Interview mit BGE-Chef Steffen Kanitz

Deutschland sucht ein Endlager: „Die Chancen stehen gut“

Die Bewohner der beiden Ortschaften Wohlsdorf und Bartelsdorf machen deutlich, was sie von einem Atomlager bei uns in der Region halten würden: nichts! Viele Gründe sprechen ihrer Ansicht nach gegen ein Endlager vor ihrer Haustür.
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Die Bewohner der beiden Ortschaften Wohlsdorf und Bartelsdorf machen deutlich, was sie von einem Atomlager bei uns in der Region halten würden: nichts! Viele Gründe sprechen ihrer Ansicht nach gegen ein Endlager vor ihrer Haustür.

Wohin mit dem deutschen Atommüll? Bis 2031 soll eine Lösung gefunden sein. Welche Rolle spielt dabei der Landkreis Rotenburg?

Rotenburg – Noch ist nicht entschieden, wo Deutschland sein Endlager für hochradioaktiven Abfall errichten wird. Aber es muss ein Ort gefunden werden, und seitdem klar ist, dass mehrere Salzstöcke unter den Äckern und Dörfern des Landkreises zu den Flächen gehören, die nach geologischen Kriterien als grundsätzlich geeignet gekennzeichnet werden, ist die Aufregung groß. Der Protest hat genauso Fahrt aufgenommen wie die Pandemie geplante Informationsveranstaltungen ausgebremst hat.

Steffen Kanitz als Geschäftsführer der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) war im Juni erstmals als Referent Gast der Arbeitsgruppe Erdgas- und Erdölförderung im Landkreis Rotenburg. Im Interview spricht er über das Suchverfahren ganz grundsätzlich und die Lage im Landkreis im Speziellen.

Wieso brauchen wir eigentlich ein Endlager?

Durch die Nutzung der Kernenergie in Deutschland sind rund 10 200 Tonnen Brennelemente und 291 Behälter mit Abfällen aus der Wiederaufarbeitung entstanden. Diese Abfälle werden noch sehr lange Zeit radioaktive Strahlung abgeben, und wir müssen zukünftige Generationen davor schützen. Die beste Option ist daher, diese Abfälle in einem sehr tiefen und sicheren unterirdischen Endlager abgeschirmt von Mensch, Tier und Umwelt zu lagern. Kein überirdisches Gebäude kann das für so lange Zeiträume gewährleisten.

Wieso muss das in Deutschland sein?

Fakt ist: Diese Abfälle sind in Deutschland entstanden. Innerhalb der EU hat man sich darauf geeinigt, dass jeder Mitgliedsstaat, der radioaktive Abfälle erzeugt, auch für die sichere Beseitigung oder dauerhafte sichere Lagerung dieser Abfälle verantwortlich ist.

Steffen Kanitz ist Geschäftsführer der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE)

Sind aus geologischer Sicht willkürlich gesetzte politische Grenzen nicht hinderlich, sucht man nach einem bestens geeigneten Standort für ein Atommüll-Endlager?

Für Deutschland sehe ich dieses Problem nicht. Unser Zwischenbericht zu den Teilgebieten hat gezeigt: Die Bundesrepublik hat eine für die Endlagerung gut geeignete Geologie und alle für die Endlagerung tauglichen Wirtsgesteinsformationen zu bieten – Steinsalz, Tongestein und kristallines Wirtsgestein. Andere Länder verfügen nicht über diese geologische Vielfalt. Die Chancen stehen daher gut, in Deutschland einen Standort zu finden, der die hohen Sicherheitsanforderungen erfüllt.

Wieso gibt es weltweit noch keins?

Zuerst kam der Einstieg in die friedliche Nutzung der Kernenergie, und erst im Anschluss hat man sich Gedanken bezüglich der sicheren Entsorgung gemacht. Einen sicheren und akzeptierten Standort zu finden, ist ein langwieriger Prozess. Einige Länder sind schon relativ weit, wie Finnland, Schweden oder auch die Schweiz.

Es wird mit dem Versprechen von „einer Million Jahre“ Sicherheit hantiert. Aber ist das nicht völlig illusorisch? Vor deutlich weniger Jahren waren wir davon überzeugt, dass die Welt eine Scheibe ist.

