SPD-Politiker wieder unterwegs

Die drei Jobs des Lars Klingbeil im Bundestagswahlkampf

Lars Klingbeil
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Vor dem Rathaus, im Gespräch mit den Menschen auch in Rotenburg: Viel war noch nicht zu sehen vom Bundestagswahlkampf vor Ort, Lars Klingbeil hat ihn jetzt für sich gestartet.

Endlich zurück auf den Marktplätzen der Nation: Der Bundestagswahlkampf kann beginnen. Auch für den General der Genossen.

Rotenburg – „74 Tage, 0 Stunden, 13 Minuten.“ Lars Klingbeil muss nicht einmal auf seine Countdown-App schauen, er hat die Frist im Kopf. Am 26. September um 18 Uhr schließen die Wahllokale, dann wird feststehen, wie tief die SPD wirklich stürzt oder ob sie alle überrascht und welchen seiner vielen aktuellen und ihm schon für die Zukunft zugesprochenen Jobs der 43-Jährige noch wird ausüben können. Drei hat er momentan: Klingbeil ist seit 2017 Generalsekretär der Genossen, er ist demzufolge oberster Wahlkampfleiter der Partei und für den Kanzlerkandidaten Olaf Scholz, und er ist in eigener Sache Wahlkämpfer. Schließlich will er sein Direktmandat im Wahlkreis 35 „Rotenburg I – Heidekreis“ verteidigen.

An diesem schwülwarmen Nachmittag macht Klingbeil, die SPD-Bundestagsfraktion im Gepäck, Station in der Kreisstadt. Persönliche Gespräche auf dem Pferdemarkt mit Parteifreunden, Bürgerinitiativen und Bürgern. „Mir hat das total gefehlt“, betont er. In fast eineinhalb Jahren Pandemie sei er „Krisenmanager für alle“ gewesen, sagt er, zumeist in digitalen Gesprächsrunden, jetzt geht es mit hygienisch korrektem Abstand wieder auf die Marktplätze der Nation. Es ist ein wenig wie ein Wahlkampfauftakt in der Region. Seit Sonntag sind die Laternen und Straßenschilder mit Plakaten zugekleistert, trotzdem ist die Bundestagswahl für viele noch weit entfernt. Vor Ort geht es eher um die Bürgermeister und Räte: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Torsten Oestmann die besten Chancen hat“, antwortet Klingbeil auf die Frage, wer denn bald im Rathaus der Kreisstadt das Sagen hat. Da zähle er natürlich auf den von SPD und Grünen nominierten Kandidaten.

Acht Parteivorsitzende als Generalsekretär

Dreieinhalb Jahre Generalsekretär, acht Parteivorsitzender. „Irgendwann schreibe ich ein Buch darüber“, scherzt Klingbeil mit Blick auf die turbulenten Zeiten bei den Sozialdemokraten. Und auch wenn er alle seine bisherigen Parteivorsitzenden schneller aufzählen kann als seine Gegenkandidaten im Wahlkreis: Er scheint tatsächlich überzeugt davon, dass auch „die Menschen“, wie er immer sagt, feststellen, dass seine Partei wieder eine klare Linie fahre und bessere Lösungen anbiete. Dazu gehöre auch sein Engagement für die Region, seit 2009 sitzt Klingbeil durchgängig im Bundestag. 2005 gab es schon einmal eine zehnmonatige Stippvisite als Nachrücker. Der junge Kerl von der Hinterbank ist ein politisches Schwergewicht geworden. Und so sagt Klingbeil ganz offensiv: „Es ist nicht egal, wer für den Wahlkreis im Bundestag sitzt. Ich mache die Türen auf.“

Lars Klingbeil im Gespräch mit Rotenburgs Bürgermeister und Parteigenosse Andreas Weber.

