INTERVIEW AM WOCHENENDE Rotenburgs Superintendent Michael Blömer über Tod und Trauer

Der Glaube ans Danach

Seit gut zwei Jahren ist Michael Blömer Superintendent des Kirchenkreises Rotenburg mit seinen rund 55 000 Gemeindemitgliedern.
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Seit gut zwei Jahren ist Michael Blömer Superintendent des Kirchenkreises Rotenburg mit seinen rund 55 000 Gemeindemitgliedern.

Im November muss man über den Tod sprechen. Warum eigentlich? Und wenn wir schon beim Thema sind: Wie verändert die Pandemie unsere Trauer? Das Virus müsste eigentlich das Bewusstsein schärfen, wie wertvoll das Leben ist. Aber vieles in diesem Zusammenhang bleibt ein Tabu und wird ausgeklammert. Wir haben dennoch nach Antworten gesucht – und Michael Blömer hat sie uns gegeben. Der 54-Jährige ist seit zwei Jahren Superintendent des Kirchenkreises Rotenburg.

Herr Blömer, es ist kalt, nass und grau draußen. Das schlägt aufs Gemüt. Warum müssen wir dann ausgerechnet jetzt im November auch noch über den Tod sprechen?

Es ist gut, dass es Zeiten gibt, in denen wir uns auch dieser Thematik zuwenden. Es ist nicht zufällig, dass wir jetzt den Volkstrauertag und den Ewigkeitssonntag haben. Es tut der Gesellschaft gut, sich der Thematik anzunehmen und sie nicht zu verdrängen, was leider allzu gerne getan wird. Das Sterben der Natur im Herbst passt als Symbol zum Sterben der Menschen und zur Stimmung, die dann viele haben.

Das gilt in diesem Jahr wohl ganz besonders.

Natürlich, durch die Trauerfälle, die coronabedingt jetzt im kleinen Kreis abgeschlossen werden mussten. Das ist schlimm für die Familien.

Warum fällt uns das Sprechen darüber so schwer? Ist der Tod immer noch ein Tabu in der Gesellschaft?

Auf jeden Fall. Sogar immer mehr. Mir ist das gerade wieder bewusst geworden im Zusammenhang mit dem geplanten Friedwald in Rotenburg. Das Problem im Friedwald ist, dass dort nichts zeigt, dass es ein Friedhof ist. Letztlich ist das auch ein Stück Verdrängung. Ein Friedwald ist eine tolle Sache, aber ein normaler Friedhof in einer Stadt oder auf dem Dorf ist eine andere Sache. Dieser führt immer wieder präsent vor Augen, dass der Tod zum Leben dazu gehört.

Sie plädieren dafür, Begräbnisstätten nicht irgendwo zu verstecken?

Ein Friedhof sollte zumindest ortsnah sein. Damit wird deutlicher, dass das Sterben dazu gehört. Auch Trauerfeiern in einer Kapelle bieten mehr. Ich sehe die Gefahr, dass der Tod in einem Friedwald quasi versteckt wird.

Die einfachste Frage an den Theologen: Was ist das, der Tod?

Das irdische Leben ist vorbei. Der Körper verfällt. Jetzt ist die große Frage: Gibt es so etwas wie eine Seele, die unabhängig vom Körper ist? Ich glaube, dass ich danach als Person weiter existiere. Nicht mehr in meiner irdischen Hülle, auch nicht mit einer neuen irdischen Hülle auf einer Wolke oder so. Aber wie und in welcher Form, das ist reine Spekulation. Diesbezüglich kann man sich vielleicht auf Bibelstellen beziehen, aber die sind natürlich immer im zeitlichen Kontext ihrer Entstehung zu bewerten – oftmals Bilder aus vergangenen Zeiten. Die darf man nicht eins zu eins übertragen. Das Wichtigste ist: Ich existiere bei Gott weiter. Das ist im Grunde alles, was ich sagen kann. In welcher Form, das ist völlig offen. Wenn sich jemand etwas Konkreteres vorstellt, ist das völlig in Ordnung, es spendet ja Trost. Aber mich würde es nicht trösten, wenn ich mir vorstelle, ich müsste auf einer Wolke sitzen und Harfe spielen...

