BÜRGERMEISTERWAHL Die Frauen der Kandidaten im Gespräch

Mehr als Beiwerk

In der Innenstadt lernen sich Beate Oestmann (l.) und Christine Holle kennen.
+
In der Innenstadt lernen sich Beate Oestmann (l.) und Christine Holle kennen.

Frank Holle und Torsten Oestmann bewerben sich um das Amt des Bürgermeisters der Stadt Rotenburg. Ihre Kandidatur, aber auch der Sieg einer der beiden hat auch auf andere Personen Auswirkungen, vor allem auf ihre Ehefrauen Christine Holle und Beate Oestmann.

Rotenburg – Sie sind charakterlich unterschiedlich, leben verschiedene Lebens- und Familienmodelle, aber Beate Oestmann und Christine Holle eint eines: Beide sehen sich völlig losgelöst von der politischen Rolle ihrer Männer, der Rotenburger Bürgermeisterkandidaten Torsten Oestmann und Frank Holle. Es ist ein interessantes Kennenlerngespräch – auch über die Rolle der Frau in der Gesellschaft und was sich verändern muss.

Mit Eigeninitiative, selbstverständlich: „Wir müssen vehementer werden, aber uns auch gegenseitig unterstützen“, sagt Holle.

Unterstützung unter Frauen, auch bei Entscheidungen, die man selber nicht für sich getroffen hätte – das ist noch oft schwierig. „Der Konkurrenzdruck fängt häufig schon mit der Schwangerschaft an“, weiß Holle, selber Mutter von drei Kindern.

Gerade heute gibt es viele Varianten der Lebensgestaltung, zugleich wird schief beäugt, was nicht dem eigenen Modell entspricht. Oestmann, seit fast 30 Jahren verheiratet, kennt solche Kritik. Sie hat im Einzelhandel gelernt, ungeduldig sei sie gewesen, erinnert sich die 57-Jährige. „Ich wollte mit der Ausbildung starten – später habe ich gemerkt, dass ich gerne in den medizinischen Bereich gegangen wäre.“ Doch dann sind da ihre zwei Kinder, die Lebensplanung ändert sich: „Ich bin Hausfrau und ich stehe dazu, mit der Entscheidung haben wir alles richtig gemacht.“

Unterstützung und eigene Wege

Lob von Holle – „Da ist man Managerin und im medizinischen Bereich“ –, die nach zehnjähriger Kinderpause ihre Arbeit als Lehrerin wieder aufgenommen hat. Als Bewegungspädagogin arbeitet sie heute an der Ottersberger Waldorfschule. Ihre Arbeit ist der 50-Jährigen, seit mehr als 30 Jahren mit ihrem Mann zusammen, wichtig. Doch erst gab es auch andere Pläne: Tischlerin. „Aber mein Anliegen war immer, dass Kinder Lust haben, in die Welt zu gehen und tatkräftig ihren Beitrag zu leisten – mit dem, was sie sind und können.“ Dabei unterstützt sie sie.

Kommunikation ist wichtig.

Beate Oestmann

Es ist eines der Schlagworte des Nachmittags. Unterstützung für ihre Männer, genauso andersherum für ihre eigenen Wünsche. Das funktioniert, auf Augenhöhe. „Natürlich mache ich bei uns vieles, aber weil ich es möchte – und wenn etwas ist, könnte das auch mein Mann. Die Kommunikation ist wichtig“, meint Oestmann. Dafür verbringt sie im Gegenzug auch mal einen Tag damit, Plakate aufzuhängen. „Ich dachte aber, das geht schneller“, gibt sie zu und muss lachen.

Für sie war es eine Überraschung, als ihr Mann ankündigte, in die Politik zu wollen. „Wir haben zwei Wochen gebraucht, viel gesprochen“, erinnert sich Oestmann. Möchte sie das? Der Partner, die Familie, muss dahinterstehen – der Job als Verwaltungschef ist zeitaufwendig, das weiß Holle nur zu gut – ist ihr Mann doch seit Jahren Samtgemeindebürgermeister in Tarmstedt. „Es ist der Weg, den mein Mann sich wünscht und die logische Schlussfolgerung von dem, was er bisher gemacht hat – da habe ich ihn motiviert“, so Holle.

Interesse an Politik

Eigene Ambitionen auf ein politisches Amt haben beide nicht, auch wenn sie politisch interessiert sind. „Ich habe viel dazu gelernt, aber ich brauche das selber nicht. Mir ist aber der Beruf des Bürgermeisters jetzt viel näher“, so Holle. Wenn der Gedanke noch mal aufkommt, sind sie sich der Rückendeckung ihrer Familien sicher. Denn: „Unterstützen geht in beide Richtungen“, sagt Oestmann.

