Nördlich und südlich der Wümme ist noch Luft nach oben

Die Verkehrswende kommt

Ein Metronom steht am Bahnhof.
+
Im Südkreis verkehrt als Mobilitätsangebot der Metronom zwischen Bremen und Hamburg.

Rotenburg – Es geschieht etwas im Lande. Davon ist Maximilian Rohs überzeugt. Er wirkt als Senior Manager für Infrastruktur und Mobilität und hat bereits zahlreichen Städten und Gemeinden mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Der Fachmann, der für das Beratungsunternehmen Price Waterhouse Coopers (PwC) tätig ist, weiß: In den kommenden Jahren kommt es auf dem Land zu einer Art Verkehrswende.

Wie schon vielfach in den Städten, kommen die Menschen durch einen Mix unterschiedlicher Verkehrsmittel von A nach B. Der Landkreis Rotenburg hat in diesem Bereich die ersten Schritte in Richtung Zukunft getan. Gleichwohl: Wie fast überall in Deutschland ist auch nördlich und südlich der Wümme noch Luft nach oben. Dies zeigt sich bei der Gegenüberstellung des Rotenburger Nahverkehrsplans 2018 bis 2022 und dem Vortrag, den Rohs bei einer Online-Veranstaltung des „Netzwerk Junge Bürgermeister“ gehalten hat.

Dass sich die Mobilität auf dem Land verändern wird, daran haben Fachleute wie Rohs keine Zweifel. Um dort voranzukommen, sei zurzeit aufgrund fehlender Alternativen noch immer das Auto das Verkehrsmittel der Wahl. Im Gegensatz dazu ist der öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) unter dem Strich zu starr und unflexibel. Jedoch: Die Menschen auf dem Lande werden älter und mobilitätseingeschränkter, das Bewusstsein ändert sich, und die ökologische Fragen treten immer mehr in den Vordergrund. Deshalb müssten Alternativen zum Auto her.

Allerdings stehe auch der öffentliche Nahverkehr sowohl auf der Schiene als auch auf der Straße vor Veränderungen. Fachleute wie Rohs gehen davon aus, dass die Anzahl der Schüler als Hauptkunden der Verkehrsunternehmen bis 2030 abnehmen wird. Und: Zwar erleben kleine und mittlere Städte sowie Dörfer derzeit eine Renaissance, doch die Fachleute sagen wegen des demografischen Wandels einen Bevölkerungsrückgang und eine alternde Bevölkerung voraus.

Diese Entwicklung mutet laut Rohs düster an. Doch der Fachmann macht Mut. Er skizziert einen Mix aus unterschiedlichen Angeboten. Dazu gehören attraktive beziehungsweise schnelle Verbindungen auf den Hauptachsen, gute und aufgewertete Zubringerdienste wie etwa mit Bürgerbussen und Anruftaxis, Carsharing-Angeboten und Mitfahrbänken. Dies alles wiederum sollte auf einer digitalen Plattform oder App gebündelt werden. Spezialisten sprechen von „One-Shop-Stop“. Rohs warnte jedoch davor, Insellösungen zu bauen, die sich nur auf den eigenen Verkehrsraum wie einen Landkreis beschränken.

Davon hält auch Torsten Lühring nichts. Er ist als Erster Kreisrat Stellvertreter von Landrat Hermann Luttmann (CDU) und zuständig für den öffentlichen Nahverkehr. Um Insellösungen zu vermeiden, bemühe sich der Landkreis, „in die gängigen Apps“ hineinzukommen. Dazu gehört zum Beispiel die „FahrPlaner App“ des Verkehrsverbundes Bremen-Niedersachsen (VBN). Aufgrund ihrer Architektur ist es möglich, alle Bus- und Bahnverbindungen in Deutschland zu finden.

Was Rohs als schnelle Verbindung auf den Hauptachsen bezeichnet, ist laut Lühring für den Landkreis Rotenburg ein definiertes Grundliniennetz. Daran sind alle Grund- und Mittelzentren angeschlossen. Zudem komme jeder Fahrgast von den Mittelzentren in die Oberzentren Bremen und Hamburg. Ihnen stehen im Südkreis darüber hinaus die Bahnverbindung Bremen-Hamburg sowie Verden-Rotenburg zur Verfügung. Im Nordkreis gibt es Züge von Bremervörde nach Bremerhaven und Cuxhaven. Auch eine Verbindung von Rotenburg bis nach Norddeich ist im Angebot.

