitintensiv, aber wir machen das.“

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