Einsatz im Rotenburger Diakonieklinikum

Klinikseelsorger im Gespräch: „Wir hören zu“

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Pastor Martin Söffing (v.l.), Diakonin Margot-Jutta Kruse und Gemeindereferent Michael Hanke gehören zum Seelsorge-Team des Diakos. Es fehlt Pastor Rolf Hirte.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Sie helfen, wo die Schulmedizin nicht heilen kann: Margot-Jutta Kruse, Michael Hanke und Martin Söffing sind Teil des Seelsorge-Teams am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg. Im größten konfessionellen Krankenhaus in Niedersachsen kümmern sie sich um Patienten und Mitarbeiter. Wie sie helfen können und wo sie an Grenzen geraten – das verraten sie im Interview.

Was macht ein Krankenhaus-Seelsorger?

Michael Hanke: Hauptsächlich zuhören. Wir hören zu und begleiten Menschen. Ich bin nicht auf Missionsreise. Der Begriff ist sehr weit gefasst: was der Seele guttut. Margot-Jutta Kruse: Für mich ist das Bild entscheidend, in ein Zimmer zu kommen und die Hand zu reichen. Dann entscheidet der Mensch, der im Bett liegt, oder diejenigen, die dazu gehören, ob sie diese Hand ergreifen.

Wie wird man Krankenhaus-Seelsorger?

Kruse: Der Kollege Hanke ist katholisch, dort gibt es andere Wege. Auf evangelischer Seite ist man entweder Pastor oder Diakon und absolviert eine Zusatzausbildung zur klinischen Seelsorge. Man muss natürlich eine Affinität zur Seelsorge haben – Zeit und Geduld, mit Menschen ins Gespräch zu kommen.

Fragen Patienten nach Ihnen oder kommen Sie ungefragt vorbei?

Kruse: Meistens müssen wir einfach kommen. Wenn wir reinkommen, können sich die Menschen entscheiden, ob wir bleiben sollen. Wir bringen nur eine Sache mit außer uns selbst: Zeit. Das ist ein großer Schatz, den wir zu geben haben. Es gibt aber auch Menschen, die anrufen, oder die von Ärzten oder Schwestern gefragt werden. Auch in Notfällen sind wir da.

Wo sind Sie hauptsächlich im Einsatz?

Hanke: Wir sind jeweils Stationen zugeordnet, damit die Menschen wissen, an wen sie sich wenden müssen. Kruse: Wir versuchen, regelmäßig dort zu sein, das gelingt aber nicht immer in gleichem Maße. Ich bin auch für die Geburtshilfe zuständig, dort sind wir aber relativ wenig. Da bin ich vornehmlich, wenn Menschen Angst um ihr Kind haben oder es um Stillgeburten geht.

Was erwarten die Patienten von Ihnen?

Hanke: Das ist eine schwierige Frage. Viele sind überrascht, dass sie plötzlich jemanden haben, der ihnen Zeit schenkt und zuhört. Kruse: Ich glaube nicht, dass Menschen immer etwas erwarten. Jedenfalls nicht im positiven Sinn. Manch einer denkt, dass er von uns das klassische kirchliche Angebot bekommt, Beten und Abendmahl. Aber das ist nicht das Erste, was wir vor uns hertragen. Wir hören und gucken, was die Menschen wollen. Hanke: Ich weiß ja zunächst gar nicht, was das für ein Mensch ist, wie er tickt, ob er religiös ist. Also bin ich zunächst mit dem lieben Gott sehr zurückhaltend. Ich warte auf Signale des Patienten.

Ist Klinik-Seelsorge an eine Konfession gebunden?

Kruse: Es geht nicht darum, wie fromm oder wenig fromm der Mensch ist, ob er glaubt oder in der Kirche ist, sondern darum, was er selbst sagt. Wenn er sagt: Ja, habt Zeit für mich, dann haben wir Zeit. Ich hatte vor einigen Jahren eine Situation mit fünf Männern in einem Raum. Ich stellte mich als Seelsorgerin vor, und noch bevor ich damit fertig war, sagte einer: „Sie haben wir gerade noch gefehlt!“ Ich war gut drauf und erwiderte: „Dann ist ja gut, dass ich jetzt da bin.“ Der Mann sagte dann, dass er nichts mit Kirche am Hut habe und war damit schon mitten im Erzählen. Ich habe Buddhisten begleitet, Muslime...

Es gibt aber auch kirchliche Rituale im Krankenhaus. Laden Sie im Patientenzimmer auch zum Abendmahl oder zur Kommunion?

Kruse: Ja, wenn das gewünscht ist. Ich komme aber nicht gleich mit dem Köfferchen mit Abendmahlgeschirr und der Taufschale. Ich komme als Christin und Seelsorgerin. Es geht nicht darum, was ich denke, was der andere braucht. Es geht um den Patienten.

Drehen sich die Gespräche immer ums Sterben?

Kruse: Nein. Wenig. Es ist ein Bereich, aber es geht um alles, was das Leben beschäftigt – von der Partnerschaft bis zum Streit in der Familie, Flucht, Kinder. Hanke: Der Patient bestimmt das Thema.

Aber es sind doch meist traurige Gespräche?

Kruse: Auch nicht. Krankenhaus ist ein eigener Kosmos, und da freuen wir uns über manche Dinge, die für andere erstaunlich sind: Wenn ich weiß, dass ein Mensch unbedingt nach Hause will zum Sterben und das gelingt, dann freue ich mich. Der Anlass ist kein erfreulicher, aber es passiert etwas Gutes. Wir lachen auch viel, sogar in traurigen Situationen. Natürlich weinen wir ebenso, oder wir begleiten Menschen beim Weinen.

