Hausärzte skeptisch bei elektronischer Patientenakte

Digitales Leben: Die digitale Diagnose

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Digitale Patientendaten unterliegen immer der Gefahr, auch von anderen Interessensgruppen für ihre Zwecke missbraucht zu werden. Foto: dpa

Rotenburg - Von Michael Krüger. Husten, Schnupfen und Kopfschmerzen bleiben ein analoges, rein menschliches Problem - da helfen keine Apps und digitale Strategien. Und doch ist das Gesundheitswesen einer der von der Digitalisierung am massivsten betroffenen Bereiche unserer Gesellschaft.

Es geht vor allem um die Patientendaten, an denen verschiedene Seiten größtes Interesse haben. Die Gesundheit steht dabei nicht immer an erster Stelle. „Das monetäre Interesse steht über allem“, kritisiert Dr. Stefan Henning. Sein Rotenburger Hausarztkollege Hendrik Busse, zweiter Vorsitzender der Ärztevereinigung im Kreis Rotenburg, sieht in der Digitalisierung eine „enorme Chance“, nur: „Es muss richtig gemacht werden.“

Wie sicher sind meine medizinischen Daten? Das ist die Grundfrage. Neben Telemedizin ist vor allem die Vernetzung die große Aufgabe im Gesundheitswesen. Schon im Jahr 2004 wurden die gesetzlichen Grundlagen für die Einführung der elektronischen Patientenakte gelegt. Die Idee ist, das bestreitet niemand, eine gute: Was heute noch dezentral in Befunden, Papiermappen und pdf-Dokumenten in Praxen und Kliniken lagert, soll in einer elektronischen Akte zusammengeführt werden. 

Es geht zum Beispiel um Diagnosen, Laborwerte, Verschreibungsdaten, Medikationen und Krankheitsverläufe. Liegen diese zentral vor, könnten viele Doppeluntersuchungen vermieden und Wechselwirkungen von Medikamenten besser beachtet werden. Beim Arztwechsel müsste nicht wieder bei Null angefangen werden, und im Notfall stünden im Krankenhaus sofort alle bisherigen Aufzeichnungen zur Verfügung. Auch Patienten selbst hätten einen besseren Überblick.

Hendrik Busse (l.) und Dr. Stefan Henning gehen schon jetzt sehr sensibel mit digitalen Patientendaten um.

Für die beiden kritischen Rotenburger Hausärzte ist das vom Grundsatz ein guter Ansatz. Denn sie erleben in der täglichen Praxis, wie das veraltete System mit Briefen und Faxen, einem sehr stockenden Austausch zwischen Allgemein- und Fachärzten und der zunehmenden Bürokratisierung längst an seine Grenzen geraten ist. Busse: „Durch die Masse an Berichten und Facharztbesuchen ist es gar nicht mehr möglich, eine komplette Vorgeschichte des Patienten zu erfassen.“ Da böte die digitale Akte große Vorteile. Es müsse jedoch sichergestellt werden, dass das Arzt-Patienten-Verhältnis von der Digitalisierung nicht gefährdet wird. Und das ist das große Aber.

Mehr als 70 Millionen Versicherte in 110 Krankenkassen gibt es in Deutschland - eine immense Datenflut. Seit 2005 wurden vom Bund mehr als zwei Milliarden Euro in das Projekt zur Einführung der digitalen Patientenakte investiert - ohne bis heute genau zu wissen, in welcher Form sie bis zum Stichtag am 1. Januar 2021 umgesetzt sein soll. Wenigstens haben sich Krankenkassen, Ärzte und das Gesundheitsministerium im Oktober auf ein Grundkonzept geeinigt. Bis 2021 vorgesehen sind drei Bereiche, die etwa auch über Smartphones abrufbar sein sollen: einer mit medizinischen Daten der Ärzte, einer mit Versicherten-Informationen der Kassen und einer, in den Patienten selbst Daten einspeisen können.

Für die Rotenburger Hausärzte ist die Schnittstelle das zentrale Problem. Egal, ob auf einer klassischen Plastikkarte gespeichert oder auf einer App auf dem Smartphone: Der Datenaustausch, so die Planung, wird über Dritte über eine zentrale Serverstruktur laufen. „Player, die nichts mit der Gesundheitsversorgung zu tun haben, drängen so ins System“, sagt Hendrik Busse. Als Beispiel nennt er Arvato, eine IT-Tochtergesellschaft von Bertelsmann. Deren Interesse ist nicht die Gesundheit der Menschen, sondern deren Daten. 

Die lassen sich von und an unterschiedlichste Gruppen verkaufen, gezielte Werbung dürfte noch das kleinste Übel sein. Auch die Krankenkassen selbst würden gerne mehr über die Patienten wissen, was die Hausärzte schon jetzt dazu bewegt, sehr vorsichtig mit der digitalen Verarbeitung von Diagnosen und Krankheitsbildern umzugehen. „Faktisch geht es um den Austausch von Informationen für lukrativere Diagnosen“, sagt Busse. Man steuere, und das sei keine Verschwörungstheorie, auf eine „Konzernmedizin“ zu. Und dort gelte: „Reiner Profit vor guter Behandlung.“

Die intimsten Daten aus der Arztpraxis gehören nicht in die Hände von Großkonzernen, betonen die Hausärzte. Die Daten, so sie denn irgendwann zentral vorlägen, würden dann auch genutzt. So seien Menschen eben. Auch Datenschützer warnen seit Jahren, dass die Gesundheitsdaten ein Leben lang abrufbar sein müssen - was dazu führt, dass sie auch ein Leben lang verschlüsselt bleiben müssten. Da die Technik allerdings sich so rasant entwickle, sei das kaum möglich. „Wenn alle Menschen integer wären, könnten wir das System sofort hochfahren“, sagt Hendrik Busse. Da das jedoch kaum zu erwarten ist, trotz der Chancen für Telemedizin, die Forschung und andere Bereiche, befürchtet sein Kollege Henning: „Es wird gruselig.“

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