Zwei Rotenburger Ärzte operieren in Ghana

Hilfe für die Ärmsten der Armen

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Auch unter einfachen Bedingungen kann den Patienten in Ghana geholfen werden.

Rotenburg - Von Heinz Goldstein. Der Chefarzt der Klinik für Plastisch-Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie im Rotenburger Agaplesion Diakonieklinikum, Professor Dr. Detlev Hebebrand, sowie sein Geschäftsführender Oberarzt Dr. Nehmet Atila retten seit mehreren Jahren mit ihren Operationen in Entwicklungsländern Menschenleben.

Im November ist wieder ein rund zweiwöchiger Einsatz in Kumasi und Sunyani (Ghana) geplant. Das Rotenburger Team wird dort in einem Krankenhaus den Ärmsten der Armen, die sich eine Operation nicht leisten können und größte Schmerzen erleiden, ohne Entgelt helfen. Beide Ärzte sind Mitglieder der internationalen Organisation Interplast, die sich für ärztliche Hilfe in Entwicklungsländern einsetzt.

Professor Dr. Detlev Hebebrand und Oberarzt Dr. Nehmer Atila planen für November.

Hebebrand war bisher bei allen Aufenthalten der Rotenburger Ärzte in Ghana (2010 und 2012) als Leiter des Projektes dabei. „Für mich ist die Selektion vor den Operationen das Schlimmste. Ich mache bei solchen Einsätzen von Interplast im Prinzip schon seit 20 Jahren mit“, sagt er. Er habe bereits Aufenthalte in Nepal gehabt und sei vier Jahre lang in Afghanistan gewesen und habe dort mit den entsprechenden Organisationen, zumeist Interplast, kooperiert. In Afghanistan sei es besonders schlimm gewesen. „Kindliche Sprengfallen“, als Puppen getarnte Sprengsätze, die von den ahnungslosen Kindern aufgehoben werden, explodieren in ihren Händen. Dadurch gibt es dort viele Mädchen und Jungen mit verstümmelten Gliedmaßen. „Das war fürchterlich“, erinnert sich Hebebrand. Das habe ihn zu weiteren Einsätzen unter der Führung von Interplast ermutigt. „Den bedauernswerten Menschen zu helfen, hat mir persönlich viel gegeben. Es ist mir ein inneres Bedürfnis, den Menschen, die eben keinen primären Zugriff auf Gesundheitssysteme haben, die Möglichkeit zu geben, geheilt zu werden“, erklärt der Professor. Das sei für ihn bei jedem Einsatz immer wieder die gleiche Triebfeder.

„Durch unsere Kontakte nach Ghana sind wir auf eine ähnliche Gruppe von bedauernswerten Menschen getroffen. Allerdings sind die Verletzungen dort eher durch Unfälle entstanden“, betont der Teamleiter. Die Sicherheitsbestimmungen und -technik am Arbeitsplatz würden dort durch die schnelle Industrialisierung hinterher hinken.

Viele Unfallopfer

„Trotz allen Bemühungen um eine allgemeine Gesundheitsversorgung gibt es in Ghana viele Unfallopfer, die insbesondere schwere Verletzungen nicht behandeln lassen können, weil die Möglichkeiten gar nicht vorhanden sind“, weiß Hebebrand. Das sei eine echte Herausforderung für ihn und das Team – im Wissen, dass die Nachsorge schwierig sein wird.

Die Ärzte aus Rotenburg bei einer Operation in Ghana.

„Es ist nichts schlimmer als in ein solches Land zu fahren, etwas Tolles zu machen und nicht für die Nachhaltigkeit zu sorgen.“ Die Mitglieder des Teams fragten sich jedes Mal unter anderem, wie es wohl weitergeht, wenn sie weg sind und wie es möglich ist, eine Infrastruktur aufzubauen, die Hilfe zur Selbsthilfe möglich macht. Hebebrand: „Das ist auch unser Hauptanliegen beim vergangenen Einsatz in Ghana gewesen.“ Denn: Die Rotenburger Ärzte wollen eine Infrastruktur aufzubauen, um eine Plastisch-Rekonstruktive Chirurgie in dem afrikanischen Staat zu festigen. Einige kleine Anfänge seien schon gemacht und viele Patienten können dort bereits von einheimischen Ärzten versorgt werden.

Hebebrand selbst möchte seinen Einsatz nicht besonders hervorheben. Er sei einer von vielen Helfern in der Welt. Er kenne einige junge Menschen in und außerhalb medizinischer Berufe, die gerne dort helfen würden. „Alle diese Leute haben sich die bedingungslose humanitäre Hilfe, in welcher Form auch immer, auf die Fahne geschrieben“, weiß der Chefarzt.

Sein Geschäftsführender Oberarzt im Agaplesion Diakonieklinikum, Dr. Nehmet Atila, erklärt im Gespräch mit der Kreiszeitung, wie er dazu gekommen ist, sich als Arzt im Namen von Interplast zur Verfügung zu stellen: „Wir hatten in unserer Abteilung in Rotenburg den Ghanaer Oheneba Owusu-Danso zu Gast. Ihn bildeten wir zum Facharzt aus. Er ist inzwischen in leitender Funktion an einer Klinik in seiner Heimat tätig“, sagt der Oberarzt. Dadurch habe sich für ihn der Wunsch ergeben, im Rahmen von Interplast Patienten zu versorgen. „Die Organisation für unserem Einsatz in Afrika ist in seiner Hand. Wir übernehmen dann nach Ankunft die schwierigsten Fälle“, sagt er. Diese seien zum Beispiel große Infektwunden und Tumore, Verbrennungen, insbesondere bei Kindern. Hierzu habe das Team aus Rotenburg operatives Equipment im Gepäck.

