Agaplesion reagiert auf Vorwürfe gegen Kinderpsychiatrie-Leiter

Diakonie Rotenburg setzt Chefarzt Bernhard Prankel vor die Tür

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Bernhard Prankel wurde von seinem Chefarzt-Posten in der Kinderpsychiatrie des Diakos freigestellt.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Dr. Bernhard Prankel darf seine Arbeitsstätte nicht mehr betreten, und auch Pressevertreter sind auf dem Gelände der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (KJP) in Unterstedt seit dem Wochenende nicht mehr gerne gesehen.

Ein Wachdienst sorgt mittlerweile für Ordnung und weist diejenigen zurecht, die sich aus Sicht des Agaplesion Diakonieklinikums auf dem Areal an der Verdener Straße nicht befinden dürfen. Die Nervosität ist spürbar groß: Die kurzfristige Freistellung des Chefarztes ist eine heikle Angelegenheit.

Am Freitag um Punkt 18 Uhr teilte Diako-Pressesprecherin Ute-Andrea Ludwig auf Nachfrage das mit, was am Dienstagnachmittag auch den 83 Mitarbeitern verkündet wurde: „Wir haben Chefarzt Dr. Prankel mit sofortiger Wirkung bis zur vollständigen Aufklärung freigestellt.“ Doch nicht nur das. Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat am Dienstag zudem die Zusammenarbeit mit der KJP als Akademisches Lehrkrankenhaus ausgesetzt.

Am vergangenen Mittwoch hatte die Redaktion der Rotenburger Kreiszeitung 24 Fragen an die Diako-Pressestelle gesendet, die sich mit den Vorwürfen gegenüber Prankel beschäftigen. Vorangegangen waren mehrere Gespräche mit Kollegen aus dem Diako, niedergelassenen Ärzten aus der Region und Eltern von in der Klinik behandelten Kindern. Viele Probleme, so hieß es in den Gesprächen, seien der Diako-Geschäftsführung seit Jahren bekannt. Zu Konsequenzen führte das aber bislang nicht. Auch die Behörden duldeten die Zustände im seit dem Jahr 2000 von Prankel geführten Haus, weil sie für Zwangsmaßnahmen auf die Einrichtung angewiesen seien, so die Kritiker.

Die Diako-Pressestelle teilte zunächst am Donnerstag mit, dass die Beantwortung wegen der „massiven und komplexen Fragestellungen“ etwas länger dauern werde. Am Freitag allerdings ging es dann sehr schnell. Ohne auf konkrete Vorwürfe einzugehen, was zum Beispiel den Einsatz des Time-out-Raums („Gummizelle“) oder Medikamentengabe betrifft, weil auch in diesem Fall zunächst „immer die Unschuldsvermutung“ gelte, wurde dennoch die vorläufige Freistellung verkündet – mit dem Hinweis darauf, dass Prankel nicht befugt sei, „im Namen des Klinikums zu sprechen.“ Dem Chefarzt lagen die Fragen nach Angaben der Diako-Sprecherin vor, gegenüber der Redaktion hat er sich bislang aber nicht geäußert.

Das Rotenburger Agaplesion Diakonieklinikum hat den Chefarzt der der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Dr. Bernhard Prankel, freigestellt. 

Vorausschickend, dass man „tief betroffen über die erhobenen Vorwürfe zur Kinder- und Jugendpsychiatrie“ sei, begründet das Diako die Freistellung des 59-jährigen Chefarztes so: „Wir haben zwar schon wiederholt Vorwürfe und Beschwerden zu den Behandlungsstandards unter der Verantwortung von Bernhard Prankel als Arzt und seinem Verhalten als Führungskraft erhalten.“ Die Vorwürfe seien bislang aber „nicht ausreichend konkret und juristisch nicht belastbar“ gewesen. Als Arbeitgeber habe man auch eine Sorgfaltspflicht seinen Arbeitnehmenden gegenüber. Nun müsse man aber einräumen: „In den vergangenen Wochen haben sich Beschwerden und Rückmeldungen gehäuft, und im Gegensatz zu früheren Beschwerden gibt es deutlich konkretere Aussagen und die Bereitschaft, diese auch zu bezeugen.“ Und: „Der Schutz von Patienten, die eine psychische Krankheit oder eine seelische Behinderung haben, ist elementar für die Arbeit in der Psychiatrie. Wir bedauern es außerordentlich, wenn Kindern und Jugendlichen nicht die bestmögliche Behandlung zugekommen sein sollte. Gleiches gilt für Mitarbeitende, die die Führungskultur als erdrückend empfanden.“

