Plädoyer für kurze Wege

Mehr Essen von hier: Neue Regio-Challenge startet im September

Angela von Beesten
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Angela von Beesten setzt auf regional produzierte Lebensmittel und damit auf die Regio-Challenge.

Wie lässt sich Ernährung regionaler gestalten? Darüber spricht die Kreiszeitung mit Angela von Beesten vom Verein Sambucus.

Rotenburg – Immer mehr Menschen setzen sich inzwischen mit den Lebensmittelangeboten in den Supermärkten auseinander. Sie hinterfragen nicht nur die Inhaltsstoffe, sondern auch ihre Herkunft. Viele Initiativen machen sich stark für den Kauf regionaler Produkte – unter anderem im Landkreis Rotenburg. Vor diesem Hintergrund wird es auch in diesem Jahr wieder eine Regio-Challenge geben.

Wer sich daran beteiligt, setzt – soweit es geht – auf den Kauf hier in der Region produzierter Lebensmittel. Wir haben darüber mit Angela von Beesten gesprochen – sie ist Vorsitzende des in Vahlde beheimateten Vereins Sambucus.

Frau von Beesten, die Regio-Challenge findet in diesem Jahr unter Pandemie-Bedingungen statt. Ist das ein großes Problem für die Beteiligten?

Wir werden auch in diesem Jahr die Regio-Challenge durchführen – vom 13. bis zum 19. September. Auch unter Corona-Bedingungen kann jeder mitmachen. Es geht ja um die Selbsterfahrung nach dem Motto „Iss, was um die Ecke wächst“. Eine Woche lang essen und trinken die Teilnehmer nur das, was in Fahrradentfernung angebaut und verarbeitet wurde, so die Spielregeln, mit Ausnahme von zwei Jokern. Das sind zwei Zutaten wie zum Beispiel Kaffee, Pfeffer, Salz oder Kakao, die es hier nicht gibt und auf die man nicht verzichten möchte. Gemeinsame Aktionen in der Woche finden draußen statt, wie zum Beispiel eine Fahrradtour zu regionalen Erzeugern.

Warum ist es Ihnen so wichtig, dass die Menschen dort, wo es möglich ist, auf regional produzierte Lebensmittel zurückzugreifen?

Der ökologische Fußabdruck unserer Lebensmittel ist durch lange Transportwege und Verarbeitung schwer belastet. So wird unsere Ernährung zum wesentlichen Faktor für die Klimabeeinflussung. Etwa 20 Prozent der klimarelevanten Emissionen gehen auf das Konto der Lebensmittelerzeugung. Wer Lebensmittel direkt von Betrieben aus der Region bezieht, spart Transportwege ein und wird unabhängiger von globalen Warenströmen.

Was spricht darüber hinaus für den regionalen Einkauf?

Es schafft auch Verbindungen und Verantwortung für die Region, wenn wir uns auf die Suche nach Produkten von hier und für hier machen. Gehen wir auf die Entdeckungsreise, wo unsere täglich benötigten Lebensmittel herkommen, tut sich für viele eine neue Welt auf. Was sonst in jeder Menge und jederzeit verfügbar war, ist auf einmal nicht mehr selbstverständlich. Dafür ist es spannend, näher an die Erzeugung zu kommen und mehr davon zu erfahren, wie unser Essen entsteht. Aus anonymen Produkten werden wertvolle und vertrauenswürdige Lebensmittel, wenn wir wissen, wo und wie sie erzeugt werden und welche Menschen dahinter stehen.

Von der Regio-Challenge wissen wir, dass es eine Reihe von Beteiligten gibt. Wie groß ist das Netzwerk inzwischen?

Die Rotenburger Initiatorin der Regio-Challenge, Kathrin Peters von Hof Grafel, startete das Projekt vor fünf Jahren. Mehrere Regionen in Deutschland haben es aufgegriffen. In Rotenburg hat sich eine Initiative aus Einzelpersonen und Verbänden gebildet: Sambucus, Ackern und Rackern, Hof Grafel, Nabu, BUND, Vissel for future, BSW. Sie laden bereits zum dritten Mal zur Regio-Challenge und zu begleitenden Veranstaltungen ein. Inzwischen ist ein Netzwerk von mehr als 200 Personen entstanden.

Wie aufwendig ist es, sich verstärkt mit hier in der Region produzierten Lebensmitteln zu versorgen?

