Ehepaar füttert seit 20 Jahren nachts frei lebende Tiere

Die Rotenburger Katzenpatrouille

 Kerstin Cordes (l.), Gerhard Gollon und Ingrid Hagelberg
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Ins Katzenhaus sind viele Kitten eingezogen: Kerstin Cordes (l.), Gerhard Gollon und Ingrid Hagelberg vom Vorstand wollen diese bald vermitteln.

Frei lebende Katzen haben keine große Lobby. Aber es gibt Menschen, die sich um sie kümmern - jede Nacht auch in Rotenburg.

Rotenburg – Jede Nacht geht es los – und das seit mehr als 20 Jahren, bei Sturm genauso wie bei starkem Schneefall, auch Weihnachten und Silvester lassen sie nicht aus. Ein älteres Ehepaar verlässt Nacht für Nacht sein Haus für eine besondere Lebensaufgabe: Es füttert frei lebende kastrierte Katzen im Rotenburger Stadtgebiet. Insgesamt acht Stellen fährt es jede Nacht an – und wird dort bereits hungrig erwartet.

„Wenn die Katzen zu wenig Fressen bekommen, leidet darunter ihr Immunsystem. Sie werden krank und stecken dann womöglich die Hauskatzen an. Damit sie sich nicht weiter vermehren, fangen wir Katzen ein, die zum ersten Mal zur Futterstelle kommen, und lassen sie kastrieren. Wir haben dafür eine Lebendfalle im Kofferraum“, berichten die beiden.

Er ist 78 Jahre alt, seine Ehefrau 79. Sie wollen unerkannt bleiben, denn das, was sie machen, kommt nicht bei jedem gut an. „Es gibt in Rotenburg leider viele Katzenhasser, die nicht verstehen, was wir machen“, bedauert der ehemalige Miele-Vertreter.

Angefangen hat es 1990

Außerdem sei ihre Angst zu groß, noch einmal Opfer von Einbrechern zu werden. „Das war damals ein großer Schock für uns. Wir wurden nachts auch schon verfolgt. Das war ein Katz-und-Maus-Spiel – wir sind seitdem sehr vorsichtig geworden“, berichtet das Rentnerpaar, das Mitglied in der Tierhilfe Rotenburg ist.

Angefangen hat alles um das Jahr 1990: Damals gab es ein Problem mit frei lebenden Katzen im Kleingartenverein in der Nähe des Rotenburger Obi-Marktes. „In zwei Wochen haben wir dort 17 Katzen eingefangen und dann kastrieren lassen, ehe wir sie wieder ausgesetzt haben. Diese Tiere lassen sich nicht vermitteln und kommen in Gefangenschaft nicht zurecht. Weil einige der Katzen stark abgemagert waren, haben wir sie damals zum ersten Mal gefüttert“, berichtet die Rentnerin.

Sie erinnert sich noch daran, wie ihr Ehemann sie damals gefragt hatte, ob sie das nun jede Nacht tun werden. Über ihre Antwort musste sie nicht lange nachdenken. „Wir konnten die Katzen ja nicht einmal füttern und dann eine Woche hungern lassen. Also machten wir uns in der nächsten Nacht wieder mit Futter auf den Weg, und in der Nacht darauf ...“

Von anderen für Einsatz beschimpft

Nach und nach kamen weitere Futterstellen hinzu: „In der Höchstzeit hatten wir zwölf Plätze mit mehr als 30 frei lebenden Katzen. Unsere Arbeit zeigt Erfolg: Heute treffen wir auf unserer nächtlichen Tour nur noch 14 Katzen.“

Und diese warten jede Nacht gespannt darauf, dass der Wagen des Ehepaares vorfährt. So wiederholt sich jede Nacht dasselbe Schauspiel: „Wenn wir an einer Futterstelle vorbeifahren, um zunächst eine andere zu besuchen, sitzen dort bereits drei Katzen an der Straße. Sie schauen die Straße hinunter, bis wir kommen, und folgen uns dann mit ihrem Blick. Sie erkennen unser Auto und wissen: Bald sind wir da.“

Das Ehepaar ist ein eingespieltes Team: Weil sie sich nicht mehr zu gut bücken kann, bereitet sie die Teller mit Feuchtfutter vor und er stellt sie bereit. „Wir haben immer drei verschiedene Sorten dabei. Wir wissen genau, welche Katze was am liebsten frisst – und was nicht. Es ist für uns ein tolles Gefühl, sie beim Fressen zu beobachten“, berichtet die Tierschützerin. Das Ehepaar wartet immer geduldig für 20 bis 30 Minuten im Auto, bis alle Katzen satt sind. „Eine von ihnen wartet immer noch auf einen Nachschlag, den bekommt sie natürlich. Dann räumen wir alles wieder ein – wir hinterlassen keine Spuren. Das ist uns sehr wichtig“, betont der 79-Jährige.

