1. Mai: Bullensee-Pilger glauben nach der Diskussion an eine Langzeitwirkung

„Die Botschaft ist angekommen“

Frank Peters (l.) und Kenneth Görtz hoffen, dass die Bullensee-Maitour auch in den kommenden Jahren Bestand hat. - Foto: Röhrs

Rotenburg - Von Matthias Röhrs. Ist jetzt alles gut? Mit der Maitour zum Bullensee gipfeln am Sonntag Monate und Wochen des intensiven Dialogs zwischen dem Rotenburger Rathaus und der Stadtjugend.

Das Ziel: der Fortbestand der Traditionsveranstaltung, ohne dass Umweltverschmutzung oder Exzess die Oberhand behalten. Lange haben Verwaltung und die Vertreter einer Initiative für die Bullensee-Maitour diskutiert und Kompromisse ausgehandelt. Von Zufriedenheit ist dennoch nicht viel zu sehen. Im Interview am Wochenende reden die Initiativen-Sprecher Frank Peters und Kenneth Görtz über die Tour, über dessen Folgen und äußern auch Kritik am Vorgehen der Stadtverwaltung.

Nach Monaten der Diskussion, feiern Sie da überhaupt noch mit?

Frank Peters: Nein, nicht direkt. Aber ich werde hinfahren und mir anschauen, was da los ist. Aber als Teilnehmer bei der Tour mitmachen, dafür bin ich mittlerweile zu alt. Als Beobachter, werde ich mich stattdessen umschauen und gucken, wie die Stimmung ist. Das interessiert mich dann schon. 

Kenneth Görtz: Ich bin auf jeden Fall dabei, schließlich habe ich mich eingesetzt, damit es die Maitour auch in Zukunft gibt und ich weiter mitlaufen kann. Das möchte ich auch in den kommenden Jahren noch können und hoffe das auch für zukünftige Generationen.

Glauben Sie, Herr Görtz, dass sich Ihr „Feierverhalten“ durch die Debatte um die Maitour verändert hat?

Görtz: Natürlich. Und das nicht nur bei mir, sondern auch bei ganz vielen anderen. Die ganze Diskussion hat die Stimmung bei den Jugendlichen etwas gedrückt und ich habe gehört, dass einige mittlerweile nicht an der Maitour teilnehmen wollen. Aber ich persönlich lasse mir das nicht nehmen, und das geht vielen anderen genauso.

Wie sieht das aus? Feiern Sie verhaltener oder bewusster?

Görtz: Bewusster ganz bestimmt. Vor allem, weil ich jetzt aktiv an der Debatte beteiligt war. Ich weiß, wie ernst die Lage ist und was da auf der Kippe steht.

Peters: Die wichtigsten Grundverhaltensregeln sind eigentlich bei jedem angekommen und von allen angenommen worden. Und darauf setzten wir: dass sich das Verhalten der Teilnehmer deutlich von den vergangenen Jahren unterscheidet.

Hat die Maitour durch die Einschränkungen und Verbote nicht an Attraktivität verloren?

Peters: Für den Einen oder Anderen bestimmt, aber das ist in Ordnung. Wenn man jetzt an die Personen denkt, die in den vergangenen Jahren die Maitour nur dazu genutzt haben, maßlos über die Strenge zu schlagen, möchten wir die auch gar nicht da haben. Ich glaube zu diesem Zeitpunkt ist niemand mehr sauer, dass die Verbote damals im Januar scheinbar aus dem nichts heraus angekündigt wurden. Allen ist klar geworden, dass die Maitour insgesamt etwas vernünftiger ablaufen muss und extreme Verhaltensweisen möchten die meisten Beteiligten eh nicht.

In welchem Rahmen lässt es sich denn noch feiern?

Görtz: Das wird genauso ablaufen wie sonst auch. Nur, dass der Schnaps dieses Mal in Plastikflaschen umgefüllt wird, und statt Bier aus Glasflaschen gibt es jetzt Dosenbier. Wir nehmen aber definitiv gelbe Säcke mit, auch wenn welche verteilt werden. Damit wir im Zweifel selbst welche zur Hand haben. 

Peters: Auch in den vergangenen Jahren gab es Leute, die Müllsäcke mitgenommen haben. Das Problem war eher, dass auch die Vernünftigen ab einem gewissen Zeitpunkt – vom Alkoholpegel her gesehen – nicht mehr in der Lage waren, sich gegen die Unvernünftigen durchzusetzen. Und wir hoffen, dass in den vergangenen Wochen das Bewusstsein der Teilnehmer so stark geschärft wurde, dass niemand im Zweifel wegschaut und sich vor Ort alle gegenseitig die Verantwortung vor Augen führen.

Bereits 2013 hat das Online-Magazin Row-People.de mit einer Aktion versucht, das Müllproblem in den Griff zu bekommen, scheiterte aber. Warum funktioniert es in diesem Jahr?