Schicksale verstärken Wunsch zu helfen

Der Ablauf ihres Aufenthaltes sei sehr effektiv und daher streng organisiert. „Wir arbeiten während unseres 14-tägigen Einsatzes oft von morgens acht Uhr bis weit nach Mitternacht, um möglichst vielen Patienten zu helfen“, meint Atila. Alle Patienten werden vor der Operation vom deutschen Team untersucht.

Prof. Dr. Detlev Hebebrand (3. v. l.) mit Team beim Einsatz in Afrika vor drei Jahren.

Die Nachricht vom Einsatz der Rotenburger Ärzte verbreite sich wie ein Lauffeuer im Land, So sei es schon vorgekommen, dass Menschen vor der Klinik standen, die von sehr weit angereist waren und nicht auf der OP-Liste standen. „Wir müssen dann triagieren, denn die schwierigsten Fälle haben bei uns immer Vorrang“, betont er. Die Rotenburger Ärzte seien weltweit das einzige Interplast-Team, dass in den genannten Krankenhäusern medizinisch tätig ist. Die besondere Verbindung mit Ghana resultiere daraus, dass in Rotenburg viele Ärzte aus diesem Land ausgebildet worden seien. Atila erklärt auch, warum er solche Strapazen auf sich nimmt: „Ich habe den Beruf eines Arztes erlernt, um kranken Menschen zu helfen. Zum Glück haben wir in Europa zumeist beste Voraussetzungen für Patienten durch moderne Gesundheitssysteme. Das ist in vielen afrikanischen Ländern nicht gegeben. Eine Vielzahl betroffener Menschen haben nur durch unsere Operationen vor Ort die Möglichkeit, wieder am normalen Leben teilzunehmen.“

Die Schicksale, die sich dahinter verbergen, ließen das Einsatzteam nicht unberührt. Sie verstärkten das Bedürfnis, ohne Wenn und Aber zu helfen. Atila könne die flehenden Blicke der Patienten sie zu operieren, nicht vergessen. „Das sind Gefühle, die lassen sich nur schwer beschreiben. Einige der Menschen warten vielleicht seit Monaten auf Hilfe. Manchmal ist es schon belastend, die Entscheidung zu treffen, wem man helfen kann und wer außen vor bleibt“, beschreibt der Mediziner die besondere Situation vor Ort.

Ganz besonders habe ihn bewegt, dass eine Frau mehrere Hundert Kilometer gereist ist, damit ihrem Kind geholfen werden kann. Sie habe in den Medien von ihrer Anwesenheit erfahren. Am letzten Tag des Einsatzes habe sie kurz vor Mitternacht die Klinik erreicht. Mit den Worten „Please help!“ habe sie ihm ein Kind in die Hand gegeben. Atila berichtet: „Obwohl wir am nächsten Morgen um fünf Uhr zum Flughafen mussten, um die Rückreise anzutreten, wollte keiner von uns ‚Nein!‘ sagen. Wir haben dem Kind in einer zweistündigen Operation helfen können.“

Die Patienten würden inzwischen aus dem ganzen Land kommen und um Hilfe bitten. „Das sprengt unser Programm und wir brauchen Verstärkung sowie eine Regelmäßigkeit bei den Einsätzen. Da sind wir auf die Unterstützung von Spendern angewiesen“, meint Atila.

Die Ärzte bekommen von Interplast die Kosten für die Flüge ersetzt und erhalten kostenlos Unterkunft. Ein Ärztehonorar erhalten sie nicht. „Zudem reichen wir für die Zeit des Einsatzes Urlaub ein und auch die eigene Familie muss dieses mittragen“, so Atila. Sein Einsatz sei aber auch vom Dienstablauf im Rotenburger Agaplesion abhängig. Die Versorgung der hiesigen Patienten müsse gewährleistet sein. „Langfristig wollen wir erreichen, in dem Land eine Struktur zu schaffen, die uns nicht oder nur noch temporär braucht, um die vielen zumeist Verbrennungs- und Unfallopfer entsprechend zu versorgen“, sagt Hebebrand.

Was verbirgt sich hinter dem Verein Interplast?

Die Mitglieder des Vereins Interplast-Germany führen unentgeltlich plastisch-chirurgische Operationen in Entwicklungsländern durch. Durch ehrenamtliche Tätigkeit der Ärzte, Spenden und Beiträge der Mitglieder können pro Einsatz mehr als 100 Operationen durchgeführt werden. Der Einsatz wird von den jeweiligen Regierungen genehmigt. Die Operationsteams fahren in ihrem Urlaub auf Einladung eines Krankenhauses für zirka zwei Wochen in das jeweilige Gastgeberland. Die betroffenen Patienten in den Ländern sind nicht in der Lage, für die Familie oder sich selbst zu sorgen. Es wird bei der Patientenauswahl besonders darauf geachtet, dass solche Betroffene operiert werden, die sich eine Behandlung ihrer Erkrankung nicht leisten können. Spendenkonto Interplast: Stichwort „Ghana“.

BIC: MALADE51KRE / IBAN: DE 12560501800010033777.

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