Impfzentrum: 690 Zusatztermine sorgen für Aufregung

Der Reihe nach

Schild zum Impfzentrum in Zeven
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Der Weg zum Impfzentrum in Zeven wird auch weiterhin nach den Vorgaben der einheitlichen Priorisierung beschritten, betont der Landkreis. Wer noch nicht dran ist, wird auch nicht geimpft.

Die Terminvergabe für Corona-Impfungen sorgt im Landkreis auch für Irritationen. Dabei ist manche Aufregung nicht angebracht.

  • Landkreis vergibt selbstständig 690 Zusatztermine für nicht verimpfte Dosen.
  • Dezentrales Angebot für Jüngere in Wittworf.
  • Kapazitäten weiter nicht ausgelastet.

Rotenburg/Zeven – Die Nachricht ist in der Pandemiesituation im Grunde eine erfreuliche, und der Landkreis bezeichnet die dazugehörige Aktion auch als „erfolgreich“: Es war kein Aprilscherz, als die Kreisverwaltung am Donnerstagabend mitgeteilt hatte, dass kurzfristig „durch technische Probleme bei der Terminvergabe durch das Land im Impfzentrum Zeven unerwartet Termine ausschließlich für Impfungen von Personen in der Altersgruppe Ü70 freigeworden“ waren. Es wurde ein Link zur Anmeldung geteilt, drei Stunden später waren die Zeitfenster vergeben.

Alles erfolgreich – oder „unkorrekt“? So hat zumindest das Bremervörder Stadtratsmitglied Rolf Hüchting (Grüne) in einem Statement gegenüber der Bremervörder Zeitung das Vorgehen bezeichnet. Auch in den sozialen Medien gab es die bekannt hitzig geführten Debatten. Hüchting wirft dem Landkreis eine „Vernebelungstaktik“ vor, „eigenmächtiges Vorgehen“ bei einer Verteilung von Zusatzterminen, die auch Menschen wahrnehmen könnten, die nach der Impfreihenfolge noch gar nicht dran gewesen wären. Nach dem „Zufallsprinzip“ werde damit „unkorrekt“ vorgegangen.

Die Kreisverwaltung reagiert gelassen auf die Vorwürfe und betont, es werde streng nach den Vorgaben der Impfpriorisierung vorgegangen. Wer noch nicht dran sei, werde auch nicht geimpft. „Dies ist ausgeschlossen. Sollten Personen zu einem Impftermin erscheinen, die nach der in der Niedersächsischen Impfverordnung festgeschriebenen Impfpriorisierung noch nicht impfberechtigt sind, wird ihnen die Impfung verwehrt“, betont Sprecherin Christine Huchzermeier. Die „technischen Probleme“ des Landes, die die zusätzliche Terminvergabe ermöglicht hätten, seien so zu erklären: „Vom Impfzentrum vorgesehene Termine für Sonnabend konnten vom Land nicht mit Buchungen belegt werden, da der Impfstoff von Astrazeneca bis zu einer Umstellung in dieser Woche gesperrt ist. Dies hatte mit der veränderten Freigabe des Impfstoffes von Astrazeneca für bestimmte Altersgruppen zu tun. Da seitens des Impfzentrums bereits Impfstoff für diesen Tag eingeplant war, wurde beschlossen, diese Termine eigenständig an impfberechtigte Personen zu vergeben. In diesem Zuge wurden auch noch restliche freie Termine für Dienstag und Mittwoch vergeben, die nicht vollständig durch Impfberechtigte mit einer beruflichen Indikation in Anspruch genommen wurden.“ Auf diese Weise sei es gelungen, den vorhandenen Impfstoff zeitnah an möglichst viele Menschen im Landkreis zu verimpfen. Andernfalls hätte Impfstoff zurückgelegt werden müssen, „was im Falle des Impfstoffes von Biontec/Pfizer nur begrenzt möglich ist und den Impffortschritt verzögert hätte“. Insgesamt gehe es um 690 Termine.

Die aktuellen Corona-Zahlen

Das Gesundheitsamt des Landkreises hat seit Gründonnerstag 72 neue Coronafälle gezählt. Es gibt der Statistik zufolge kreisweit aktuell 286 Infizierte, von denen sich elf Personen in stationärer Behandlung befinden. Im Altkreis sind es in Rotenburg momentan 35 Fälle, in Visselhövede 27, in Scheeßel 18, in Fintel und Bothel jeweils 13 und in Sottrum sechs. Seit Beginn der Pandemie seien es 3 012 Fälle gewesen – die größte Altersgruppe darunter die der 20- bis 29-Jährigen mit 530 Fällen. Ein 57-jähriger Mann aus der Einheitsgemeinde Scheeßel sei am Montag im Diako gestorben, er gilt als 80. Corona-Opfer der Region. Die Sieben-Tage-Inzidenz liege bei 80 Neuinfektionen in Bezug auf 100 000 Einwohner. 437 Kontaktpersonen befinden sich in häuslicher Quarantäne.