Sehen Sie die Menschen nach ihrer Entlassung wieder?

Kruse: Ich lebe in dieser Stadt, ich sehe sie zum Teil, aber der Landkreis ist groß. Manche möchte die Begegnung, andere nicht. Das steht ihnen zu.

Welche Fragen haben todkranke Menschen an Sie?

Martin Söffing: Die Frage nach dem Warum bricht unweigerlich auf. Die Erwartungshaltung ist manchmal da, eine selig machende Antwort zu bekommen. Die haben wir aber nicht. Die Suchbewegung mitzugehen und auszuhalten, ohne gleich mit einem Bibelvers zu kommen, ist ganz wichtig. Hanke: Die Menschen sind in Grenzsituationen. Da kommt eine andere Nachdenklichkeit auf, vieles ist nicht mehr selbstverständlich. Ob es in eine religiöse Richtung geht? Meistens nicht. Es wird aber etwas angestoßen. Kruse: Das „Warum?“ und „Wo ist Gott?“ gibt es schon. Aber manchmal sind diese Fragen auch nur eine verschüttete Suche nach einem Gott, dem man als Kind schon mal begegnet ist. Vielleicht hat das alles lange keine Rolle gespielt. Wenn die Menschen danach suchen, gibt es eine Anbindung an etwas, was schon mal da war. Wir können uns nur auf die Suche nach Antworten begeben, keine einfachen Antworten liefern.

Aber ich will doch gerade in der Notsituation eine Antwort von Ihnen!

Söffing: Vielleicht haben die Menschen die Antwort schon in sich. Sehr oft geht es nur darum, dass jemand da ist und ein Stück des Weges mit geht. Und nicht darum, von außen Antworten heranzutragen.

Das ist dann der Unterschied zum medizinischen Bereich im Krankenhaus.

Kruse: Ja. Außerdem fragen uns die Menschen, was wir zu konkreten Situationen denken. Das hat aber nicht unbedingt etwas mit dem Gegenüber zu tun. Wir sind Seelsorger, aber nicht diejenigen, die als erste sagen: Da geht es lang. Die Deutungshoheit hat der Menschen selbst.

Werden Sie auch zu medizinischen Themen befragt? Thema Patientenverfügung.

Kruse: Durchaus, auch von Angehörigen. Auf den Intensivstationen finden diese Gespräche sehr häufig statt. Auch da gilt es aber, die Menschen zu begleiten – und nicht für sie zu entscheiden. Es geht nie darum, Menschen in eine Richtung zu lenken. Es gibt dort kein richtig oder falsch.

Unterscheidet sich der Umgang mit Kranken von dem mit Gesunden?

Kruse: Nein. Es bleibt der Mensch.

Was machen Sie mit Menschen, die sich nicht helfen lassen wollen?

Söffing: Das bedeutet noch gar nicht, dass dann keine Hilfe geleistet wird. Die Menschen im Krankenhaus müssen auf sehr viel Freiheit und Selbstbestimmung verzichten, das lässt sich nicht vermeiden. Wenn dann jemand dankend Hilfe ablehnt, habe ich manchmal den Eindruck, dass das dem Patienten ein Stück Eigenständigkeit zurückgibt.

Was hilft Ihnen bei der Seelsorge?

Kruse: Ich könnte nicht immer sagen, warum ich etwas tue oder nicht tue. Es gibt auch manche Dinge, die mehr sind als das, was ich alleine steuere. Hanke: Zufall ist einer der Namen Gottes. Kruse: Es gab Situationen, wo ich eigentlich nicht hingehen wollte, es dann aber doch getan habe. Und dann war es genau richtig.

Belastet der Job als Klinik-Seelsorger mehr als normale Gemeindearbeit?

Kruse: Er ist anders. Aber das Krankenhaus ist einfach für mich die Gemeinde, in der ich jetzt arbeite. Es sind ja nicht nur die Patienten, sondern auch viele Menschen, die hier arbeiten, auch für die sind wir da. Wir halten Andachten, wir sind im Ethik-Komittee, wir betreuen die Kapelle an 365 Tagen im Jahr, wir sind in der Pflegeschule, wir organisieren Beerdigungen und vieles mehr. Hanke: Es heißt ja auch Krankenhaus-Seelsorge und nicht Kranken-Seelsorge.

Wie wichtig ist das christliche Profil noch im Diakonieklinikum?

Kruse: Wir hören von Patienten, die extra deswegen herkommen oder die woanders waren. Natürlich gibt es auch Situationen, wo die Patienten hier nicht zufrieden sind. Dann heißt es, wir müssten mehr Personal haben, weil wir Diakonie sind. Aber wir leben im Hier und Jetzt und sind auf entsprechende Zahlungen angewiesen. Ich weiß aber, dass Ärzte und Schwestern wiederkommen, die sagen, dass sie hier gerne arbeiten mit den Menschen. Irgendwie kriegen wir das ganz gut hin. Hanke: Es ist nicht wichtig, was auf irgendwelchen Blättern steht, sondern das, was die Menschen hier leben.

Also wie zeigt sich das christliche Profil?

Kruse: Neulich sagte jemand zu mir: „Ich habe mich in diesem Haus schon mehrfach verirrt. Aber es hat immer jemand angehalten und gefragt, wo ich hinmuss.“ Es sind die scheinbaren Kleinigkeiten. Dieses Verhalten ist hier selbstverständlich. Es ist eine Haltung, die viele aus ihren Heimatgemeinden mitbringen. Und die gibt man nicht im Spind ab. Das ist etwas Besonderes.

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