Wir sind daran gewöhnt, dass wir uns alle Wünsche jederzeit im Supermarkt oftmals billig erfüllen können. Fertigprodukte gibt es in Massen. Darum erfordert es ein Umdenken und neue Planung, die Ernährung überwiegend mit Lebensmitteln aus der Region zu gestalten. Das heißt, beim Einkauf genau hinschauen, wo die Produkte herkommen. Direkt auf die Höfe gehen, auf die Wochenmärkte, die Region mit ihren Lebensmittelerzeugern neu kennenlernen. Es erfordert Eigeninitiative und macht Spaß zu entdecken, womit unsere Region unseren Tisch decken kann. Dabei wächst die Lust, selbst zu kochen und zu backen. Das haben in der Corona-Lockdownzeit viele Menschen wieder neu für sich entdeckt.

Immer mehr Produzenten setzen auf die Regionalität. Wie erklären Sie sich den Wunsch auch vieler Verbraucher, darauf zurückgreifen zu wollen?

In den letzten Jahren hat aus unterschiedlichen Gründen ein Umdenken in der Gesellschaft eingesetzt, deutlich zu sehen daran, dass viele Menschen sich für vegetarische oder vegane Ernährungsformen entscheiden. Jeder kann die Folgen der globalisierten Marktwirtschaft auf die Landwirtschaft sehen: Dumpingpreise, Investitionsdruck, Massentierhaltung, immer größer, immer mehr produzieren, lange Transportwege. Viele Höfe können da nicht mithalten und geben auf. Lebensmittelskandale, die Folgen des Klimawandels und die Corona-Pandemie sind für viele Menschen Anlass und Motivation, ihre Lebensgewohnheiten zu hinterfragen und die Vorteile der regionalen Lebensmittelerzeugung zu entdecken und zu fördern.

Sind regional produzierte Lebensmittel teurer?

Die Preise für regional erzeugte und verarbeitete Lebensmittel können nicht mit Dumpingpreisen beim Discounter verglichen werden. Bewusstes Einkaufen, nur so viel, wie tatsächlich gebraucht wird, überwiegend selber kochen, sinnvolle Vorratshaltung – damit lässt sich auch mit regional produzierten Lebensmitteln preisbewusst und gut haushalten. Etwa 40 Prozent der Lebensmittel landen in Deutschland im Müll. Das muss und darf nicht sein. Mit regionalem Einkauf helfen wir den Erzeugern direkt und übernehmen Verantwortung für unsere Region, in der wir leben.

Warum sind die Lebensmittel von hier besser für uns?

Wir leben in einer landwirtschaftlich geprägten Region. Doch viele von unseren täglich gekauften Lebensmitteln kommen nicht von hier. Der Blick in den normalen Einkaufskorb ist erschreckend. Meist sind nur sehr wenige Produkte wirklich im näheren Umkreis erzeugt worden. Die meisten Lebensmittel haben schon viele Kilometer auf dem Buckel, ehe sie bei uns auf dem Teller landen. Dies gilt besonders für verarbeitete Produkte. Bekannt ist die erschreckende Bilanz eines Erdbeerjoghurts. Werden Zulieferung und Verarbeitung mitberechnet, kommen für den Joghurtbecher nach einer Studie 9 115 Kilometer zusammen. Aber auch Gemüse und sogar unser Getreide kommen meist auf viel längeren Wegen zu uns, als wir vermuten. Im Brot vom örtlichen Bäcker ist selten nur regionales Getreide, und das Gemüse kommt nicht nur im Winter oft aus südlichen Ländern.

Wer sich bewusst für Lebensmittel aus der Region entscheidet, verbindet damit bestimmte Ansätze, wenn es um die Ernährung geht. Welche sind das?

Als Ärztin empfehle ich: je frischer und unverarbeiteter ein Lebensmittel ist, umso besser ist es für unsere Gesundheit. Also je kürzer der Weg vom Acker auf den Teller, umso besser. Viele Menschen wollen sich auch selbst davon überzeugen, wie die Tiere gehalten werden und legen Wert darauf, dass keine oder möglichst wenig Pestizide eingesetzt werden. Der persönliche Kontakt zum Landwirt schafft Vertrauen.

Wird es auch nach der Pandemie wieder eine Regio-Challenge geben?

Zum Glück ist die Regio-Challenge nicht vom Pandemieverlauf abhängig. Während der Pandemie sind wir zwar eingeschränkt im Bezug auf öffentliche Veranstaltungen. Die Selbsterfahrungswoche kann aber auch jeder für sich machen. Ob mit oder ohne Pandemie, wir machen weiter ...

Wo finde ich eine Übersicht der regionalen Angebote für Lebensmittel?

Wir werden bei der Auftaktveranstaltung am 2. September im Heimathaus Rotenburg eine Landkarte mit Erzeugeradressen vorstellen. Außerdem hat der BUND einen regionalen Einkaufsführer in Arbeit, der demnächst auf der Website des BUND zu finden sein wird.

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