Landrat Hermann Luttmann (CDU) begründet das Vorgehen auch damit, dass die Impfzentren aus datenschutzrechtlichen Gründen keinen Zugang zu den Wartelisten des Landes haben. Deswegen habe man nicht auf diese zugreifen können. „Bei der Abwägung zwischen weiter Impfen, um möglichst viele Menschen zu schützen, oder einen ganzen Impftag zu verlieren, weil im Buchungssystem keine Termine eingestellt werden konnten, haben wir uns dafür entschieden, Termine selbst zu vergeben.“ Indem Rolf Hüchting dem Landkreis unterstellt, Termine willkürlich zu vergeben, „trägt er wissentlich dazu bei, das Vertrauen der Menschen in unser Impfzentrum zu untergraben“. Hüchting argumentiere mit „falschen Fakten“.

Bislang laufe die Terminvergabe nach dem Alter zentral über das Land. Wer aus beruflichen Gründen prioritär geimpft werden kann wie Mitarbeiter in Arztpraxen und Krankenhäusern, Erzieher, Grundschullehrer oder Rettungssanitäter, hat einen Terminvorschlag direkt vom Impfzentrum bekommen. Auch wenn das Land diese Aufgabe übernehmen werde, könnten „bei weiteren Terminproblemen durch das Land Niedersachsen kurzfristig Termine durch das Impfzentrum disponiert werden, damit vorhandener Impfstoff auch zeitnah verimpft wird“, so Huchzermeier.

Über die Debatte des Vergabeverfahrens hinaus bleibe festzuhalten, dass immer noch zu wenig Impfstoff vorhanden sei, die Kapazitäten in Zeven und nun auch bei den Arztpraxen nicht ausgeschöpft werden. Das Impfzentrum in Zeven arbeitet derzeit mit einer Kapazität von 5.200 Impfungen pro Woche, es könne in dieser Woche in Zeven aber nur am Dienstag, Mittwoch und Samstag geimpft werden. Am Donnerstag und Freitag laufen dezentrale Zweitimpfungen in Lauenbrück, Wittorf und Sottrum. Dieses Angebot soll für Jüngeren ausgebaut werden. Am Freitag, 16. April wird es für 400 Menschen über 70 aus dem Südkreis Termine in Wittorf geben. Wie genau die Anmeldung abläuft, werde der Landkreis noch bekannt geben, so Visselhövedes Bürgermeister Ralf Goebel. Die Gesamtzahl der wöchentlich möglichen Impfungen im Landkreis werde durch die Einbeziehung der Hausarztpraxen nun noch einmal deutlich steigen. Über die Ostertage wurden keine Impfungen im Landkreis durchgeführt, da nicht ausreichend Impfstoff vorhanden war. „Die Menge an Impfstoff ist nach wie vor der limitierende Faktor. Jede Impfstoffdose, die wir bekommen, wird auch zeitnah verimpft“, so Alexander Oestmann vom Leitungsteam des Impfzentrums. Es sei aber entscheidend, dass die Menschen, die den Hausarzt vorziehen, obwohl sie bereits einen Termin in Zeven haben, sich auch wirklich abmelden. Sonst verfallen im Impfzentrum wertvolle Termine für andere Impfberechtigte, heißt es.

Aktuelle Zahlen zum Impfgeschehen im Landkreis lagen dem Gesundheitsamt bis gestern Dienstagnachmittag nicht vor. Bis zum Mittwoch vor Ostern hatten 17 .756 Menschen ihre Erstimpfung erhalten, 8 .847 Menschen auch die Zweitimpfung. Damit waren bis dahin etwa elf Prozent der Landkreisbewohner mindestens einmal geimpft.

Der Kommentar von Michael Krüger

Ein bisschen entspannter, bitte!

Natürlich läuft vieles falsch in der Bekämpfung der Pandemie. Debatten über notwendige ober überzogene Lockdown-Maßnahmen, über fehlende Impfstoffe und das viel zitierte „Chaos bei der Terminvergabe“ werden ja auch mit entsprechendem medialen Getöse geführt. Aber es taugt auch nicht alles zum Skandal. Es täte einigen Beteiligten sehr gut, in dieser eh sehr aufgeregten Zeit etwas Lockerheit walten zu lassen. Auch wir fragen uns als Journalisten immer wieder, wie berechtigt denn der Aufschrei nun ist. Wir hinterfragen Dinge, aber wir kommen dann manches Mal trotz anderer Einschätzung anderer zum Schluss: Ist kein Skandal. Ein Arzt, der seine Kinder in der Impfreihenfolge vorzieht, ein Landrat, der sich vordrängelt, ein Klinikchef, der zuerst das Vakzin erhält? Ist alles schon vorgekommen. Das ist mitunter auch moralisch anstoßend, aber nicht in jedem Fall die böse Tat böser Menschen, die anderen schaden. Im aktuellen Fall hat der Landkreis, soweit man den Aussagen glauben mag, nicht mit einer „Vernebelungstaktik“ eigenmächtig Impftermine vergeben, sondern nicht in Anspruch genommene Dosen neu verteilen dürfen. Unkorrekt? Nicht der übliche Weg? Oder mal ein Beispiel kurzer Dienstwege selbst bei Beamten? Einfach mal locker bleiben, dabei aber das Ziel nicht aus den Augen verlieren – vielleicht das bessere Mittel in der Pandemie. Wir alle bekommen Impftermine, so wir denn wollen, es dauert nur. Zu lange, selbstverständlich. Aber ausreichend Zeit, auch mal kurz nachzudenken vor dem Aufschrei.

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