Die Rotenburger Psychologin Stefanie Cohrs über das Corona-Jahr 2020

Die Krise als Chance

Stress wirkt sich auf die Psyche aus, das weiß Psychologin Stefanie Cohrs wohl mit am besten. Aber der Stress dieses Jahres könnte auch eine Chance sein.
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Stress wirkt sich auf die Psyche aus, das weiß Psychologin Stefanie Cohrs wohl mit am besten. Aber der Stress dieses Jahres könnte auch eine Chance sein.

Rotenburg – 2020 war für uns kein einfaches Jahr – für den einen mehr als den anderen. Es hat uns gestärkt in einigen Dingen, es hat uns verloren und allein fühlen lassen in anderen. Aber wie war das Corona-Jahr aus psychologischer Sicht, was hat es mit uns gemacht? Darüber haben wir uns mit der Diplom-Psychologin und Psychologischen Psychotherapeutin Stefanie Cohrs unterhalten.

Frau Cohrs, sind dieses Jahr mehr Menschen zu Ihnen gekommen?

Insgesamt ist der Bedarf an Psychotherapie sehr hoch – das war auch vor Corona so, er übersteigt das Angebot bei Weitem. Manche Kollegen haben Wartelisten von bis zu anderthalb Jahren.

Es gibt also viele, die Hilfe bräuchten und sie nicht bekommen?

Das nehme ich so wahr.

Aber die Leute brauchen ja dennoch jetzt Hilfe.

Genau, frühzeitige Hilfe ist bei psychischen Störungen wichtig, damit es zum Beispiel auch nicht zu Chronifizierungen kommt. Die Anfragen, die jetzt kommen, stehen häufig in Zusammenhang mit Corona. Das sind zum Beispiel Menschen, die vorher schon mal in Therapie waren, wo es bereits Probleme gab.

Die seelisch vorbelastet sind also?

Richtig, und bei denen es sich jetzt in der Corona-Krise zuspitzt. Da ist ein Punkt erreicht, an dem sie Hilfe benötigen.

Welche Ängste oder Probleme treten da auf?

Das ist ganz unterschiedlich. Es ist das breite Spektrum, das wir auch vor Corona gesehen haben. Die Pandemie ist ein zusätzlicher Stressor, der unterschiedliche Probleme auslösen kann, aber nicht muss. Die Zusammenhänge lassen sich anhand eines Bildes veranschaulichen, dem sogenannten Stressfass. In diesem ist Wasser, wie viel, ist bei jedem unterschiedlich. Mal sind die Fässer groß, mal klein. Wie hoch der Pegel ist, hängt vom Menschen ab: Wie ist er aufgewachsen? Was hat er im Leben erfahren? Wie hat er gelernt, mit Krisen und Problemen umzugehen? Wenn ich zum Beispiel nie gelernt habe, mit Emotionen oder Unsicherheiten umzugehen, kann das dazu führen, dass das Fass schneller vollläuft. Das sind die sogenannten Verletzlichkeiten. Läuft das Fass über, kommt es zu psychischen Symptomen. Corona ist ein Stressor, der das Fass zum Überlaufen bringen kann.

Trifft die Corona-Krise die mit am stärksten, die eh schon vorbelastet sind?

Ja, und auch wie persönlich relevant die Krise für mich ist, zum Beispiel bei einem Jobverlust.

Spielen Faktoren rein wie Einsamkeit und Isolation? Wer eine Familie hat, hat jemanden zum Sprechen. Wer schon alleine war, ist es vielleicht noch mehr.

Sie sprechen etwas ganz Wichtiges an. Das kann man aber nicht pauschalisieren. Nicht jeder ist in gleicher Art und Weise – egal ob Corona oder nicht – davon betroffen. Wichtig ist eine weitere Größe, das Ablaufventil, unsere psychische Widerstandsfähigkeit, die Resilienz. Damit kann Wasser eigenständig abgelassen werden, soziale Unterstützung oder positive Aktivitäten können dabei helfen. War der Hahn schon vorher zu, wird es jetzt nicht besser. Dann läuft das Fass über.

Was können Sie empfehlen, gerade angesichts der anstehenden Feiertage?

Die Hotlines sind eine Möglichkeit, die man ausprobieren kann. Insgesamt würde ich empfehlen, das Überlaufventil zu öffnen. Da helfen oft kleine Dinge: eine gefestigte Tagesstruktur, auch im Homeoffice. Auch Rituale sind wichtig, weil sie uns ein Stück Kontrolle wiedergeben: Das können Auszeiten sein wie ein Kaffee oder Tee oder ein Spaziergang.

Frische Luft hilft also?

Ja, rausgehen und sich bewegen, Sport und Bewegung wirken positiv auf die Psyche. Man muss gucken, was geht: Fitnessstudios und Schwimmbäder haben zu, aber der Wald ist da. Also raus und bewegen, gerade in der dunklen Jahreszeit. Denn diese kommt jetzt noch erschwerend hinzu.

Nennen wir mal das Stichwort soziale Kontakte.

Diese pflegen, selbst aktiv werden. Das tut uns allen gut. Nicht zuhause sitzen und warten, dass jemand an der Tür klingelt oder anruft. Und da eine gewisse Flexibilität und Kreativität an den Tag legen, zum Beispiel einen Brief schreiben. Oder auf die Leute zugehen und sie fragen, wie es ihnen geht, das geht auch digital – soziale Kontakte tun uns gut.

