SPD-Chef aus dem Wahlkreis

Der Lars und wir

Lars Klingbeil sitzt da
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Trotz aller Verpflichtungen: Für ein – auch persönliches – Gespräch mit der Redaktion findet Lars Klingbeil meistens Zeit. Die wird jetzt aber noch knapper.

Lars Klingbeil ist neuer Parteichef der SPD. Der 43-Jährige aus dem Heidekreis führt gemeinsam mit der Co-Vorsitzenden Saskia Esken die mitgliederstärkste und älteste Partei Deutschlands. Ein Triumph für einen, dessen Aufstieg an die politische Spitze für viele klar war, aber dennoch überraschend ist. Eine persönliche Spurensuche vor Ort – in seinem Heimatwahlkreis, zu dem auch Rotenburg gehört.

Rotenburg – Olaf behauptet, es war 2009. Ich meine, es war ein paar Jahre früher. Wie so vieles, wenn Olaf zur Party lädt, bleibt es leicht unklar danach. Ist aber egal. Unbestritten ist: Lars hatte ein Bier in der Hand, als wir uns kennenlernten. Auch wenn wir danach nicht mehr oft anstießen, war das doch der Beginn einer, wie bezeichnet man es: einer guten Bekanntschaft? Freunde sind wir vermutlich nicht, weil uns auch damals schon klar war, dass wir unsere Rollen haben. Die sind zum Glück nicht immer präsent, aber von Anfang an klar: Er da ein noch nicht ganz so großer Politiker, ich am Anfang meines beruflichen Lebens als Journalist.

Lars jedenfalls, er ist drei Monate jünger als ich, das Du war dort klar und beim Bier sowieso, wollte bei der Party auch über Politik reden. Vor allem aber stellte er Fragen. Das tut er eigentlich immer. „Ich bin kein Maulheld“, sagt er sinngemäß am Samstag beim Parteitag der Sozialdemokraten in seiner Bewerbungsrede. Als Selbstdarsteller wäre er schon damals bei Olafs Party gescheitert. Aber so meisterte er den ersten Auftritt unter uns, einem bunten Haufen einer nicht ganz einfachen Klientel.

Saskia Esken und Lars Klingbeil sind die neue SPD-Spitze.

74 Tage, 0 Stunden und 13 Minuten sind es an diesem heißen Julitag noch, bis die Wahllokale der Bundestagswahl geschlossen werden. Lars macht Wahlkampf in Rotenburg. Die SPD liegt in Umfragen noch weit hinten. Dass der Generalsekretär Klingbeil als oberster Wahlkampfmanager einen anderen Olaf, den Scholz, zum Kanzler machen kann, scheint ausweglos. „Wir sind bei 17 Prozent, das nervt mich“, sagt er. Lars bestellt einen Minztee, sein Mitarbeiter hat lange Listen dabei mit Erfolgen, die er seit 2009 als Bundestagsabgeordneter erzielt habe, auch wie viel Geld in die Region geflossen sei. Ich nicke, alles schön, Wahlkampf halt auch im Kleinen, außer mir ist kein Pressevertreter zum Gespräch im Bistro-Garten erschienen. Wir können das abhaken. Glaubt er wirklich, dass es klappen könnte? „18 – 17 – 12“, zählt Lars auf. SPD, Grüne und FDP, die politische Ampel, das würde reichen. Die Zahlen sind aus Sicht der Genossen am Ende viel besser. Lars holt deutschlandweit das viertbeste Ergebniss aller Direktkandidaten der 299 Wahlkreise. Scholz wird Kanzler. Lars hat das tatsächlich für möglich gehalten. Man nimmt ihm ab, dass er an die Sozialdemokratie glaubt.

Kann man ihm irgendwie böse sein?

