Kardiologe warnt vor Folgen der aktuellen Zurückhaltung

Corona-Angst vorm Wartezimmer

Sebastian Kramer in seiner kardiologischen Praxis
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Sebastian Kramer, der ehemalige stellvertretende Leiter der Notfallaufnahme im Diako, fühlt sich an seiner neuen Wirkungsstätte in der kardiologischen Praxis Rotenburg wohl.

Rotenburg – Ein Besuch in der Kardiopraxis in der Rotenburger Fußgängerzone: Neben dem obligatorischen Schild mit Maskensymbol und dem Spender für Desinfektionsmittel fällt die Ampel auf, die maximal zwei Besucher zurzeit passieren lässt. Der Besucher hat Glück: Es ist grün.

Das Wartezimmer – seit ein paar Wochen sorgen hier die Bilder der Hobbykünstlerin Astrid Weiche, die die Praxis in eine kleine Kunstausstellung verwandeln, für eine angenehme Atmosphäre. Das weiß auch Sebastian Kramer zu schätzen, der hier seit einigen Wochen als Partner für den in den Ruhestand ausgeschiedenen Holger Werner tätig ist. Doch nicht nur der Anblick der großformatigen Gemälde macht ihn glücklich, sondern vor allem die Patienten, die auf den Stühlen darunter Platz genommen haben.

Bei der ersten Corona-Welle sei ein Rückgang der Patientenzahlen von 30 bis 40 Prozent zu verzeichnen gewesen, im Praxis- wie im Notfallbereich. Die Studien/Erhebungen auf dem Schreibtisch des 39-jährigen Kirchwalseders aus Großbritannien und Hessen decken sich mit seinen eigenen Erfahrungen. Der Verzicht auf den Arztbesuch: eine zuweilen fatale Fehlentscheidung – das weiß der Allgemeinmediziner nicht nur aus seiner kardiologischen Praxis, wo er seit Januar 2020 zunächst mit einigen Stunden, später im April als Partner eingestiegen ist, sondern auch als stellvertretender Leiter der Notfallaufnahme, seinem vorigen Betätigungsfeld, wo er die internistischen Geschicke der Station leitete. Nur wenige Schlaganfälle und rund ein Drittel weniger Herzinfarkte habe die Station zu verzeichnen gehabt. „Da wurden akute Beschwerden verschleppt – die Leute haben nicht den Notruf oder Arzt angerufen“, sagt er. Die Konsequenzen zeigten sich später. In der Folge seien mehr subakute, also „alte Infarkte“ zu beobachten gewesen mit schwereren Verläufen und bleibenden Schäden. Daher sein dringender Appell: „Geht zum Arzt, wartet nicht, bis Corona vorbei ist!“

Coronavirus: Zu wenig Bewegung im Lockdown

Selbiges gelte übrigens nicht nur für akute Symptome, sondern auch für die „ganz normalen“ Gesundheitsmaßnahmen wie die regelmäßige Einnahme von Medikamenten und Sport trotz Lockdown: „Bei einigen Patienten stellen wir eine erhebliche Gewichtszunahme im Zuge der Lockdowns fest – auch dem sollte man mit Sport entgegenwirken“, so der Hobby-Läufer, der derzeit für seinen ersten Marathon trainiert.

Auch in anderer Hinsicht ist Corona für den Kardiologen ein Thema. Die anfänglichen Anfragen nach einer Befreiung von der Maskenpflicht hätten sich zwar gelegt: „Die Menschen haben sich daran gewöhnt, sogar an das Tragen von FFP2-Masken.“ Im Unterschied zu seinen Kollegen habe er selbst noch keine Diskussionen führen müssen, wenn er – wie fast immer – ein Gesuch abgelehnt habe, „weil es fast keine medizinischen Gründe gibt, für einen begrenzten Zeitraum eine Maske zu tragen.“ Neu ist hingegen die Diagnostik bei Luftnot und Abgeschlagenheit als Corona-Spätfolgen: „Da haben wir schon erste Fälle.“ Noch seien Herzmuskelentzündungen zwar selten, doch er ist sich sicher: „Da wird noch was kommen!“

Auch wenn er mit dem Wechsel vom Diako in die kardiologische Praxis einen Perspektivwechsel vorgenommen hat und er von seinen bisherigen Erfahrungen profitiert, so seien die beiden Tätigkeiten gar nicht so weit voneinander entfernt, „nur, dass ich jetzt den ganzen Tag in meiner Lieblingsdisziplin arbeiten darf.“ An der neuen Tätigkeit schätzt der Internist und Kardiologe nicht nur die familienfreundlicheren Arbeitszeiten, sondern auch, „dass man die Menschen häufiger sieht, über einen längeren Zeitraum begleitet und mit seinen Diagnosen mitunter etwas bewirken kann, wenn es noch nicht zu spät ist.“

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