Gibt es Anzeichen, bei sich oder Menschen in seiner Umgebung, wo man wachsam werden sollte?

Zum Beispiel Rückzug, Interessenverlust, wenn man sich zu allem aufraffen muss und es viel Kraft kostet, Schlaflosigkeit, Dünnhäutigkeit, Daueranspannung, Konzentrationsprobleme, Ängste und Sorgen nehmen zu – das können Zeichen sein, dass das Fass überläuft.

Sollten Freunde oder Familie intervenieren?

Das ist ein schmaler Grat. Es ist schon gut und wichtig, zu sehen und nachzufragen, ohne den Leuten penetrant auf die Nerven zu gehen. Ohne dieses „Du musst doch....“ oder das gut gemeinte „So schlimm ist das doch gar nicht!“. Anzusprechen, dass man sich sorgt und Unterstützung anzubieten, ist ein guter Anfang.

Wird eine Therapie heute besser angenommen? Früher wurde es oft belächelt.

Es ist immer weniger stigmatisiert, wird gesellschaftsfähiger. In Amerika läuft das schon ganz anders, da ist es „cool“, zum Therapeuten zu gehen – es heißt, ich tue etwas für mich und möchte mich weiterentwickeln. So weit sind wir noch nicht. Ein Stück weit ist es immer noch ein Tabuthema. Manche sehen es noch als Schwäche an. Vielen ist bewusst, was los ist, aber sie brauchen Unterstützung und Begleitung.

Viele befürchten, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen nach der Krise wellenartig zunehmen wird. Wie sehen Sie das?

Wir wissen das heute noch nicht, da ist wieder die Unsicherheit, die es gerade auch gilt, ein Stück weit auszuhalten. Beim ersten Lockdown kamen die Fragen: Wie viele Patienten kommen auf uns Therapeuten zu, platzt das System aus allen Nähten? Ich habe nicht das Gefühl, dass das bisher passiert ist. Aber wir wissen nicht, wie lange die Situation dauert und was noch auf uns zukommt.

Für junge Menschen ist diese Situation auch schwer, gerade jetzt zu Weihnachten hören sie oft „passt auf, sonst sind eure Großeltern vielleicht nächstes Jahr nicht mehr da“, das ist eine große Belastung.

Ja, das ist so. Solche Aussagen helfen nicht. Da muss man differenzieren. Insbesondere kleine Kinder sind sehr anpassungsfähig – sie sind jedoch darauf angewiesen, wie wir ihnen die Welt erklären. Bekommen wir das gut hin, können sie gut damit umgehen. Wichtig ist, dass wir gute Vorbilder sind. Ich sehe das auch als Chance für unsere Kinder.

Die Krise als Chance?

Sie lernen, sich fürs Leben ein gutes Überlaufventil anzueignen. Gucken wir uns die letzten Jahre an, ging es uns recht gut. Kinder hatten wenige schwierige Situationen zu meistern – was super ist! Gleichzeitig ist es wichtig, sich diese Resilienzen aufzubauen. Denn es kommt im Leben immer wieder zu Belastungen, dann sollte ich Werkzeuge dafür haben, um zum Beispiel Unsicherheit auszuhalten oder Emotionen zu regulieren. Jugendliche und junge Erwachsene sind aber in einer kritischen Lebenssituation, einer Phase im Leben, die die Wahrscheinlichkeit für psychische Belastungen sowieso erhöht – aus der Schule raus, Abkapselung vom Elternhaus, eigene Wege gehen. Dazu kommt Corona, viele wichtige Ereignisse und Rituale fallen weg. Da ist Unterstützung wichtig.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass Ängste und Belastungen gesellschaftlich anerkannt werden. Dass es okay ist, sich Hilfe zu suchen, wenn man alleine nicht weiterkommt. Aber auch die Chancen erkennen. Wenn ich es schaffe, nicht die „komplette Katastrophe“ in etwas zu sehen, wird das für mich ein anderes Ergebnis haben, um gestärkt aus der Krise zu kommen.

Wer Hilfe braucht, kann sich unter anderem an folgende Hotlines oder Hilfsangebote wenden, die im Landkreis Rotenburg direkt oder niedersachsenweit angeboten werden:

.  BISS – Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt: 04281/ 9836060

.  Sozialpsychiatrischer Dienst: für Rotenburg unter anderem 04261/ 9833216; weitere Nummern stehen auf der Internetseite des Landkreises.

.  Fachstelle Sucht und Suchtprävention im Landkreis Rotenburg: 04261/ 9628041

. Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 0800/ 116016; Schwangere in Not: 0800/ 4040020 / Gewalt an Männern: 0800/ 1239900

.   Nummer gegen Kummer (für Kinder und Jugendliche): 116111; http://www.kinderschutz-niedersachsen.de

.  Telefonseelsorge: 0800/ 1110111 oder 0800/ 1110222

.  Seelsorge-Hotline der christlichen Kirchen (Elterntelefon): 0800/ 1110550

.  Psychologische Hilfsangebote: https://deutsche-depressionshilfe.de/corona oder das Corona-Telefon des Bundesverbandes Deutscher Psychologen: 0800/ 7772244

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