„Das sanfte Schwergewicht“, titelt der Stern Anfang November über Lars, zeigt ihn beim Crossfit und mit Augenpiercing als zwischenzeitlicher Nachrücker im Bundestag 2005, er sei einer, „dem keiner böse sein kann“. Am Samstag heißt es in seiner Parteitagsrede, er passe nicht in Schablonen. Tatsächlich fällt es schwer, und das ärgert den Journalisten natürlich, ihn so richtig zu packen. Lars kommt locker rüber, ist aber ganz und gar kein Parteilinker. Er redet geschliffen, bewegt sich fast überall geschmeidig, fällt aufgrund seiner Größe natürlich auf, poltert aber nie herein wie andere seines Formats. „Bodenständig“ könnte man ja schreiben, wenn es nicht so abgegriffen wäre. Muss ein Politiker abgehoben sein? Lars war nie was anderes als Politiker, vielleicht könnte man ihm das vorwerfen. Oder dass er Opportunist ist: Bayern-München-Fan. Aber auch das lächelt er weg, spricht dann manchmal unter vielen Menschen leise mit einem, sodass man denkt: Das sagt er jetzt nur mir.

Man muss eine Rampensau sein.

Ex-Kanzler Gerhard Schröder gibt bei einem Auftritt im August 2017 Lars Klingbeil Tipps für seinen weiteren Karriereweg

Stimmt aber natürlich nicht. Beide Chefredakteure, die ich in meiner Zeit bei diesem Verlag erleben durfte, werfen der Rotenburger Redaktion eine zu große Nähe zu Klingbeil vor. Wir würden ihn hofieren, nie hart mit ihm ins Gericht gehen. Vom Krüger, sowieso ein „linksversiffter Journalist“, wie ich von Konservativen höre, denen ich mitunter viel näher stehe, sei aber auch nichts anderes zu erwarten. Zu große Nähe zum jetzigen SPD-Parteichef? Es ist kein Geheimnis, wenn ich verrate: Lars hat im Grunde nie was durchgesteckt. Nicht wenige Nachfragen auf informellem Wege, wenn man was wissen wollte zu dem, was die Region bewegt, hat er nur mit Emojis beantwortet. Es gibt in der Lokalberichterstattung durchaus Themen, wo es kracht. Man erinnere sich nur an die IGS-Debatte in Rotenburg, das Tischtuch zu manch einem Genossen von Lars war zwischendurch zerschnitten, weil die Redaktion in gewisser Weise teilnahm am politischen Prozess. Mit Lars hat es diese Querelen nie gegeben. Wie am Samstag in unserem Interview die Unterbezirksvorsitzende Ina Helwig loben alle den Einsatz von Lars für den Wahlkreis, wie oft er da sei trotz seiner bislang sowieso schon vielen Verpflichtungen, dass er immer ansprechbar sei. Das ist natürlich korrekt. Um sich richtig an ihm zu reiben journalistisch inhaltlich vor Ort, war er aber eigentlich doch meist zu weit weg. Berlin ist eben nicht Bötersen.

Führung und gute Führung macht nicht aus, dass man Maulheld ist.

Lars Klingbeil am Samstag vor der Wahl zum Parteivorsitzenden

Kann man das denn, sich mit Lars streiten? „Sind alle immer nett zu dir“, schreibe ich ihm über einen Messenger-Dienst, als klar wird, dass er Parteichef werden soll und das alle toll finden. Ich schiebe nach: „Wird aber noch anders.“ „Na klar, das weiß ich“, schreibt er zurück. Schade sei nur, dass er in dieser verrückten Zeit mit Pandemie, Wahl und neuer politischer Verantwortung das gar nicht genießen könne.

Viel Privates geopfert

Ungefähr gleich alt, verliefen unsere Lebenswege nie parallel, aber man hat Gemeinsamkeiten. Manchmal hat Lars angerufen und wir redeten über Musik. Da hat er anders als beim Thema Fußball einen guten Geschmack. Die Telefonate fanden dann für ihn irgendwo in der Bahn oder zwischen zwei Terminen statt. Irgendwas war immer, Zeit meistens selten. Privatleben, wie wir es hier auf dem Dorf kennen mit Frau und Kind und Garten und Sportverein und Freunden, die Partys veranstalten, auf die sich mal Politiker verirren, hat Lars wohl nie gehabt. Er bleibt bei diesem Thema eher bedeckt, selbst im kleinsten Kreis. Man weiß, er ist mittlerweile verheiratet und lebt offiziell in Munster. Seinen Junggesellenabschied, verrät er 2019 bei einem Pressetermin in der Grundschule unserer Tochter noch leicht verkatert, hat er im Hinterzimmer beim Griechen mit Freunden und Ouzo gefeiert. Tür zu, Handys aus. Der Preis der Öffentlichkeit. Wer sein ganzes Leben darauf ausrichten muss, gewählt zu werden, selbst von denen, mit denen man vielleicht gar nichts zu tun haben möchte, muss Spielregeln beachten und Opfer bringen.

