Bürgerblumenwiese wird angenommen, doch nicht jeder scheint glücklich darüber

Diskutabler Insektenhort

Peter und Sabine Erfurt sind sehr zufrieden mit ihrer Bürgerblumenwiese bei Hellwege.
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Peter und Sabine Erfurt sind sehr zufrieden mit ihrer Bürgerblumenwiese bei Hellwege.
  • Matthias Röhrs
    vonMatthias Röhrs
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Hellwege – Der Büschelschön ist schon verblüht. Nur noch vereinzelt ist hier und da einer der lila Farbtupfer zu erkennen. Peter Erfurt deutet auf eine Hummel. „Hier sucht noch eine die letzte Nahrung.“ Statt des Büschelschöns sind es mittlerweile die Sonnenblumen, die die Blicke an der Straße zwischen Hellwege und Stelle auf sich ziehen – und das noch einige Wochen lang.

Vor etwa einem Jahr hat Peter Erfurt damit begonnen, an dieser Stelle – wenige hundert Meter hinter dem Hellweger Ortsausgang – eine große Blumenwiese zu planen. Viel gehört hatte er bis dahin vom Insektensterben, er wollte etwas dagegen tun. Mit viel Idealismus pachtete er einen Hektar Feld und säte dort im Frühjahr das Saatgut aus. „Hellweger Bürgerblumenwiese“ nennt er das Projekt. Er will nicht alleine ein Zeichen setzen und lädt stattdessen die ganze Gemeinde ein, sich an diesem Projekt zu beteiligen – mit ihrer Arbeitskraft oder auch finanziell.

Idealistisch ist Peter Erfurt immer noch, aber auch um eine Menge Erfahrungen reicher. Nun steht er mit seiner Frau Sabine inmitten der Blumenwiese und schaut sich um. Die von ihm beschriebene „Hummel auf jedem Quadratmeter“ gibt es zwar nicht unbedingt, dennoch fliegt eigentlich überall ein Insekt: Neben den Hummeln sind vor allem die Honigbienen aus den einige hundert Meter entfernt stehenden Stöcken eines Bassener Imkers zu sehen, aber auch eine Vielzahl von Schmetterlingen ist zu beobachten.

Der Hellweger ist jedenfalls sehr zufrieden mit dem ersten Sommer. Dass gleich so viele Insekten die Wiese annehmen, damit hatte er nicht gerechnet. Es sei eine große positive Überraschung gewesen. Er zeigt auf die umliegenden Felder, auf denen der Mais bereits recht hoch steht. „Sonst wären hier keine Insekten“, sagt er. Noch zwei Sommer lang will er es hier blühen lassen. Dann muss er mit seiner Bürgerblumenwiese wohl umziehen.

Denn zur Geschichte gehört auch ein Streit im Dorf. Denn einige, in Erfurts Wahrnehmung die Landwirte und einige Mitglieder der Umweltgruppe, unterstellten ihm Gewinnabsichten, weil er zur Finanzierung um Spenden wirbt. Zudem schien es einige zu stören, dass mit der Blumenwiese ein Hektar Land aus der Landwirtschaft rausfällt, was in Erfurts Augen gar nicht stimme. Schließlich gebe es mit den Honigbienen und dem von ihnen erzeugten Honig ebenfalls eine gewisse Wertschöpfung. Alles gipfelte darin, dass der Eigentümer dieses Hektars ihm eine unverhältnismäßig hohe Pacht aufdrücken wollte. Erst in Nachverhandlungen einigten sich laut Erfurt beide auf eine Summe knapp über den ortsüblichen Preisen. Erfurt geht davon aus, dass sein Pachtvertrag nicht verlängert wird. Danach könnte Erfurt vielleicht auf eine gemeindeeigene Fläche umziehen. Das zumindest hat diese ihm in Aussicht gestellt.

Das bestätigt Bürgermeister Wolfgang Harling (SPD). Er ist auch Mitglied der Umweltgruppe, die seinen Worten nach das Engagement Erfurts begrüßt und unterstützt, aber sich auch klar davon abgrenzt. „Das wird häufig in einen Topf geworfen, aber es ist ausschließlich sein Projekt.“ Die Gruppe kümmere sich ausschließlich um Flächen der Gemeinde, um eben die Landwirte nicht zu tangieren. Er vermutet, dass sich die Bauern im Dorf weniger an der Blumenwiese stören, sondern an den kritischen Worten Erfurts zu Monokulturen.

Eine Gewinnabsicht oder einen kommerziellen Zweck seiner Blumenwiese will Erfurt sich auf keinen Fall unterstellen lassen. Spendenmissbrauch, -veruntreuung und Missbrauch der Umweltgruppe habe man ihm vorgeworfen. Er setzt daher auf Transparenz: Seine Kostenkalkulation ist am Rande der Wiese genau aufgeschlüsselt, genauso wie die bisherige Spendensumme. Rund 2 400 Euro benötigt Erfurt im laufenden Jahr für Pacht, Saatgut, Beschilderung, Flyer und mehr. Da einiges einmalige Kosten sind, fällt so mancher Euro an Kosten in den kommenden beiden Jahren für das Projekt weg. Sabine Erfurt schätzt, dass die jährlichen Fixkosten bei rund 1 500 Euro liegen. Online unter www.buerger-blumen-wiese.de kann man aus verschiedenen Sponsorenpaketen wählen, doch auch für kleine Beträge in der Spardose an der Wiese selbst ist Peter Erfurt dankbar.

Mittlerweile haben sich die Wogen wohl ein wenig geglättet. Man redet wieder miteinander, so Erfurt. Er will sein Projekt weiterentwickeln, in den kommenden Jahren vielleicht bessere Saatmischungen aussähen. Vielleicht gibt es irgendwann auch keine einzelne große, sondern mehrere kleinere Bürgerblumenwiesen in Hellwege, überlegt er, um auch über einen Hotspot hinaus die Insektenpopulation zu fördern. Und sollte es tatsächlich irgendwann durch Spenden einen Überschuss geben, bleibe der natürlich in der Gemeinde.

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