In der Fläche nennt Lühring drei Säulen: die Schülerverkehre während der Schulzeit, die von derzeit acht Vereinen betriebenen Bürgerbusse und „Astrow“. Die Abkürzung steht für Anrufsammeltaxi im Landkreis Rotenburg. Dieses am 1. November 2018 in der Samtgemeinde Bothel gestartete Angebot soll laut Erstem Kreisrat ab dem 2. Quartal auf die Samtgemeinden Tarmstedt, Zeven, und Sittensen ausgeweitet werden. Langfristig sei geplant, „Astrow“ auf „alle 13 Verwaltungseinheiten“ auszudenen, sagt Lühring. Und angesichts der Corona-Pandemie sei das Anrufsammeltaxi als Shuttle vom Bahnhof Rotenburg zum Impfzentrum vorgesehen.

Den ÖPNV lässt sich der Landkreis jedes Jahr rund 8,9 Millionen Euro kosten. Die Einnahmen belaufen sich auf 4,3 bis 4,4 Millionen Euro. Wenn es jedoch zur Mobilitätswende kommt, wie von Rohs und Co. prognostiziert, könnten zumindest die Kosten steigen. Den Zuhörern des „Netzwerks Junge Bürgermeister“ rechnete Rohs vor: Im Jahr 2018 habe der Zuschuss zum regionalen ÖPNV bundesweit rund 200 Millionen Euro betragen. Wegen der notwendigen Mobilitätswende steige der Bedarf auf rund 900 Millionen Euro.

Dem stehe jedoch ein erhöhter Nutzen gegenüber, erläutert Rohs: „Jeder Euro, der in den ÖPNV investiert wird, bewirkt einen volkswirtschaftlichen Nutzen, der um den Faktor 2,5 (heute) bis 3,8 (Verkehrswendeszenario) höher liegt.“ Hinzu kommen Faktoren wie erhöhte Lebensqualität und Klimaschutz. Rohs fordert zudem, dass die Kommunen „bei der Finanzierung der Mobilitätswende nicht allein gelassen werden“. Im Gegenteil, sie benötigten „alternative Finanzierungsmöglichkeiten“, unter anderem seitens des Bundes und der Länder sowie einer sogenannten Drittnutzerfinanzierung.

Wenn die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung sehen, dass ihnen geholfen wird, werde der Wille, in den kommenden Jahren etwas in Sachen Mobilitäts- beziehungsweise Verkehrswende zu tun, erhöht. Ohne den Willen in Politik und Verwaltung lasse sich dieses Thema nicht angehen, meint Rohs.

Die Grundlinien

Linie 800: Bremervörde – Selsingen – Zeven – Rotenburg

Linie 880: Rotenburg – Bothel – Visselhövede

Linie 640: Bremervörde – Geestequelle – Gnarrenburg

Linie 630: Heeslingen – Zeven – Tarmstedt – Zentraler Omnisbusbahnhof Bremen

Linie 3860 (Ostesprinter): Zeven – Sittensen – Tostedt – Hamburg

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Meistgelesene Artikel

Polizei und Ordnungsamt kontrollieren Corona-Regeln

Polizei und Ordnungsamt kontrollieren Corona-Regeln

Polizei und Ordnungsamt kontrollieren Corona-Regeln
Im dritten Anlauf: Stadtrat sagt „Ja“ zur IGS-Oberstufe

Im dritten Anlauf: Stadtrat sagt „Ja“ zur IGS-Oberstufe

Im dritten Anlauf: Stadtrat sagt „Ja“ zur IGS-Oberstufe
Clio kracht in Oldtimer-Traktor – begräbt Fahrer unter sich

Clio kracht in Oldtimer-Traktor – begräbt Fahrer unter sich

Clio kracht in Oldtimer-Traktor – begräbt Fahrer unter sich
Pyroland: Böllerverbot trifft Unternehmen schon wieder

Pyroland: Böllerverbot trifft Unternehmen schon wieder

Pyroland: Böllerverbot trifft Unternehmen schon wieder

Kommentare