Autorin Corinna Kohröde-Warnken spricht über das Thema Pflege

„Die Politik hat Optionen verpasst“

Corinna Kohröde-Warnken
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Corinna Kohröde-Warnken

Rotenburg – Die Pflege, nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch in Pflegeheimen, rückt mit der Pandemie zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit. Vor allem jetzt, wo deutlich wird, dass Personal fehlt. Da geht es um Überlastung, um Personalengpässe, um die Bezahlung, aber auch um die Wertschätzung dieser Arbeit. Genau darüber haben wir uns mit Corinna Kohröde-Warnken aus Rotenburg unterhalten. Sie kommt aus diesem Beruf und ist heute als Autorin mehrerer Bücher intensiv mit diesem Thema beschäftigt.

Frau Kohröde-Warnken, Sie kommen aus der Pflege, Sie lehren dazu und Sie schreiben Bücher zu diesem Themenkomplex aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Würden Sie einer jungen Schulabgängerin heute noch dazu raten, in die Krankenpflege zu gehen, um eine Ausbildung zu machen?

Diese Frage kann ich nur mit einem nachdrücklichen „Ja“ beantworten! Für mich war es immer (m)ein Traumberuf und ich habe es nie bereut. Aber: Entgegen der Darstellung der Miniserie „Ehrenpflegas“, die Frau Ministerin Giffey in Auftrag gegeben hat, kann eben nicht jeder diesen Job machen. Eine Pflegefachkraft hat eine hochkomplexe und anspruchsvolle dreijährige Ausbildung hinter sich. Viele haben weitere mehrjährige Zusatzqualifikationen oder ein Studium, meistens berufsbegleitend, absolviert. Und: Diverse Rahmenbedingungen müssen sich dringend ändern, und damit meine ich nicht nur, aber natürlich auch, die Bezahlung. Dringender Handlungsbedarf besteht für die Umstrukturierung von Zuständigkeiten, Abläufen und Entbürokratisierung. Und noch mal: Ja, es ist aus meiner Sicht der tollste Beruf der Welt, und ich habe in meiner über zehnjährigen Arbeit am Patientenbett weit mehr gelernt als ich zu Beginn meiner Ausbildung erwartet hatte.

Warum ist es so schwer, Nachwuchs zu finden?

Pflege hat keinen „guten Ruf“. Er ist in der jetzigen Form auch schlecht vereinbar mit „work-life-balance“ oder mit „Familie“. Schlechte Bezahlung ist sicher ein Teil davon, aber auch die Arbeitszeiten, das Schichtsystem und das Bild, was uns in den Medien vermittelt wird. Pflege ist weit mehr als ein „Assistenzberuf“, nämlich eine extrem verantwortungsvoller und hoch spezialisierte Profession. Neben der technischen Bedienung von Hightech-Geräten kommen Kenntnisse in Anatomie, Chemie und Physik dazu und zusätzlich auch Psychologie, Kommunikation, Intuition und Empathie. Außerdem sind die Pflegekräfte meistens auch noch multitaskingfähig. Sie betreuen immer mehr als nur einen Patienten, auf den bettenführenden Stationen oft 30 und mehr, auf der Intensivstation zwei bis drei Schwerkranke oder gar mehr. Dazu kommen besorgte Angehörige, die dringenden Gesprächsbedarf haben, Schnittstellenkoordination und dazu auch noch interdisziplinäres Verständnis. Außerdem administrative Tätigkeiten, Logistik und Büroarbeit – absolute Allroundtalente also, denn nebenbei sind sie auch Ausbilder, Seelsorger, Krisenmanager und Moderatoren. Die Bezahlung der Pflegekräfte soll in den nächsten Jahren bei etwa 15 Euro pro Stunde liegen. Ich frage mich, was ist uns denn unsere und die Pflege der Familien wert?

Die Pandemie wirkt wie ein Verstärker und lässt Versäumnisse noch schneller noch deutlich werden. Wo drückt aus Ihrer Sicht vor allem der Schuh?

Der Mangel an Fachkräften ist überhaupt nicht neu, ebenso wie die demografische Entwicklung. Nicht nur die Patienten werden älter, sondern auch das Pflegepersonal. Die Verweildauer im Pflegeberuf liegt bei etwa zehn Jahren. Und der fehlende „Nachwuchs“ kann die Lücken nicht kompensieren. Logisch ist, dass jetzt in Pandemiezeiten der Druck extrem ansteigt, aber gut geschultes Fachpersonal mit viel Erfahrung ist eben nicht in vier Wochen herbeizuzaubern. Da hat die Politik schon vor Jahren Handlungsoptionen verpasst. Es ist aber müßig, über verpasste Chancen zu lamentieren, sondern wir sollten überlegen, wie wir möglicherweise wieder Fachkräfte, die aus dem Beruf ausgestiegen sind, motivieren können, in den Beruf zurückzukehren. Ich denke, da ist Potential. Allerdings müssen die Anreizsysteme stimmen – zum Beispiel durch flexible Arbeitszeiten, Wiedereinstiegsmaßnahmen, Nachschulungsangebote und auch angemessene Bezahlung.

Die Pflege ist in der Pandemie in akuten Schwierigkeiten. Ist die Vorgehensweise, wie sie auch vom Bundesgesundheitsminister gewählt wird, richtig?

Es ist sicher nicht motivierend für die Pflegekräften, die sowieso schon jede Menge Überstunden vor sich her schieben, die gerade eingeführte Arbeitszeitregelung wieder abzusprechen und eine 60-Stunden-Woche in Aussicht zu stellen. Und ganz nebenbei: Wer möchte von einer total erschöpften Pflegekraft versorgt werden, wenn man selber am Beatmungsgerät hängt? Personaluntergrenzen sind ja schon zu Beginn der Pandemie gekappt worden, und zu verlangen, dass infizierte Fachkräfte unter bestimmten Bedingungen weiterarbeiten sollen, fördert sicher nicht die Motivation für den Nachwuchs.

Bei den Pflegefachkräften in Krankenhäusern und Heimen ist immer wieder von der Systemrelevanz die Rede. Die ist zweifelsohne gegeben, aber wird man dieser auch in vollem Umfang gerecht?

Mir gefällt dieser Begriff überhaupt nicht. Relevanz meint „Bedeutsamkeit“. Wer bitte legt fest, wer von Bedeutung in unserer Gesellschaft ist und wer nicht? Ich finde das extrem gefährlich und diskriminierend, denn Menschen lassen sich auf keinen Fall danach kategorisieren. Unsere Gesellschaft lebt von der Diversität! Das sehen wir doch jeden Tag, wenn wir durch die Innenstadt gehen. Teil unserer Gesellschaft sind alle, denn wir haben gerade in der Pandemie eine Verantwortung für uns selber und damit auch für andere, in dem man sich so gut es geht an die Regeln hält, auch wenn sie mir nicht immer gefallen und ich mich eingeschränkt fühle, aber damit eben Solidarität und Respekt den Schwächeren gegenüber zeige. Wir sollten aufhören mit Klatschen und Schokolade verteilen, sondern den Pflegefachkräften Respekt, Anerkennung, angemessene Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen ermöglichen und uns für die Umsetzung einsetzen.

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