Peters: Ich denke, weil Bürgermeister Andreas Weber und die Verwaltung in diesem Jahr den Jugendlichen öffentlich die Pistole auf die Brust gesetzt haben. Wir bilden uns zumindest ein, dass alles Glatt laufen kann, können es aber nicht garantieren. 

Görtz: Wir erreichen ja mit der Facebook-Gruppe mehr als 3 000 Jugendliche, die tatsächlich teilnehmen. Und wenn man ihnen immer wieder sagt, was Sache ist und es den Leuten sozusagen reinhämmert, dann kommt das auch an.

Peters: Dazu kommt das Treffen in der Aula, das ja auch große Resonanz bekommen hat. Wir haben die Hoffnung, dass sich das Thema in den Köpfen festgesetzt hat. 

Görtz: Wichtig ist aber, dass sich das Ergebnis des Ganzen letztendlich langfristig in den Köpfen festsetzt, damit im kommenden Jahr nicht wieder alles beim Alten ist. Aber ich denke, das haben wir hingekriegt.

Sie sagten, Bürermeister Andreas Weber habe den Jugendlichen die Pistole auf die Brust gesetzt. Hätten Sie sich ein anderes Vorgehen gewünscht?

Görtz: Natürlich. Jeder hätte sich ein anderes Vorgehen gewünscht. Jeder hätte sich gewünscht, zumindest vorab gewarnt und nicht auf einmal mit Verboten konfrontiert zu werden. Anfangs wurde zudem alles am übermäßigen Alkoholkonsum festgemacht. Und bei der Versammlung in der Realschule hieß es dann, dass der wichtigere Grund sei, dass Rettungswagen in 15 Minuten zu jedem Haus kommen können. Das sei durch die Maitour nicht mehr gewährleistet. Hätte man das ganz am Anfang gesagt, hätten das alle nachvollziehen können. Aber ich habe kein Verständnis dafür, dass anfangs alles nur am Alkohol festgemacht wurde. Herr Weber hat die falschen Sachen aus den richtigen Gründen gemacht. 

Peters: Bei der Art und Weise, wie Herr Weber und die Stadt den Dialog eröffnet haben, finde ich das Timing am unglücklichsten. Letztes Jahr, im Nachgang zum 1. Mai, da hätte er damit kommen können. Dann hätte man ein ganzes Jahr gehabt, um sich der Sache gründlich anzunehmen. So hat er hat die Jugend ganz schön unter Zugzwang gesetzt. Es gibt nur begrenzt Dinge, die man in so einer kurzen Zeit erreichen kann.

Soweit zum Eindruck jetzt, aber Hand aufs Herz: Worum ging es bei der Facebook-Gruppe denn zu Anfang? Alkohol? Feiern? Ums Prinzip?

Görtz: Das war eine Trotzreaktion. Sie war anfangs auch mit dem Namen „Wir laufen und saufen trotzdem“ als Spaß gedacht. Die Leute haben sich dann über die Verbote aufgeregt, aber auch angefangen, sich über die Probleme, die die Maitour mit sich bringt, zu unterhalten. Und als dieser Zeitpunkt erreicht war, haben wir den Namen geändert.

Wo trifft man sich denn nun am Sonntag?

Görtz: Unterschiedlich. Viele werden sich am Bahnhof treffen. Der alte Treffpunkt an der Schule am Grafel geht nicht mehr, also muss man sich entweder vor der Verbotszone treffen oder dahinter, was das beste wäre. Das Problem wird allein damit von der Stadt allerdings nicht behoben, sondern nur verschoben. 

Peters: Ein Treffpunkt ist auch am Glummweg oder an der Knickchaussee beim Floradies, wo es auch die Armbänder gibt, mit denen man einen kleinen finanziellen Beitrag zu Müllbeseitung leisten kann. Im Prinzip treffen sich alle um die Verbotszone herum.

Was haben Sie jetzt eigentlich genau mit der Stadt ausgemacht?

Görtz: Wir haben eigentlich recht viel ausgemacht, aber letztendlich ist ziemlich wenig daraus geworden. Peters: Das ist richtig, es gab viele viele Ansätze, Kompromisse und Vereinbarungen. Unterm Strich blieb bis zum Ende die Zusage der Jugendlichen hinsichtlich der Aufklärung über die Verhaltensregeln, die freiwillige Selbstverpflichtung, sich besser zu benehmen und sich an die Verbote zu halten. Wir haben uns in den vergangenen Tagen auch gefragt, wo uns eigentlich die Stadt entgegengekommen ist. In dem Zusammenhang muss man sagen, dass viele von uns deswegen frustriert und entäuscht sind. Es wurde bei den Treffen mit der Stadtverwaltung und den Parteien immer Interesse und Engagement signalisiert, das wurde aber nicht weitergetragen.

Warum funktioniert die Selbstverpflichtung der Jugendlichen? Wie wollen Sie die Leute motivieren?

