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Der Mut zu Veränderung: „Out in Church“ ist auch bei Rotenburger Katholiken Thema

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Von: Ann-Christin Beims

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Die Kirche sieht sich großen Veränderungen gegenüber.
Die Kirche sieht sich großen Veränderungen gegenüber. © Henning Kaiser/dpa

Mit einem Paukenschlag haben queere Beschäftigte der katholischen Kirche öffentlich auf die Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität aufmerksam gemacht. Auch in Rotenburg wird nun darüber und über die möglichen Folgen debattiert.

Rotenburg – Subtiler Druck oder auch offene Drohungen bis hin zum Jobverlust: Queere Mitarbeiter der katholischen Kirche mussten schon viel ertragen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Identität. Umso mutiger ist der Schritt von mehr als 100 Beschäftigten zu Beginn der Woche, die unter dem Namen „Out in Church“ offen gegen das einschüchternde und denunzierende System demonstrieren. Sie outen sich und fordern ein Ende der Diskriminierung, die sie in der Kirche erfahren. Ein mutiger – aber vor allem ein wichtiger Schritt, findet Anne Friberg, Pfarrgemeinderatsvorsitzende der Corpus-Christi-Gemeinde Rotenburg.

Es ist eine Problematik, die schon lange bekannt ist. Ein Thema, das unter der Oberfläche schwelte. Doch die große Diskussion über fehlende Anerkennung und Wertschätzung findet erst in dieser Woche so richtig ihren Einzug in die Öffentlichkeit, auch in die Rotenburger Gemeinde. Bedingt durch die Aktion und die zeitgleiche Ausstrahlung der ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“, in der Mitarbeiter über ihre Erfahrungen berichten. Friberg hat mehrere Gespräche geführt, sieht auch eine „Welle an Reaktionen“ zum Beispiel über das soziale Netzwerk Instagram, die sie aufmerksam verfolgt – viel positiver Zuspruch. „Die Mitarbeiter wollen in der Kirche bleiben und etwas verändern.“

Ein „System des Verschweigens“

In Rotenburg selber sei das Thema Diskriminierung aufgrund von Nicht-Heterosexualität, soweit er das beurteilen kann, noch kein Problem gewesen, meint Pfarrer Stefan Reinecke. Aber er weiß: „Die Menschen leiden mit der Kirche, unter ihrer Situation.“ Dabei sollte Kirche offen sein, offen für alle und das auch zeigen. „Unsere Gesellschaft ist bunt, unsere Gemeinde ebenso. Und das ist gut so“, ergänzt Friberg.

Auf der Internetseite „Out in Church“ haben queere Mitarbeiter nun ein Manifest veröffentlicht – hauptamtliche, ehrenamtliche, potenzielle und ehemalige, die in unterschiedlichen Bereichen arbeiten. Sei es im Bildungsbereich, der Erziehung, Pflege, Katechese, als Verwaltungsmitarbeiter, Kirchenmusiker und vieles mehr. „Wir identifizieren uns unter anderem als lesbisch, schwul, bi, trans, inter, queer und non-binär“, steht darin unter anderem. Manch einer habe schon in der Vergangenheit sein Coming-out gewagt, andere rücken jetzt damit heraus, in einer beispiellosen Gemeinschaftsaktion. Doch selbst jetzt wollen sich noch nicht alle mit Gesicht deutlich zu erkennen geben, vereinzelt sind Bilder verpixelt und Namen verkürzt.

Ein Rest Unsicherheit bleibt. Ein Vorgehen, das Friberg und Pfarrer Stefan Reinecke im Gespräch nachvollziehen können – auch gesamtgesellschaftlich gebe es noch viel Arbeit auf einem Weg zu Anerkennung, nicht nur in der Kirche. Wenngleich beide zugeben, dass diese da sicherlich noch etwas mehr hinterherhängt. „Da werden Menschen in eine Ecke gedrängt, da fühlt man mit“, sagt Reinecke. „Die Dokumentation war sehr bewegend, nicht reißerisch. Es sind Menschen, die aus ganz persönlicher Sicht berichten und tief in ihrem Glauben verwurzelt sind“, ergänzt Friberg. Es sei eben dieses bedachte Darauf-aufmerksam-machen, weswegen die Kirche das Anliegen ernst nehmen sollte.