Eine Million Jahre klingt tatsächlich unvorstellbar lang. Für Geologen ist es aber ein durchaus prognostizierbarer Zeitraum. Das ist ja auch der Grund, warum sich die Endlagerung in geologischen Tiefen durchgesetzt hat. Der Gedanke dabei ist ganz einfach: Wenn sich die Geologie in endlagerrelevanten Tiefen in den vergangenen Millionen Jahren nicht verändert hat, dann wird sie dies auch in der kommenden Million Jahre nicht wesentlich tun. Wohlgemerkt: Regionen mit Risikofaktoren wie Erdbeben, geologischen Störungen oder Vulkanismus schließen wir selbstverständlich aus.

Kommen wir zu den möglicherweise betroffenen Regionen. Gibt es einen Ort in den 54 Prozent der betroffenen Bundesfläche, der Zustimmung oder gar Interesse signalisiert hat?

Die 54 Prozent sind ein Zwischenstand. Längst nicht überall werden wir ein sicheres Endlager errichten können. Durch unsere weiteren Untersuchungen werden wir die in Frage kommenden Gebiete nach den gesetzlichen Kriterien weiter eingrenzen. Viele Bürger in den Teilgebieten sind bereits jetzt interessiert und kritisch, und das ist auch gut so. Ich war bereits Gast auf vielen Veranstaltungen und weiß den Austausch in dieser frühen Phase des Verfahrens, in der noch keine Fakten geschaffen werden, sehr zu schätzen. Was mir aus vielen Regionen signalisiert wird und immer wieder positiv stimmt, ist die folgende Aussage: „Wenn bei uns am Ende der sicherste Standort ist, werden wir diese Entscheidung akzeptieren. Wir wollen sie aber nachvollziehen können.“

Zur Person

Steffen Kanitz ist Diplom-Kaufmann mit dem Schwerpunkt Controlling und betriebliche Finanzwirtschaft. Zwischen 2013 und 2017 gehörte er als Abgeordneter der CDU dem Deutschen Bundestag an und war Mitglied der Endlagerkommission. Bis zu seiner Berufung in die Geschäftsführung der BGE vertrat Kanitz als Generalbevollmächtigter die Interessen der BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ). Im Zuständigkeitsbereich von Steffen Kanitz liegen die Bereiche Standortauswahl, Produktkontrolle, IT, Forschung und Entwicklung sowie Wissensmanagement.

Es locken doch auch viele Arbeitsplätze und Einnahmen. Warum ist die Skepsis hier viel größer als zum Beispiel in Finnland oder Schweden?

Nach meiner Einschätzung hat das viel mit der Geschichte der Kernenergienutzung und der Endlagersuche zu tun. Und das ist verständlich. Transparenz und Nachvollziehbarkeit standen in den Endlagerprojekten der Vergangenheit nicht an oberster Stelle. Der Staat hat aus diesen Projekten gelernt, dass Wissenschaftsbasiertheit und Transparenz gleichberechtigte Ziele in einem Standortauswahlverfahren sind, das Akzeptanz erreichen will.

Im Landkreis Rotenburg haben sich sehr früh Bürgerinitiativen gebildet. Können Sie die großen Bedenken nachvollziehen?

Ja, absolut. Und ich betone immer wieder: Es ist sehr gut, dass wir als Durchführende der Endlagersuche von Initiativen vor Ort kritisch begleitet werden. Das hilft uns schließlich dabei, uns selbst und unsere Methoden immer wieder in Frage zu stellen und zu verbessern. Wir nehmen alle Bedenken ernst und stellen uns den Fragen.

Warum gelten gerade hier im Norden viele Gebiete als gut geeignet?

Die 90 Teilgebiete sind über die ganze Bundesrepublik verteilt, und sie sind ganz unterschiedlich groß. Im Süden gibt es vor allem größere Gebiete mit Kristallin. Im Norden gibt es neben großen Tonvorkommen viele Salzstöcke. Vor 258 bis 250 Millionen Jahren war Norddeutschland durch das sogenannte Zechsteinmeer bedeckt. Als es austrocknete, entstanden diese Salzvorkommen und haben später Salzformationen gebildet. Viele von ihnen haben wir nach einer geowissenschaftlichen Abwägung als nicht geeignet eingestuft, 60 Salzstöcke wurden am Ende als Teilgebiete ausgewiesen und werden weiter untersucht.

Das Wichtigste aus dem Landkreis Rotenburg: Immer samstags um 7:30 Uhr in Ihr Mail-Postfach – jetzt kostenlos anmelden.

Die „durchbohrte Erde“ durch die Erdgasförderung – in der AG Erdgas hieß es zuletzt „Trümmerhaufen“ –, daraus folgende leichtere Erdbeben und das große Trinkwasserreservoir der Rotenburger Rinne gelten für die Kritiker als Ausschlusskriterien. In den bisherigen Bewertungen spielt beides aber keine Rolle. Warum nicht?

