„Schmidt’s Kneipe“ in Rotenburg: Wirt Maier blickt voraus

Der Zapfhahn hat Pause

Flaute an der Kneipentheke – Jan Maiers Blick geht ins Leere.
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Flaute an der Kneipentheke – Jan Maiers Blick geht ins Leere.

Rotenburg – Der Blick geht ins Leere. Niemand kommt zur Tür herein. Leere Tische, leere Stühle, leere Theke. Der Zapfhahn hat Pause. Einen Monat lang. Mindestens. „Die Entscheidung ist sicherlich gut. Aber irgendwie glaubt kaum einer in der Gastronomie daran, dass es nur vier Wochen dauert.“ Jan Maier ist sich da auch nicht sicher. Aber er hofft darauf, im Dezember wieder seine Gäste begrüßen zu dürfen. Schließlich macht ihm sein Job in „Schmidt’s Kneipe“ nicht nur Spaß, sondern es geht auch um seine Existenz – und um die der Mitarbeiter. Deshalb lässt er sich auch für den Lockdown was einfallen.

„Im ersten Moment hatte ich einen dicken Hals, klar“, sagt Maier. Doch wenn er die Entscheidung für den Wellenbrecher-Lockdown etwas sacken lässt, zeigt er sich froh darüber, dass es eine Entschädigung gibt, die sich am Umsatz vom November des vergangenen Jahres orientiert. 75 Prozent davon soll es geben. „Das ergibt Sinn“, sagt der erst 25-jährige Wirt.

Rückblick: Im Januar 2019 übernimmt Maier „Schmidt´s Kneipe“ von Ralf Schirdewahn. Das erste Jahr läuft gut. Die meisten Stammgäste bleiben dem Laden treu. Außerdem erweist sich auch die Bewirtung beim „Laut & Draußen“-Festival auf dem Pferdemarkt als Erfolg. Und ähnlich gut geht es für Maier dann auch in das neue Jahr. Die Bewirtung bei der Faschingsparty in Bothel lässt die Kasse klingeln – „Geld, das für einen ordentlichen Puffer sorgte“, erinnert sich der gebürtige Rotenburger. Denn nur wenige Wochen später steht alles still. Lockdown. Nichts geht mehr. Und weil es im Haus am Grafeler Damm bei der Vorbereitung auf den Re-Start im Sommer zu einem Wasserrohrbruch kommt, verlängert sich die Zwangspause bis Mitte August.

Dann aber geht es wieder los. Maier trifft sich mit seinem Team – insgesamt sind es 15 Kollegen, die wechselweise dafür sorgen, dass es am Ende den Gästen gut geht. Die kommen nicht nur zum Trinken, sondern sie ordern auch Angebote aus der Küche. „Aber wir sind eben eine Kneipe“, betont der junge Chef. Maier serviert seinen Mitarbeitern eine Erhöhung des Stundenlohns. Er sendet Signale – nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Gerade jetzt macht sich die Unternehmensphilosophie des 25-Jährigen bemerkbar.

Pläne für die Zukunft, die schon sehr weit gediehen in der Schublade liegen, zieht er heraus und setzt sie um. In der vergangenen Woche startet er zusammen mit einem Bekannten, der eigentlich als Caterer auf Festivals unterwegs ist, ein Angebot zum Abholen – immer donnerstags bis samstags ab 17 Uhr gibt es auf dem Hof des „Schmidt’s“ an einem mobilen Stand Burger aus dem Smoker, Spare Ribs, Nackensteaks und Röstkartoffeln. Von kommender Woche an will Jan Maier zusätzlich auch noch verschiedene Suppen und Eintopfvarianten zum Mitnehmen im Glas für seine Kunden bereit halten. „Unsere Gäste wollen uns unterstützen“, weiß der Wirt aus der Erfahrung der vergangenen Monate. Mit den neuen Angeboten könne er ein wenig was zurückgeben.

Was aber macht die aktuelle Situation, also die Fortsetzung dessen, was sich schon im Frühjahr entwickelt hat, mit einem so jungen Wirt? „Angst“, sagt er, „ist das falsche Wort.“ Es sei vielmehr die Sorge um die allgemeine, wirtschaftliche Lage. Eine neue Lage gehe er eher mit Neugier an, die er mit Veränderungen verbindet. „Darin liegt auch eine Chance.“

Er erklärt diese Herangehensweise mit seiner persönlichen Grundhaltung. „Ich bin noch jung und habe alle Möglichkeiten der Welt.“ Nach dem Abitur hatte Maier in Hamburg Betriebswirtschaft studiert, danach war er für ein halbes Jahr in Wien. Der jetzigen Verantwortung nicht nur für sich und die Kneipe, sondern damit eben auch für die Mitarbeiter sei er sich bewusst. Bei den Gästen habe er zuletzt Verständnis geerntet. Denn das, was zuletzt im „Schmidt’s“ gelaufen ist, hatte nicht mehr ganz so viel mit dem zu tun, was man sich eigentlich von einer Kneipe erwartet. „Die Kneipe lebt eben nicht davon, dass nur Leute aus zwei verschiedenen Haushalten an einem Tisch sitzen“, weiß Maier.

Es gehe um die Bewegung, um den Austausch. „Das Kneipen-Feeling war zwar noch da, aber das eigentliche Feiern, das Lockere – das war weg.“ Nicht nur auf Facebook, sondern auch im realen Leben meldet sich Maier bei seinen Stammgästen – gerade erst mit einem Angebot, einem Signal also, das den Leuten vermittelt: „Ich bin noch da.“

Seine größte Sorge bei der Übernahme der Kneipe sei die Frage gewesen, „Was ist, wenn ich den Laden einmal schließen muss“. Denn die Verantwortung, die er spürt, hänge auch damit zusammen, dass es Ausgehmöglichkeiten wie diese in Rotenburg nicht mehr so viele gebe. Doch davon kann zurzeit keine Rede sein, Maier packt an, hat Hoffnung und Ideen. Dennoch: „Der Blick ins Leere tut weh.“ Gerade jetzt zur dunklen Jahreszeit sind immer viele Gäste da. Die Handballer, Fußball und Spielerunden, die Kneipen-Quiz-Fans und die Doppelkopf-Runde. Maier fragt nicht, warum Kneipen schließen, andere Geschäfte aber weiter öffnen dürfen. „Ich ziehe keine Vergleiche“, denn er weiß: „Ab Mitternacht ist es schwer, in der Kneipe die Kontrolle zu behalten.“ Doch das ist zurzeit wichtig, und er trägt die Verantwortung auch dafür.

Meckern, motzen, schimpfen? Nicht Jan Maiers Ding. „Das kostet sehr viel Energie, und die setze ich dann lieber an anderer Stelle ein.“ Er sieht sich mit einem neuen „Handlungsrahmen“ konfrontiert. Darauf müsse man sich als Unternehmen immer wieder einlassen. Genau das mache er.

Dennoch nimmt er die bundesweite Entscheidung nicht komplett kritiklos hin. Außerdem wolle er sich nicht in die Opferrolle begeben, wie es einige andere machten. „Die Entscheidung soll allen helfen.“ Daher sei es nicht sinnvoll, zu meckern, auch wenn es verlockend sei. Aber auch er hätte sich gewünscht, wenn auch andere Modelle mit Blick auf die Schließung diskutiert worden wären. Maier: „Eine Diskussion darüber fördert doch die Akzeptanz.“  men

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