Pfarrer Stefan Reinecke und Anne Friberg sitzen am Tisch, vor ihnen liegen verschiedene Dokumente.
Seit Beginn der Woche verfolgen Pfarrer Stefan Reinecke und Anne Friberg interessiert das Geschehen. © Beims

Dabei zeigen die Mitarbeiter nicht nur auf, was im System falsch läuft. Sie stellen auch Forderungen auf, um eine Veränderung zu erreichen. Damit sich niemand mehr aufgrund seiner sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität verstecken muss oder Angst haben muss, bei einem Outing beispielsweise seinen Job zu verlieren. Viele von ihnen seien unter Druck gesetzt worden, ihre Orientierung oder Identität geheim zu halten.

Die Gruppe fordert „eine Änderung des diskriminierenden kirchlichen Arbeitsrechts einschließlich aller herabwürdigenden und ausgrenzenden Formulierungen in der Grundordnung des kirchlichen Dienstes“. Sie sprechen auch von einem daraus entstandenen „System des Verschweigens, der Doppelmoral und der Unaufrichtigkeit“.

Zu den angestrebten Veränderungen gehört für sie auch der Segen gleichgeschlechtlicher Paare, den der Vatikan im Frühjahr 2021 ausdrücklich verboten hat. Das sieht auch Reinecke wie viele seiner Kollegen noch kritisch. Dabei geht es ihm nicht um die Segnung einzelner. „Menschen kann ich immer segnen, es werden alle geliebt“, betont er. „Aber nicht eine Ehe.“ Dass aber eine Veränderung möglich ist, schließt er nicht aus. „Das Wort ,Ehe‘ ist bereits mit einer klaren Bedeutung belegt, jetzt kommt etwas Neues. Dann müsste man die Definition entweder erweitern oder ein neues Wort für diese neue Verbindung finden“, meint Friberg, die das Thema etwas anders sieht. Sie erinnert an die Franzosen, die vor mehr als 20 Jahren eine neue Form der Verbindung, den „PACS“, einen „Zivilen Solidaritätspakt“ eingeführt haben. Eine „staatliche Form der Ehe für homosexuelle Paare“.

Unterstützung der Politik

Es ist jetzt eine Welle losgetreten worden, die „nicht aufgehalten wird“, ist sich Friberg sicher. „Da wird sich etwas tun, das rüttelt viele wach.“ Und vieles befinde sich schon im Wandel. „Manche sind im Laufe der Zeit bereits zum Nachdenken gekommen“, weiß Reinecke. Viele Pastoren haben dem Vatikan-Verbot zum Trotz beispielsweise gleichgeschlechtliche Paare gesegnet. Und die, die jetzt offen zu der Bewegung Stellung nehmen, befassen sich damit nicht erst seit gestern. So hat sich auch das Bistum Hildesheim, zu dem Rotenburg gehört, positiv zu einer Veränderung geäußert: „Es ist wichtig, dass die Debatte darüber geführt wird, wie wir homosexuellen Paaren liturgisch und pastoral in einer guten Weise begegnen. Wir müssen über die Segnung homosexueller Paare weiter diskutieren und sollten sie nicht tabuisieren“, sagte Bischof Heiner Wilmer.

Dass Veränderungen in einem so großen Apparat ihre Zeit brauchen, zeigt nicht zuletzt die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. Auch da wird aber gezielt vor Ort gegengesteuert mittlerweile: Es gibt eine Präventionsgruppe, ein Schutzkonzept und verpflichtende Schulungen, sagt Friberg. „Und die Kurse machen sehr sensibel.“ Es sei mittlerweile die Normalität, vorsichtig zu sein – und so Probleme schneller zu erkennen. „Es ist ein langer Prozess und jeder Fall ist einer zu viel“, so Reinecke. Auch während der Priesterausbildung werde das Thema der sexuellen Orientierung und Identifikation nicht mehr nur am Rande angesprochen. „Das war früher sicher anders. Da ist viel passiert.“

Das wird es nun auch rund um das Thema „Out in Church“, sind sich beide sicher. Friberg: „Es wird spannend zu sehen, wie es weitergeht.“ Auch die Politik wird sich in diesen Prozess einbringen, schreibt der heimische SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil. Er habe größten Respekt vor der Entscheidung. „Die Kirche muss jeder Form von Diskriminierung entschieden entgegentreten. Dazu gehört auch, dass queere Personen ohne Angst offen leben und arbeiten können. Wir wollen daher mit der Kirche prüfen, inwiefern das kirchliche dem staatlichen Arbeitsrecht angeglichen werden kann.“ Und auch die Gesellschaft könne mit ihrer Solidarität zu einem Wandel beitragen.

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