EUROPAWAHL Vom Fluch und Segen der EU für eine Stadt

Im Dickicht der Vorschriften

Bei Bernadette Nadermann laufen im Rathaus viele Fäden zusammen, wenn es um EU-Projekte geht. Foto: Krüger

Rotenburg – Bernadette Nadermann ist eine geduldige Frau, und wenn sie beim dritten Nachfragen nach Kritik doch antwortet, dann lässt Rotenburgs Erste Stadträtin trotzdem noch ein „Ja, aber“ mit einfließen. Ja, so manches Mal wünsche sie sich als Verwaltungsspitze „eine deutliche Verschlankung der Vorschriften“, „es gibt nichts mehr, das nicht geregelt ist.“ Aber: „Ich schätze die Möglichkeiten der EU sehr hoch ein.“

Es ist genau dieses Dauerthema auch in der öffentlichen Wahrnehmung, das im Rotenburger Rathaus immer wieder für zwiespältige Betrachtungsweisen sorgt. Ist die EU mehr als nur ein Bürokratiemonster? „Selbstverständlich“, beteuert die dreifache Mutter Nadermann, deren Töchter den vereinten Kontinent als Selbstverständlichkeit erleben können – anders als die Generationen vor ihnen. „Das fängt bei den kleinen Dingen an, die für uns normal geworden sind: Freizügigkeit und Austausch“, sagt die 56-jährige Juristin, die im Rathaus auch für die Wirtschaftsförderung zuständig ist und bei der deshalb viele Fäden, die Projekte mit möglicher EU-Förderung betreffen, zusammen laufen. Ohne große Hürden lasse sich in der EU Verständnis für andere Lebensweisen erzeugen. „Je mehr man voneinander weiß, desto friedensstiftender ist das“, ist Nadermann überzeugt. Europa als großes Projekt der Identifikation – gegen immer größer werdende Abschottungstendenzen. „Man muss die EU als Gesamtpaket betrachten und wertschätzen“, sagt die Erste Stadträtin. Über das Aber spricht sie anschließend.

Und das verbirgt sich meist hinter ziemlich langen Namen, Abkürzungen, Ziffern und Paragrafen. Die Stadt ist Mitglied der „GesundRegion Wümme-Wieste-Niederung“, einem Zusammenschluss der Landkreise Rotenburg und Verden sowie der Kommunen Rotenburg, Fintel, Sottrum, Ottersberg, Scheeßel und Gyhum. Ziel: Über ein gemeinsames Regionalmanagement Fördergelder für das integrierte ländliche Entwicklungskonzept (Ilek) zu akquirieren. Daseinsvorsorge im ländlichen Raum – vom Aufbau eines Dorfladens über Sport- und Vereinsangebote bis zur Förderung ärztlichen Nachwuchses. Dazu gibt es zentrale Förderprogramme der EU, im Kreis sind der Sozialfonds (ESF), der Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und der Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) maßgeblich. Wer blickt da durch? „Es ist schwierig“, sagt Nadermann.

In der Rotenburger Verwaltung gibt es keine eigens für EU-Projekte abgestellten Mitarbeiter, die Fachabteilungen müssen sich selbst informieren oder informieren lassen. Maßgeblicher Ansprechpartner ist diesbezüglich das Amt für regionale Landesentwicklung mit der Außenstelle in Verden. Nadermann betont, dass die Fördertöpfe wichtig sind für die Entwicklung gerade des ländlichen Raums. Nicht nur Bauern profitierten von den Zuschüssen, sondern auch die Dorfgemeinschaften. „Es sind oft kleine Dinge, die schwierig wären, wenn eine Kommune sie alleine stemmen müsste.“ Als Beispiel nennt sie aktuell den Bau von Werkräumen im Dachgeschoss des Mehrgenerationenhauses in Waffensensen, wofür 99 000 Euro fließen. 120 000 Euro gab es zuletzt für einen Mehrzweckraum in Unterstedt, für die Erschließung des Gewerbegebiets Hohenesch West eine Million Euro. Die EU sei nicht weit weg, sondern zeige sich ganz praktisch vor Ort. „Es ist von einschneidender Bedeutung, was in der EU passiert“, sagt Nadermann. Dass man dann am Sonntag womöglich nicht wählen gehe, sei ihr „schleierhaft“. Nadermann geht wählen. Und sie verbindet damit die Hoffnung auf den Abbau der Bürokratie. Denn der belaste eben doch. „Unser Gestaltungsspielraum wird immer kleiner“, bedauert sie. Manches lasse sich vor Ort doch besser lösen – nicht in Brüssel.

84 EU-Projekte

Die aktuelle EU-Förderperiode läuft von 2014 bis 2020. In Rotenburg sind nach Angaben des Amts für regionale Landesentwicklung in Lüneburg die beiden Töpfe des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) maßgeblich. Aus diesen werden seit 2014 insgesamt 84 Projekte mitfinanziert. Die genauen Summen dafür kann das Amt nicht nennen, es gibt nur Angaben für den Landkreis insgesamt: Dort sind aus den beiden Programmen binnen vier Jahren rund 6,5 Millionen Euro bewilligt worden. Die Spanne der Projekte in der Kreisstadt reicht von Weiterbildungskursen für Führungskräfte über den Bau einer neuen Produktionshalle bei einem Holzbauunternehmen bis zur Meistervorbereitung für Landmaschinenmechaniker.  mk

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

#hallezusammen-Konzert gegen Hass und Ausgrenzung

#hallezusammen-Konzert gegen Hass und Ausgrenzung

Fotostrecke: Lukebakio kontert Sargent - 1:1

Fotostrecke: Lukebakio kontert Sargent - 1:1

Nach neuer Krawallnacht in Katalonien: Madrid erhöht Druck

Nach neuer Krawallnacht in Katalonien: Madrid erhöht Druck

Freimarkt 2019 - Bilder vom Auftakt am Freitag

Freimarkt 2019 - Bilder vom Auftakt am Freitag

Meistgelesene Artikel

Frontal-Crash mit Baum: Autofahrer bei Unfall auf B75 schwer verletzt

Frontal-Crash mit Baum: Autofahrer bei Unfall auf B75 schwer verletzt

Schweine-Lkw-Fahrer übersieht Stauende: A1 zwölf Stunden gesperrt

Schweine-Lkw-Fahrer übersieht Stauende: A1 zwölf Stunden gesperrt

Viel zu tun für die neue Kartoffelkönigin

Viel zu tun für die neue Kartoffelkönigin

Kommentare