Das spätere Endlager soll in einer Mindesttiefe von 300 Metern entstehen. Daher sind (Zer-)Störungen der Gesteinsschichten durch Bohrungen oder Bergbau erst ab dieser Tiefe relevant. Erdbeben werden als Ausschlusskriterium berücksichtigt, wenn sie nach den aktuellen Din-Normen zu Erdbebenzonen größer der Klasse 1 führen. Trinkwasservorkommen bilden ein Abwägungs-, aber kein Ausschlusskriterium. Wenn wir aber in die weitere Planung gehen und mögliche Standortregionen miteinander vergleichen, wägen wir immer wieder alle sicherheitsrelevanten Aspekte miteinander ab.

Sie haben 25 Meter als Abstand genommen zu Erdgasbohrungen für die Potenzialflächen. Da fühlt sich mancher, freundlich formuliert, verschaukelt ...

Auch hierzu muss man sagen, dass wir dabei nur über Tiefenbohrungen reden, da die Mindesttiefe ja 300 Meter beträgt. Es geht in dem gesamten Verfahren darum, dass wir nur dort Ausschlüsse von Gebieten vornehmen, wo wir uns sicher sind, dass kein Endlager errichtet werden kann. Die Bergschädigung kann durch Bohrungen weitaus größer sein als 25 Meter um den Bohrpfad, aber sie muss es eben nicht sein. Im weiteren Verlauf des Verfahrens werden wir Bohrungen in den Teilgebieten näher betrachten und sukzessive weiter ausschließen.

Es gibt hier vor Ort in der Samtgemeinde Bothel und in Rotenburg erhöhte Krebszahlen bei älteren Männern. Vermutet wird ein Zusammenhang mit der Gasindustrie, aber auch andere Faktoren könnten Einfluss haben. Ist es da vermittelbar, die Region als Potenzialgebiet zur Lagerung von krebserregenden Stoffen zu betrachten?

Egal welcher Standort am Ende ausgewählt wird: Es gibt strikte Grenzwerte dafür, welche Auswirkungen ein Endlager auf die Umgebung des Standortes haben darf. Der Grenzwert der Strahlenbelastung eines Menschen ist durch die Strahlenschutzverordnung festgelegt. Er beträgt für Einzelpersonen der Bevölkerung ein Millisievert pro Jahr. Das ist ungefähr die Hälfte der natürlichen in Deutschland vorkommenden Strahlenbelastung.

Kritisiert wird auch vor Ort die mangelnde Transparenz des Verfahrens, nicht nur wegen der digitalen Veranstaltungen in der Coronazeit. Wie wollen Sie da gegensteuern?

Den Unmut kann ich durchaus nachvollziehen. Auch uns hat die Pandemie kalt erwischt. Wir haben schnell gegengesteuert und unsere Veranstaltungen nicht ausfallen lassen, sondern alles digital angeboten. Denn die Alternative wäre gewesen, weiter zu arbeiten und unsere Ergebnisse nicht mit der Öffentlichkeit zu teilen. Aus unserer Sicht war das keine Option. Transparenz stellen wir durch die lückenlose Dokumentation aller Entscheidungen auf unserer Webseite her. Zudem erläutern wir auch bei Veranstaltungen, wie unsere Dokumente und Karten aufgebaut sind.

Wann wissen die Bürger des Landkreises genau, ob hier oder woanders ein Endlager entstehen soll?

2031 soll die Entscheidung getroffen werden, an welcher Stelle in der Bundesrepublik das Endlager entsteht.

Wenn unter einer so ein Endlager gebaut ist, was hat das für Folgen?

Da müssen Sie sich keine Sorgen machen. Das Endlager wird in tiefen geologischen Schichten gebaut, also in mindestens 300 Meter Tiefe. Die Landwirtschaft ist daher natürlich weiterhin möglich, da ändert sich nichts. Natürlich wird es am Endlagerstandort einen Zugang zum Endlagerbergwerk, eine Anlieferungs- und Konditionierungslogistik geben müssen.

Wie groß muss man sich eigentlich so ein Endlager vorstellen?

Auch wenn das eigentliche Endlager in der Tiefe liegt, muss es natürlich über der Erde auch Anlagen für den Betrieb geben. Das fängt beim Zugang zum Endlager an und hört bei Mitarbeiterparkplätzen auf. Wir gehen davon aus, dass diese Anlagen mehrere Hektar in Anspruch nehmen. Zum Vergleich: Das Endlager Konrad wird derzeit von über 1 000 Personen errichtet.

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