„Dynamiken wie in einem totalitären Regime“

Tatsächlich hatten Kollegen auch gegenüber der Kreiszeitung von „Dynamiken wie in einem totalitären Regime“ gesprochen, die trotz der offensichtlichen Missstände zu einer „Mauer des Schweigens“ geführt hätten. Die meisten derer, die fordern, dass das Schweigen gebrochen werden müsse, wollen namentlich aber nicht öffentlich auftreten – aus Angst oder Scham, bislang nicht selbst aktiv geworden zu sein.

Nicht so Marlene Heuer-Patschull. Die Kindertherapeutin aus Scheeßel hatte Ende Februar an die Diako-Leitung einen Brief geschickt, in dem sie von einer „nicht stattfindenden Zusammenarbeit“ mit Prankel und seinen Kollegen berichtet. Sie empfinde „die Behandlung der KJP als nicht hilfreich“ und kritisiert anhand verschiedener Fälle eklatante Mängel im Vorgehen, die bis hin zur gesundheitlichen Gefährdung der jungen Patienten gingen. Dem stimmt auch Dr. Hans Kowerk zu, Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Lauenbrück und Hamburg. Er berichtete von Arztbriefen aus Rotenburg mit „durchgehenden Merkwürdigkeiten“, die darauf schließen ließen, dass „fachlich nicht mit rechten Dingen vorgegangen wird“. Er zweifle an einer funktionierenden, dauerhaften ärztlichen Struktur in der KJP. Aus Sicht der Kritiker sollte sich Prankel wenigstens vor der Ethik-Kommission der zuständigen Ärztekammer und der Klinikaufsicht verantworten müssen.

Dass Aufklärung notwendig ist, betont man auch in Hamburg. Das UKE (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) kooperiert mit verschiedenen Kliniken des Diakonieklinikums in der Ausbildung von Ärzten. Im Bereich der Kinderpsychiatrie schienen die Probleme allerdings schon länger offensichtlich: Seit April 2015 wurden 45 Studenten des UKE im Praktischen Jahr in Rotenburg ausgebildet, keiner davon in der KJP. Und nun wurde sogar die Reißleine gezogen, wie UKE-Sprecherin Saskia Lemm auf Nachfrage am Dienstag bestätigte: „Mit heutigem Datum hat der Dekan der Medizinischen Fakultät entschieden, dass der Status der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg als Akademisches Lehrkrankenhaus ausgesetzt wird. Nach erfolgter Neubesetzung der Leitungsposition beziehungsweise gegebenenfalls Rehabilitation des leitenden Arztes wird über eine Wiederaufnahme von Seiten des UKE entschieden.“

Diako bemüht sich um Schadensbegrenzung

Das Diako bemüht sich nun um Schadensbegrenzung. Sprecherin Ludwig: „Dem Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg ist eine sorgfältige Aufarbeitung der im Raum stehenden Vorwürfe und Beschwerden sehr wichtig. Zuständige Aufsichtsbehörden sind informiert. Zudem werden wir die Standards und Abläufe in der KJP einer unabhängigen externen Qualitätskontrolle unterziehen. Unser Dank gilt denen, die den Mut haben, Missstände aufzuzeigen.“

Die kommissarische Leitung der KJP haben Dr. Malte Mechels, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie – tätig in der Diako-Kinderklinik –, und Professor Andreas Thiel, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Zentrums für Psychosoziale Medizin des Diakos, übernommen.

Hilfe und Aufklärung

Für Fragen, Beschwerden und Berichte gibt es ab sofort für alle Betroffenen eine unabhängige und externe Anlaufstelle, in der vertraulich gesprochen werden kann, so das Diako. Betroffene können sich wenden an: Sabine Kramer, Rechtsanwältin, Fachanwältin für Familienrecht und Mediatorin, unter der Nummer 040 / 411893861 oder E-Mail kramer@elblaw.de. Das Diako bittet Betroffene, die Missstände erlebt haben, sich an diese Stelle zu wenden, damit eine Aufklärung erfolgen kann. Für seelsorgerische Unterstützung wurde zudem die Telefonnummer 0172 / 4084293 geschaltet.

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