Klingbeils Mitarbeiter tragen an diesem Tag eine mehrseitige Liste bei sich: Fintel, Scheeßel, Rotenburg, Sottrum, Bothel, Visselhövede, Bilanz und Ziele. Wie viel Geld ist aus welchen Töpfen in welche Kommune geflossen? Man kann das als eigenen politischen Erfolg verkaufen. „So viel Geld habe ich noch nie erreicht“, sagt der Politiker aus Munster. Und die Zukunft: Scheeßels Ortsumgehung voranbringen, ein besserer ÖPNV, eine Hochschule für Rotenburg, das Diakonieklinikum stärken, die Umwandlung der Rotenburger Werke, die Krebsfälle in Bothel aufklären. Klar ist: Diese Aufgaben wird auch der Generalsekretär nicht für seinen Heimatwahlkreis allein lösen können, und gegen die Projekte wird parteiübergreifend auch niemand sein. Die Leitlinien der regionalen Entwicklung sind klar – auch im Kommunalwahlkampf oder im Landtagswahlkampf wird man davon hören.

Und dann Minister?

Sechs Gegenkandidaten hat Klingbeil aktuell im Rennen ums Direktmandat. „Ist das so?“, fragt er zunächst, kann sie aber dann doch benennen. Er respektiere die Nominierungen, „jede Partei wirbt für sich über Personen“. Die größten Chancen unter den Gegenkandidaten hat naturgemäß CDU-Bewerber Carsten Büttinghaus. Prognosen sind aber so eine Sache, das weiß Klingbeil nur zu gut. Ohne Chance das Größte fordern? „Wir sind bei 17 Prozent, das nervt mich“, poltert es aus dem General der Genossen heraus. Trotzdem sei es nicht abwegig, an die Chance eines Kanzlers Scholz zu glauben. „18 – 17 – 12“, zählt Klingbeil auf. SPD, Grüne und FDP, die politische Ampel, das würde reichen. „Ohne irgendwelche Präferenzen zu haben“, schiebt er schnell nach. Und welchen Ministerposten hätte er dann gerne? „Gute Frage“, weicht er aus. „Erst einmal bin ich bis Dezember Generalsekretär der SPD.“ Und sowieso gelte es zunächst, „die Bundestagswahl zu gewinnen“.

„Was macht eigentlich Grindel?“, fragt Klingbeil beim Minztee zum Pressegespräch. Schweigen. Ja, es gab Ambitionen seines einstigen harten politischen und wohl auch persönlichen Widersachers, für die CDU zurück in die Politik auch auf Bundesebene zu kehren, aber die sind offiziell erst einmal passé. Ab und zu meldet sich der Rotenburger Grindel zu lokalpolitischen Themen wie den umstrittenen Winterrasen im Ahe-Stadion zu Wort. Aber sonst? Klingbeil hatte zweimal gegen Grindel im direkten Duell um den Wahlkreis verloren, dann verabschiedete sich dieser in die Fußball-Funktionärswelt und scheiterte bekanntermaßen krachend. Erst gegen CDU-Nachrückerin Kathrin Rösel gelang der direkte Sieg. Jetzt geht es an die Mission Titelverteidigung.

Bislang sieben Kandidaten für die Erststimme

Noch bis Montagabend 18 Uhr haben Interessenten Zeit, sich bei der Kreiswahlleitung für den Bundestagswahlkreis 35 „Rotenburg I – Heidekreis“ im Rotenburger Kreishaus anzumelden. Knapp 170 000 Wahlberechtigte dürfen dann am 26. September mit ihrer Erststimme das Direktmandat vergeben. Bislang gibt es sieben Bewerber – genau so viele vier vor vier Jahren. Lars Klingbeil (SPD) und Günter Scheunemann (Freie Wähler) traten auch 2017 an – und die Parteien, die einen Kandidaten stellen, sind ebenso gleich geblieben:

- Lars Klingbeil (SPD)

- Carsten Büttinghaus (CDU)

- Michael Kopatz (Grüne)

- Alexander Künzle (FDP)

- Kathrin Otte (Die Linke)

- Volker Körlin (AfD)

- Günter Scheunemann (Freie Wähler)

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