Diskussionsrunde im Rotenburger Rathaus zu den erhöhten Krebszahlen

Klarheit mit allen Mitteln

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Andreas Weber (v.l.) Volker Bajus, Kathrin Otte, Moderator Stefan Pulß, Dr. Matthias Bantz, Klaus Söntgerath und Heinz-Günter Bargfrede bei der Diskussion im Rathaus.

Rotenburg - Von Stefanie Heitmann. Unter dem Titel „Region in Angst – Rotenburg, der Krebs und die heikle Frage nach dem Warum“ hatte das Nordwest Radio am Mittwochabend Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Medizin und Umweltverbänden zu einer Diskussionsrunde ins Rotenburger Rathaus eingeladen. Doch nicht alle geladenen Gäste waren zu der Live-Sendung erschienen.

Der Radiomoderator Stefan Pulß fragte während der einstündigen Sendung nach den Ursachen für die erhöhten Krebszahlen im Raum Rotenburg und welchen Zusammenhang es mit den Erdgasförderungen in diesem Gebiet gebe. Zu der Runde waren unter anderem der Rotenburger Bürgermeister Andreas Weber (SPD), Volker Bajus, umweltpolitischer Sprecher der Grünen im niedersächsischen Landtag, Heinz-Günter Bargfrede, CDU-Fraktionschef im Rotenburger Kreistag, und Klaus Söntgerath, Abteilungsleiter Energiewirtschaft im Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG), erschienen. Auch Matthias Bantz, Internist und Umweltmediziner, sowie Kathrin Otte, stellvertretende Vorsitzende des Gemeinnützigen Netzwerks für Umweltkranke (Genuk), wollten über die Problematik reden. Einzig Vertreter von „ExxonMobil“, die im Kreis Rotenburg Erdgas fördern, hatten abgesagt. „Spekulationen sorgen nur für eine Verunsicherung der Bevölkerung“, las Pulß aus der Absage vor.

Umweltmediziner Bantz erläuterte den aktuellen Stand der Erkrankungen. Auffallend seien Leukämieerkrankungen und Erkrankungen des Lymphsystems.

Bantz: „In Bothel sind 42 Fälle bekannt. Das sind 100 Prozent über den statistisch erwartbaren Fällen. In Rotenburg liegen die tatsächlichen Erkrankungen rund 30 Prozent über den statistischen Annahmen.“ Ob die in den betroffenen Gebieten nachgewiesenen Substanzen, die Krebs auslösen können, auch tatsächlich verantwortlich seien, müsse noch bewiesen werden. Bantz schloss einen Zusammenhang aber nicht aus.

Vor allem die Verbindungen mehrerer giftiger Stoffe seien stark gesundheitsgefährdend, führte Bantz anhand von schwedischen Studienergebnissen aus. Auch Bürgermeister Weber schloss sich dem an: „Wir fragen uns, was die Ursache dafür ist, und die Erdgasförderung könnte eine Antwort sein.“ Weber hatte sich bereits vor eineinhalb Jahren in Briefen an Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) und den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) gewandt und auf schnelle Aufklärung sowie Stopp der Erdgasförderung gedrängt.

Weil die Arbeiten an den Gasförderstellen nachlässig oder mit falschen Materialien ausgeführt würden, sei ein Austreten und Versickern von toxischen Substanzen wie Benzol und Quecksilber möglich, erläuterte Kathrin Otte. Sowohl Weber als auch Heinz-Günter Bargfrede und Klaus Söntgerath forderten ein Monitoring und permanente Kontrollmessungen. „Wir erhoffen uns eine Aufstockung des Personals, um mit allen wissenschaftlichen Mitteln eine Aufklärung der auftretenden Krankheitsfälle zu erreichen“, so Bargfrede.

Auch das LBEG benötige mehr Mitarbeiter. „Was wir brauchen, sind direkte Ansprechpartner vor Ort und ständige Kontrollen der Förderarbeiten“, forderte Dirk Eberle, Bothels Samtgemeindebürgermeister, der im Publikum saß. Eberle verlangte auch eine stärkere Unabhängigkeit des LBEG von den Erdgas fördernden Unternehmen. „Wir sind nicht industriehörig aber auf Informationen und Zusammenarbeit angewiesen“, reagierte Söntegerath auf den Vorwurf.

Vor allem der geplante Neubau einer Reststoffaufbereitungsanlage im Raum Rotenburg sorgte für weitere Diskussionen. „Die Betreiber führen stolz an, dass aus dem Lagerstättenwasser hunderte Kilogramm Quecksilber gefiltert werden können. Ich frage mich, wo das Quecksilber aus dem Wasser der vergangenen Jahrzehnte abgeblieben ist“, sagte Bantz.

Bis zur vollständigen Aufklärung der Ursache für die erhöhten Krebszahlen solle das Bauvorhaben genauso ruhen wie das Gasfördergeschäft im Landkreis verlangten Weber und Otte. Der Grünen-Politiker Volker Bajus sah für das komplexe Thema Erdgasförderung nur eine wirklich dauerhaft verträgliche Lösung: „Langfristig hat diese Art der Energiegewinnung keine Perspektive. Wir müssen den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen so schnell wie möglich vorantreiben.“

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