DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel über den Fifa-Skandal und Blatters Rücktritt

„Ich bin fassungslos“

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DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel äußert sich im Interview offen zu Blatters Rücktritt.

Rotenburg - Die Ereignisse im Fifa-Skandal haben sich in den vergangenen Tagen regelrecht überschlagen. Während der Schweizer Joseph Blatter (79) am 29. Mai noch in seinem Amt als Mann an der Spitze wiedergewählt worden war, trat er nur vier Tage später überraschend von seinem Amt zurück. Was denkt der Rotenburger Reinhard Grindel über die ganzen Vorfälle? Der DFB-Schatzmeister spricht im Exklusivinterview mit der Rotenburger Kreiszeitung über die Korruptionsvorwürfe, Blatters Abgang sowie mögliche Neuwahlen.

Herr Grindel, war der Rücktritt von Joseph Blatter der richtige Schritt? Und wenn ja, warum?

Reinhard Grindel: Sepp Blatter trägt als Präsident die verbandspolitische Verantwortung dafür, dass sich innerhalb der Fifa Korruptionsfälle in einem Ausmaß ereignet haben, die meine Vorstellungskraft übersteigen. Das beschädigt das Ansehen des Fußballs und hat negative Auswirkungen bis an die Basis. Die Integrität des sportlichen Wettbewerbs ist die Voraussetzung dafür, die Menschen für den Fußball zu begeistern. Jetzt ist eine Erneuerung der Fifa an Haupt und Gliedern überfällig, und das wäre unter einem Präsidenten Blatter niemals glaubwürdig möglich gewesen.

Was glauben Sie, warum hat Blatter gerade nach seiner Wiederwahl die Entscheidung des Rücktritts getroffen?

Grindel: Ich glaube, dass er die Wucht der FBI-Ermittlungen und die Entschlossenheit auch der Schweizer Justiz, für Aufklärung zu sorgen, unterschätzt hat. Die Verfehlungen, die seit dem Wochenende seiner Wahl allein bis Dienstag an die Öffentlichkeit gelangt sind, ließen Sepp Blatter gar keine Alternative, auch eine persönliche Verantwortung zu übernehmen. Zumal es sich um Vorfälle in seinem direkten Umfeld handelt.

Was haben Sie persönlich für einen Eindruck von Blatter? Als was für einen Menschen haben Sie ihn kennengelernt?

Grindel: Offen gestanden habe ich ihn persönlich als sehr freundlichen und durchaus offenen Menschen für kritische Fragestellungen erlebt. Aber man hatte immer auch ein bisschen den Eindruck, dass er da auf dem Zürichberg in der Fifa-Zentrale in einer Trutzburg saß und seine Lageeinschätzungen nicht immer von ausgeprägtem Realitätssinn geprägt waren. Im Augenblick finde ich es völlig unmöglich, dass er offenbar noch bis März 2016 präsidieren und auch den Reformprozess innerhalb der Fifa beeinflussen will. Jetzt muss ein Schnitt gemacht werden, so schnell wie die Statuten das zulassen.

Sie sprechen das Thema Neuwahlen schon an. Müsste nicht viel früher ein Nachfolger gewählt werden, um einen zeitnahen Schlussstrich ziehen zu können?

Grindel: Da gebe ich Ihnen Recht. Ich bin fassungslos, dass Sepp Blatter offenbar glaubt, noch bis März 2016 im Amt bleiben und den Reformprozess selbst steuern zu können. Wir brauchen jetzt einen klaren Schnitt, keinen Schlussstrich, denn die Fehler der Vergangenheit müssen umfassend aufgearbeitet und daraus die notwendigen Konsequenzen gezogen werden.

Korruptionsvorwürfe gegen die Fifa sind mit dem Abschied Blatters nicht aus der Welt. Können Sie sich ein Regulativ vorstellen, das dafür sorgt, dass Korruptionen auf Fifa-, Uefa- oder auch DFB-Ebene gar nicht erst unbemerkt möglich sind?