Peters: Es wurde allen deutlich, dass die Lage ernst ist, und dass die Stadt nicht grundlos mit einer Allgemeinverfügung gekommen ist. Den Jugendlichen ist klar geworden, dass es so nicht weitergehen kann und es sonst keine Maitour mehr geben wird. Der Ernst der Lage ist angekommen.

Was glauben Sie, wie viele werden hinterher mit aufräumen?

Görtz: Ich denke nicht, dass die Resonanz beim Aufräumen am 2. Mai groß sein wird. Es müssen ja auch nicht viele Leute dabei sein, sonst verläuft sich alles nur. Soviel Müll wird auch nicht anfallen. Peters: Die Zielsetzung ist, dass am Sonntagabend nichts mehr offen rumliegt. Alles sollte dann schon in Säcken und Containern verpackt sein, bereit zur Abholung durch die Abfallwirtschaft.

Welche Erfolge verbuchen Sie aus den vergangenen Monaten?

Görtz: Dass überhaupt ein Umschwung gekommen ist, und jetzt darüber geredet wird, dass für die Jugend mehr gemacht werden muss. Auch die Politik sagt jetzt, da muss mehr getan werden. Mögliche Angebote für Jugendliche sind jetzt viel stärker im Gespräch, beispielsweise die Einrichtung einer Disco, ein Kino zu bauen oder die Veranstalter zu Events zu verpflichten. Peters: Ich denke auch, es hat an den verschiedensten Stellen – beispielsweise bei den Parteien oder im Stadtrat – neue Impulse gegeben. Die Botschaft der Jugend ist angekommen, sie will mitreden und beteiligt werden. Jetzt unmittelbar trägt das noch nicht so große Früchte, dass man von einem Erfolg sprechen kann, aber wir sind zuversichtlich, dass die Diskussion um die Maitour eine Nachwirkung haben wird. Vielleicht liegt es auch daran, dass jetzt der Kommunalwahlkampf losgeht, aber die Parteien fangen an, einige Dinge aus den Gesprächen und Treffen aufzuarbeiten und daraus Ideen und Maßnahmen abzuleiten – wie die eines Jugendgremiums. Ich denke, das Bewusstsein der Jugend ist jetzt geschärft, dass sie auch versteht, wie eine Stadt funktioniert und was eine Veranstaltung wie die Maitour an Management und Planung erfordert.

Der Begriff „letzte Chance“ ist im Zuge der Diskussion immer wieder aufgetaucht. Werden Sie sie nutzen?

Görtz: Viele machen das halt für andere – für jüngere Geschwister, die Kinder. Damit die auch irgendwann mal mitlaufen und die Maitour miterleben können. Wir haben bei uns in der Gruppe auch viele Leute, die haben einfach Bock darauf. Aber das wird dann von vielen Idioten und schlechter Organisation kaputt gemacht. 

Peters: Man möchte zumindest beweisen, dass es nicht ganz angebracht war, alle über einen Kamm zu scheren. Man möchte zeigen, dass man als junger Mensch zwar gerne frei und wild sein möchte, aber dass man dabei auch vernünftig bleiben kann und Rücksicht gegenüber anderen, der Umwelt und der Sicherheit haben kann. Wir wollen zeigen, dass wir besser sind, als dargestellt.

Das sagt Andreas Weber:

Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) weist die Kritik, dass die Diskussion um die Maitour zum Bullensee zu spät entfacht wurde, zurück. Der Zeitpunkt Mitte Januar sei „früher als früh“und für die Debatte genügend Zeit gewesen. Eine Bekanntgabe der Allgemeinverfügung im vergangenen Jahr sei nicht möglich gewesen, da die Maitour zunächst nacherörtert, Strategien entwickelt und die Verfügung rechtlich geklärt werden musste. Auch das Rettungswagen-Problem sei bereits im vergangenen Jahr angesprochen worden. Weber betont, die Allgemeinverfügung sei kein Verbot. „Die Maitour darf ja stattfinden“, sagt er. Es galt, einen Rahmen zu schaffen, um die Zustände der vergangenen Jahre zu vermeiden, um derartige Kultveranstaltungen weiterhin zu ermöglichen – dabei müssten aber auch die Teilnehmer geschützt sein. Man wollte eine Sensibilität entwickeln. „Meiner Meinung nach ist das auch gelungen“, so Weber.

Die Initiative

Nachdem die Allgemeinverfügung mit weitreichenden Einschränkungen für die Maitour zum Bullensee Mitte Januar angekündigt wurde, gab es großen Widerstand – besonders von jungen Menschen. Die Facebook-Gruppe „Vorschläge für den Ersten Mai“ mit jetzt mehr als 3 300 Mitgliedern avancierte daraufhin zu einer Initiative für die Traditionsveranstaltung und ein Kernteam aus dieser Gruppe zum Ansprechpartner der Stadt.

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