Eigenständig auf ihre eigene Art, das sind sie beide. War früher die Frau des Bürgermeisters so etwas wie die „First Lady“ der Stadt, aber letztlich doch nicht mehr als das schmückende Beiwerk auf Veranstaltungen, sind heute die Rolle und das Selbstbild zweier moderner Frauen wie Oestmann und Holle gänzlich anders. „Früher fanden die Frauen das toll, Frau Bürgermeister zu sein“, sagt Holle. Der Begriff „First Lady“ bringt beide zum Schmunzeln. Nein, so sehen sie sich definitiv nicht. „Es liegt an uns, wie wir uns neben die Männer stellen.“ Und dabei den jungen Frauen ein Vorbild sein: „Auch in Gesprächen das sagen, was ich denke – nicht das, was mein Mann denkt“, meint Holle.

Aber: Im Wahlkampf und danach steht man unter Beobachtung, gerade im ländlichen Raum. Da gibt es schnell Gerede, wenn man bei einem Event nicht an der Seite des Partners auftaucht. „Es gibt aber wenig Veranstaltungen, wo ausdrücklich das Paar eingeladen wird“, weiß Holle. Und das sei gut so, meint Oestmann, hat doch jeder sein eigenes Leben, ist nicht nur „die Frau von“, die ihrem Mann „den Rücken freihält“.

Es war immer ein Miteinander.

Christine Holle

Oestmann sieht dieses Reduzierungs-Denken in vielen Köpfen noch immer verankert. „Bei uns halte ich gerne meinem Mann den Rücken frei – weil es meine eigene Entscheidung ist.“ Sie ist die Ruhigere, beobachtet erstmal, wartet ab. Gleichzeitig sei sie „wie ein Hubschrauber“ – immer am Rotieren, jedenfalls sage das ihre Familie. Bei Holle und Oestmann sind es unterschiedliche Ausgangslagen. Man müsse aber immer aufpassen, als eigenständige Person wahrgenommen zu werden, meint Holle. „Ich war lange zu Hause, bin dann in die Schule zurück. Es war immer ein Miteinander.“

Doch auch ein Blick in die Bundespolitik zeigt: Die Partner an der Seite der Männer sind kaum Thema, taucht eine Kandidatin auf, wird es eines – mit der Frage „Wie macht sie das?“ Aber das wird sich ändern, sagen Oestmann und Holle: Kommende Generationen werden noch mehr diskutieren über Chancengleichheit, eine neue Balance im Miteinander. Frauen müssen sich dabei mehr durchsetzen, sich mehr zutrauen. Ein Wandel werde sich nur behutsam einstellen. „Holländer oder Skandinavier sind da weiter“, erklärt Holle, mütterlicherseits halbe Holländerin. „Wir brauchen Selbstbewusstsein, egal, wofür man sich entscheidet – auch, wenn man aneckt“, betont Oestmann. Gleichzeitig wollen sich Männer heute mehr einbringen, flexible Arbeitsmodelle fehlen. „Da gibt es noch viel zu tun“, so Holle. „Aber das ist auch das Spannende an der Zukunft.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

Schlemmen im Sommer: Entdecken Sie kreative Rezepte im Magazin „Küchengeheimnisse“

Schlemmen im Sommer: Entdecken Sie kreative Rezepte im Magazin „Küchengeheimnisse“

Der STERNGLAS Topseller im exklusiven Deal - 50 Euro sparen!

Der STERNGLAS Topseller im exklusiven Deal - 50 Euro sparen!

Meistgelesene Artikel

Warnstufe 1 für den Landkreis Rotenburg

Warnstufe 1 für den Landkreis Rotenburg

Warnstufe 1 für den Landkreis Rotenburg
Mulmshorn und Buchholz gewinnen Kreiswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“

Mulmshorn und Buchholz gewinnen Kreiswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“

Mulmshorn und Buchholz gewinnen Kreiswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“
Gemeinwesenarbeiter planen Arbeitsgruppe Recycling

Gemeinwesenarbeiter planen Arbeitsgruppe Recycling

Gemeinwesenarbeiter planen Arbeitsgruppe Recycling
Jürgen Hoops bringt ein Sachbuch als Roman heraus

Jürgen Hoops bringt ein Sachbuch als Roman heraus

Jürgen Hoops bringt ein Sachbuch als Roman heraus

Kommentare