Grindel: Mit Verlaub: Ich bitte darum, Fifa, Uefa und DFB nicht über einen Kamm zu scheren. Wir haben im DFB ein funktionierendes Compliance-Management, das von Experten außerhalb des DFB begleitet wird. Wir haben ein Ethikreglement und unsere Satzung und Ordnungen immer wieder angepasst, wenn es dazu Anlass gab, wie etwa nach dem Hoyzer-Skandal. Die Fifa braucht mehr Transparenz auf allen Ebenen und eine Agenda 2020 wie sie im IOC von Präsident Thomas Bach vorangetrieben wurde.

Wie muss sich die Fifa verändern?

Grindel: In der Fifa müssen jetzt integre Persönlichkeiten Verantwortung übernehmen, die gegenüber den Nationalverbänden dafür sorgen, dass der Fußball seine Integrität wiedererhält. Vordringlich finde ich die Erarbeitung neuer Vergaberichtlinien für Weltmeisterschaften, die für nachhaltige, weniger gigantische Turniere sorgen.

Was wird aus den bevorstehenden Weltmeisterschaften in Russland und Katar, wenn sich der Verdacht der Korruption bestätigt?

Grindel: Ich gehe davon aus, dass die Justizbehörden in den USA und der Schweiz sich das sehr genau anschauen. Ebenso muss innerhalb der Fifa noch einmal alles auf den Prüfstand. Ich bin dafür, dass endlich der Garcia-Report veröffentlicht wird, der die WM-Vergabe untersucht hat. Dann muss man die Ermittlungsergebnisse auswerten und entscheiden.

Müssten dann nicht auch die Vergaben der Weltmeisterschaft nach Brasilien, Südafrika und Deutschland nachträglich infrage gestellt werden? Bei der Abstimmung für 2006 hatte der Neuseeländer den Raum verlassen...

Grindel: Spätestens nach den Aussagen der beiden früheren Fifa-Exko-Mitglieder Chuck Blazer und Jack Warner werden sicher alle WM-Vergaben von der Justiz einer kritischen Überprüfung unterzogen. Ich bin dankbar, dass der frühere Innenminister Otto Schily betont hat, dass sich Deutschland absolut einwandfrei beim Werben für das Sommermärchen 2006 verhalten hat. Was Charles Dempsey, den Neuseeländer im Fifa-Exko angeht, würde ich jetzt keine Verschwörungstheorien verfolgen. Er hat seinerzeit schriftlich dem DFB seine Stimme zugesichert. Seine Nichtteilnahme an der Wahl hat uns also eher eine Stimme gekostet.

Wie zeitgemäß ist es, dass ein Milliarden-Unternehmen wie die Fifa noch immer als gemeinnütziger Verein (wie auch der DFB) gilt und daher ein Minimum an Steuern zahlen muss?

Grindel: Ich habe im April in Bern mit Schweizer Parlamentsabgeordneten gesprochen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für die vielen großen Sportfachverbände, die in der Schweiz ihren Sitz haben, werden neu gestaltet. Die Schweizer Kollegen sind da sehr entschlossen, weil dort auch der Ruf des Landes auf dem Spiel steht. Richtig ist, dass wir überprüfen müssen – das gilt auch für das IOC und Olympische Spiele –, ob wir bei den Staatsgarantien der Austragungsländer nicht Abstriche machen sollten.

Blatter hat in seiner Amtszeit die Fifa-Umsätze in die Höhe getrieben. Als er anfing, lag der Umsatz 1998 bei 282 Millionen Dollar, 2014 lag er bei 2,1 Milliarden Dollar. Werden daraus folgende Gewinne unter den 209 Fifa-Verbänden nach dem Gießkannenprinzip verteilt, oder bekommt Deutschland (DFB) deutlich mehr als beispielsweise Ruanda (RWA)?