Lars Klingbeil (SPD) im September beim „Bundestalk am Tresen“ im Rotenburger Stadtspeicher.

Dabei hätte Lars mal so richtig poltern können. Er hätte mit Dreck um sich schmeißen können. Aber Lars bleibt ruhig, als sein einstiger politischer Erzfeind aus dem Wahlkreis, Reinhard Grindel, Anfang 2019 als DFB-Präsident über die Uhren-Affäre stolpert. Monatelang versuchen andere „große“ Medien auch bei uns in der Redaktion, Geheimnisse zu erfahren. Spiegel, Stern und Co. rufen an, wollen am Fall (von) Grindel mitwirken. Lars und ich telefonieren zur Sache, weil wir uns als Redaktion an einem gewissen Stil nicht beteiligen wollen. Natürlich hat Lars einen „Giftschrank“ mit Grindel-Themen, mutmaße ich, er wiegelt ab. Kann sein, dass das andersrum so war, als man sich im Wahlkreis trotz der großen Koalition in Berlin zwischen dem SPD und dem CDU-Kandidaten vor Ort nie grün war. Lars versucht erst gar nicht, aus dem Fall des anderen Profit zu schlagen. Die Hoffnung, ihn im politischen Wettstreit nach zwei Niederlagen ums Direktmandat 2009 und 2013 zu schlagen, ist ja bereits begraben. Vier Jahre ist Lars Generalsekretär, er erlebt acht Parteivorsitzende. Alle wollen ihn an seiner Seite behalten. „Irgendwann schreibe ich ein Buch darüber“, scherzt er beim Blick auf diese turbulenten Zeiten. Dass er in diesem auspackt, endlich Tacheles redet, abrechnet: undenkbar. Brücken bauen statt Gräben ausheben, das wolle er, sagt er an diesem Samstag beim Parteitag.

2019 sagt er noch ab

Im August 2019 will Lars noch nicht. Mit Manuela Schwesig ist er für viele das junge dynamische Traumduo an der SPD-Spitze. Aber sie erkrankt an Krebs, tritt zurück aus der ersten Parteireihe. Er habe ernsthaft überlegt, sagt er damals, doch die passende Konstellation für eine Doppelspitze mit ihm gab es damals nicht. Er verweist auf „vertrauliche Gespräche“ und bleibt unter Esken und Norbert Walter-Borjans der General. „Standhaft“ wäre noch so ein abgedroschenes Attribut für Lars. Das blieb er auch, als es hier und da auch mal Kritik gab: die Nähe des Kriegsdienstverweigerers zur Rüstungsindustrie etwa, seine konservativere Weltsicht, nachdem er die Anschläge vom 11. September („9/11“) live in New York miterlebte. Jetzt folgt er im neuen Amt auf seine eigenen großen politischen Vorbilder wie Willy Brandt und Gerhard Schröder: „Ich empfinde das als wahnsinnige Ehre“, schreibt er mir noch am Mittwoch nach der Wahl von Scholz zum Kanzler.

Das Problem weißer Turnschuhe

Geschenkte Uhren ukrainischer Oligarchen hat Lars nie getragen, soweit bekannt ist. Aber über ein anderes Problem muss dennoch gesprochen werden. Lars trägt immer weiße Turnschuhe. Wie alle. Damals, in unseren aufstrebenden Zeiten Anfang der 90er, lachten wir über die Popper, die sich so etwas antaten. Heute, die Piercings sind weniger geworden, tun wir es selbst. Vielleicht lachen deswegen zurecht andere über uns. Zuletzt und auch am Samstag hat man Lars ganz in Schwarz gesehen, inklusive vernünftiger Ledertreter. Möglicherweise ist das ein Symbol dafür, dass wir trotz allem gerade jetzt noch daran glauben dürfen: Alles wird gut. Und mit Lars an der Spitze für die Genossen vermutlich sogar besser.

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