Trotzdem seien die beiden bereits einige Male beschimpft worden: „Einige Menschen würden es lieber sehen, dass wir die Tiere verhungern lassen. Diese Einstellung macht uns sehr traurig. Denn wir tragen nicht dazu bei, dass sie sich weiter vermehren – das Gegenteil ist der Fall. Die Menschen machen sich zu wenig Gedanken. Die sehen nur, dass wir die Katzen füttern.“

Die Tierhilfe in Rotenburg

Die Tierhilfe Rotenburg betreibt seit 2007 ein Katzenhaus in Helvesiek, das als Tierheim anerkannt ist. Dort haben bis zu 35 Katzen Platz – in drei Zimmern und einer Quarantänestation. Den Vorstand des Vereins bilden Vorsitzender Gerhard Gollon, die zweite Vorsitzende Franziska Weigel, Kassenwartin Kerstin Cordes und Schriftführerin Ingrid Hagelberg. Insgesamt 170 Mitglieder gehören der Tierhilfe an, die ihre Arbeit weitgehend auf die Pflege und Vermittlung von Katzen stützt. Dafür arbeitet der Verein mit verschiedenen Pflegestellen. „Der Bedarf an weiteren ist sehr groß“, betont Gollon. Die Tierhilfe führt Kastrationsaktionen durch, berät Tierbesitzer und Interessierte, vermittelt Katzen und sorgt dafür, dass die Tiere ärztlich versorgt sowie geimpft werden. Derzeit bemüht sich der Verein um die Mitgliedschaft im Tierschutzbund. „Durch die starke Gemeinschaft haben wir dann einige Vorteile“, berichtet der Vorstand. Die Tierhilfe finanziert sich ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und Schutzgebühren. „Außerdem haben wir von der Stadt Rotenburg im vergangenen Jahr einen kleinen Obolus erhalten. Am Ende des Jahres liegen wir immer bei plus minus Null“, betont Gerhard Gollon. 2020 hatte der Verein 114 Katzen aufgenommen und wieder vermittelt. Im laufenden Jahr ist diese Anzahl bereits überschritten. „Wir können uns gut vorstellen, dass dies Folge der Coronapandemie ist – viele Menschen lassen ihre Tiere leider nicht kastrieren“, berichtet Ingrid Hagelberg. Im Schnitt verbleiben die Katzen bis zur Vermittlung 54 Tage. Weitere Informationen über den Verein gibt es unter www.tierhilfe-rotenburg.de.

Bevor die beiden ihre nächtliche Tour starten, machen sie ein Nickerchen auf dem Sofa. „Den Rest des Schlafes holen wir dann im Laufe des Vormittags nach. Wir sind ja Rentner und haben die Zeit. Unsere Freunde und Bekannten wissen das und nehmen Rücksicht darauf. Vor elf Uhr ruft niemand bei uns an.“

Es sind besondere Erlebnisse, die für das Ehepaar unvergessen bleiben – und die ganze Mühe rechtfertigen. „Es hat Jahre gedauert, bis eine besondere scheue Katze Vertrauen zu uns gewonnen hat. Wir mussten das Futter lange Zeit vorsichtig ins Gebüsch stellen – dort saß sie und hat nach uns gekratzt, weil sie offenbar schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hatte.“

Irgendwann wurde das Tier aber zutraulicher: „An einem kalten Wintertag habe ich den Teller mit Futter in den Fußraum gestellt. Sie ist dann zunächst vorsichtig hineingesprungen und hat gefressen. Als sie fertig war, ist sogar auf meinen Schoß gesprungen. Da habe ich gedacht: So, jetzt ist es soweit. Nun bekomme ich Kloppe.“ Es kam anders: „Sie hat sich eingekuschelt und geschlafen. Weil es sehr kalt war, habe ich sie nicht geweckt und stattdessen eine Wolldecke um uns gelegt.“

Wir machen also weiter, bis wir irgendwann umfallen.

Das helfende Ehepaar

Plötzlich klopfte jemand an die Scheibe, der Schein einer Taschenlampe blendete sie: eine Polizeikontrolle. „Die Beamten müssen uns für verrückt gehalten haben“, erinnert sich die Rentnerin und lacht.

In den Anfangsjahren seien die beiden häufig nachts von der Polizei angehalten und überprüft worden. „Inzwischen kennen uns die meisten Beamten. Und wir halten für sie die Augen offen. Wenn wir etwas Ungewöhnliches beobachten, melden wir das.“ So wurde das Ehepaar unter anderem einmal Zeuge eines Einbruchs in die Straßenmeisterei: „Wir konnten Hinweise zum Fahrzeug und zu den Tätern geben.“

Altersbedingt denken die beiden ab und zu daran, die nächtliche Aufgabe abzugeben, doch sie wissen: „Dafür einen Nachfolger zu finden, wird sehr schwer. Vermutlich ist es sogar unmöglich. Wir machen also weiter, bis wir irgendwann umfallen.“ Bis dahin machen sie weiterhin pünktlich um Mitternacht auf den Weg – auch heute Nacht. „Die Katzen brauchen uns“, erklären die beiden. Andersherum ist es genauso.

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