Grindel: Grundsätzlich erhalten alle Nationalverbände die gleichen Zuwendungen. Allerdings werden aus den Einnahmen der Fifa auch die Ausschüttungen bei einer WM bezahlt. Insofern partizipieren die Teilnehmerländer mehr.

Ist im Geschäft mit dem Fußball zu viel Geld im Spiel?

Grindel: Die Frage stellt sich für mich auf allen Ebenen des Fußballs, bis hin zur Oberliga. Was die Fifa oder den DFB angeht, würde ich sogar sagen, dass man fairerweise berücksichtigen muss, welche weltweite Bedeutung der Fußball hat und welche enorme Wirtschaftskraft damit verbunden ist. Denken Sie nur daran, dass allein im vergangenen Jahr drei Millionen unserer WM-Trikots verkauft worden sind. Es gibt kein Ereignis, das auch nur ansatzweise so viele TV-Zuschauer vor den Geräten versammelt wie der Fußball. Vor diesem Hintergrund halte ich die Höhe der Sponsoren- oder TV-Gelder nicht für unangemessen.

Warum hat sich der DFB solange mit Kritik an der Fifa zurückgehalten?

Grindel: Das stimmt so wirklich nicht. Der DFB hat schon im Umfeld der WM 2014 in Brasilien gefordert, dass sich Sepp Blatter an sein Versprechen halten und seine Amtszeit 2015 beenden soll. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat Blatter in persönlichen Gesprächen immer wieder deutlich gemacht, dass eine neue Dynamik des Reformprozesses in der Fifa nur mit einem Wechsel im Präsidentenamt zu erreichen ist.

Profitiert der deutsche Fußball vom Rücktritt?

Grindel: Nur wenn die Menschen in die Integrität des Fußballs Vertrauen haben, werden sie weiter so begeistert von diesem Sport sein. Den Ansehensverlust, den die Fifa-Skandale bewirkt haben, spürt in irgendeiner Weise jeder Vereinsverantwortliche an der Basis. Insofern ist es zwingend, auch für uns im deutschen Fußball, dass jeder in Zukunft davon ausgehen darf, dass es auf allen Ebenen der Fußballfamilie wieder mit rechten Dingen zugeht.

Kommen wir noch einmal auf die Neuwahlen zu sprechen. Welche Befähigungen und Charaktereigenschaften muss der neue Fifa-Präsident Ihrer Einschätzung nach mitbringen, um den Fußball weltweit wieder in ein sauberes Fahrwasser zu bringen?

Grindel: Der neue Präsident muss eine absolut integre Persönlichkeit sein, mit umfassender Verbandserfahrung und einer guten Kenntnis der Lage in den Kontinentalverbänden. Er braucht diplomatisches Geschick, Sprachbegabung und er muss die nötige Unabhängigkeit besitzen, um einen personell wie inhaltlich durchgreifenden Reformprozess auch wirklich durchsetzen zu können.

Wer wäre der logische/richtige Nachfolger?

Grindel: Es wäre vermessen, wenn ich jetzt als DFB-Schatzmeister einen Vorschlag machen würde. Das ist wirklich nicht meine Aufgabe.

Auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ist als möglicher Blatter-Nachfolger im Gespräch. Dann könnte Reinhard Grindel doch Ambitionen zeigen, ins höhere Amt zu rücken. Eine gute Idee?

Grindel: Wolfgang Niersbach ist weltweit im Fußball sehr angesehen und gut vernetzt. Dass er als Kandidat für die Blatter-Nachfolge gehandelt wird, ist Ausdruck einer großen Wertschätzung, nicht nur in Europa. Er hat in den vergangenen Tagen immer wieder betont, dass es nicht seiner Karriereplanung entspricht, Fifa-Präsident zu werden. Wir brauchen ihn für unsere Projekte im DFB, den Bau der Akademie und die Bewerbung für die „EURO 2024“. Insofern gibt es keine Grundlage für Personalspekulationen.

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