Rotenburger IPPNW-Mitglieder erinnern an das Kriegsende

„Dieser Frieden ist brüchig“

Gedenken auf dem Waldfriedhof: Mitglieder der internationalen Ärzteorganisation IPPNW erinnern an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren. Foto: menker

Rotenburg – Eigentlich war alles ganz anders geplant: Für Freitagabend hatten die Rotenburger Mitglieder der international aktiven Ärzteorganisation IPPNW (Internationale Ärzte zur Verhinderung des Atomkrieges) zum Jahrestreffen der deutschen Sektion in den Buhrfeindsaal eingeladen. Angesichts der Corona-Krise musste diese Veranstaltung allerdings abgesagt werden. „Wir haben uns aber in unserer Gruppe darauf verständigt, dass wir uns heute hier versammeln, um im kleinen Rahmen an das Kriegsende vor 75 Jahren zu erinnern“, sagte der Rotenburger Kinderarzt Dr. Christoph Dembowski zu Beginn des gemeinsamen Gedenkens auf dem Waldfriedhof an der Freudenthalstraße.

„Wir sind aufgewachsen in einer Zeit des Friedens, aber wir mussten in den vergangenen Jahren feststellen, dass dieser Frieden brüchig ist“, unterstrich Dembowski. Brüchig geworden sei dieser durch zunehmenden Nationalismus, Geschichtsvergessenheit, Aufrüstung und Engstirnigkeit. Ein Beispiel dafür hatte der Mediziner parat: „Unser Verteidigungsministerium will amerikanische Flugzeuge kaufen, die mit Atombomben bewaffnet werden können.“

Für das gemeinsame Erinnern an das Ende des Zweiten Weltkrieges hatte die Rotenburger IPPNW-Gruppe als Ort zunächst die Gräberanlage für KZ-Opfer auf dem Waldfriedhof gewählt. In einem mehr als dreijährigen Projekt mit dem Titel „Gebt den Toten ihren Namen“ war es in mühevoller Arbeit gelungen, 318 der 342 in dieser Gräberanlage ruhenden Opfer der NS-Gewaltherrschaft ihre Namen zu geben, um diese schließlich auf zehn Stelen zu verewigen. Die neugestaltete KZ-Gräberanlage ist fast auf den Tag genau vor fünf Jahren eingeweiht worden. Auf den Stelen legten die Teilnehmer der Erinnerungsveranstaltung am Freitag weiße Rosen ab. Diese Gedenkstätte, so Dembowski, erinnere an die nach Kriegsende im Lazarett in Unterstedt umgekommenen Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge aus dem Lager Sandbostel. Er nahm diesen Ort und diesen Tag zum Anlass, an zwei Überlebende von Auschwitz und Bergen-Belsen zu erinnern, die in der Vergangenheit auch in Rotenburg zu Gast waren. Kazmierz Orlowski sei es nach 1945 ein Anliegen gewesen, dass die Geschichte der Naziverbrechen nicht dem Vergessen anheimfällt. „Mit überwältigender Herzlichkeit hat er immer wieder das Land besucht, aus dem seine Peiniger kamen, und uns so immer wieder die Hand gereicht – trotz der Verbrechen, die unser Volk in Polen begangen hat“, so Dembowski. Orlowski starb 2010. Emilia Kareva war 2017 in Rotenburg zu Gast. Auch sie war ein Opfer der Nazis. Dembowski zitierte aus einem Interview mit ihr aus dem Jahr 2004. „Auch wenn Du vom Grauen umgeben bist, musst Du leben“, sagte sie. Man müsse für sein Leben kämpfen. Denn es sei schön in allen Situationen, „deswegen sollte man dieses Leben hüten“.

In einem zweiten Teil dieses Erinnerungstreffens wechselten die Rotenburger Ärzte zum jüdischen Friedhof im Imkersfeld. Dieser sei, so Dembowski, in der Nazizeit verwüstet und zugleich zweckentfremdet worden: „Weil verstorbene sowjetische Kriegsgefangene nicht auf deutschen Friedhöfen beerdigt werden sollten, wurden 41 von ihnen hier in einem Massengrab verscharrt.“ Passend zu diesem Ort wählte Dembowski für das Treffen einen Text von Alexandra Wakultschick, einer 27-jährigen Weißrussin, in dem sie ihre Gedanken festgehalten hat, die sie an den Gräbern des Ersten und Zweiten Weltkriegs beschäftigt hatten.

Die Organisation IPPNW hat 175 000 Mitglieder, in Deutschland haben sich rund 6 000 Ärzte dem Engagement für eine friedliche, atomtechnologiefreie und menschenwürdige Welt angeschlossen. Wann das Jahrestreffen in Rotenburg nachgeholt werden kann, steht noch nicht fest.

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