Wie erklären Sie den Tod einem Kind?

Im Konfirmandenunterricht oder noch kleinere Kindern habe ich es immer mit der „Raupe Nimmersatt“ erklärt. Die puppt sich irgendwann ein, quasi in einem Sarg, und der öffnet sich dann irgendwann wieder. Der Verstorbene wird dann als Schmetterling oder übertragen in ganz anderer Form wieder zum Leben erweckt. Dass, was wir beerdigen, sei im Grunde nur eine Hülle. Das ist doch ein schönes Bild.

Wie kann mir der Glaube gegen den Tod helfen?

Die Angst kann mir der Glaube nicht völlig nehmen. Das zu sagen, wäre naiv. Alleine der Prozess des Sterbens und das, was davor kommen könnte an Schmerzen, macht natürlich Angst. Aber ich glaube, dass ich schon weniger Angst habe, wenn ich glaube.

Ist es nicht traurig, dass sich Menschen erst zum Lebensende wieder mehr der Kirche zuwenden? Weil sie sich vielleicht irgendwas erhoffen?

Das glaube ich nicht. Junge Menschen und die mittleren Alters sind natürlich nicht so häufig in den Gottesdiensten. Da ist man mit viel zu vielen anderen Dingen beschäftigt. Vielleicht sortieren sich die Menschen mit 60 neu. Dann hat man Zeit, über sein Leben nachzudenken, es wird einem auch die Endlichkeit klarer. Die Lebensfragen stellen sich noch mal ganz anders. Wir müssen uns aber auf neue Generationen vorbereiten. Unsere bisherige traditionelle Form des Gottesdienstes muss hinterfragt werden.

Macht der Tod das Leben erst wertvoll?

Ja. Wenn ich mir vorstelle, ich würde unendlich lang leben, hätte ich eine ganz andere Einstellung zum Leben. Insofern wird mit dem Tod jeder Moment des Lebens besonders wertvoll. Gleichzeitig ändert sich aber meine Einstellung, je nachdem, ob ich glaube, dass mit dem Tod alles vorbei ist oder ob es danach weitergeht. Wenn ich davon ausgehe, dass danach alles aus ist, dann muss ich versuchen, aus dem, was ich jetzt habe, alles herauszuholen, was möglich ist. Aber wenn ich denke, dass mit dem Tod das irdische Leben vorbei ist, aber meine eigentliche Existenz weitergeht, dann habe ich die Hoffnung, dass ich auch nicht so gute Phasen besser überstehen kann. Ich weiß, es wird irgendwann besser. Ich muss in diesem irdischen Leben nicht alles an Positivem erlebt haben. Ich kann mein Leid und schwere Zeiten leichter ertragen. Es ist eine Hilfe, wenn ich diese Hoffnung habe. Es ist dann nicht so tragisch, wenn ich kein Superstar oder Millionär mehr werde.

Dann können Sie der alten Weisheit ,,Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter“ nicht viel abgewinnen?

Doch, im Grunde wäre das ja auch in diesem Sinne zu verstehen. Weil man sagt, jeden Tag das Leben in vollen Zügen zu genießen. Aber so zu genießen, dass ich weiß: Wenn ich es nicht so genießen kann, wie ich eigentlich möchte, ist es auch nicht tragisch. Ich muss nicht aus jedem Tag alles herausholen.

Corona führt auch im kirchlichen Zusammenhang zu großen Einschränkungen. Insbesondere bei Beerdigungen ist das schwierig. Was macht das mit uns?

Ich bin erst einmal froh, dass wir aktuell nicht mehr die Beschränkung auf zehn Personen haben. Das ist viel wert. Trotzdem ist es natürlich sehr eingeschränkt. Es ist traurig, wenn viele Angehörige und Freunde nicht mehr teilnehmen können. Das verlieren wir derzeit. Entscheidend ist aber, dass wenigstens die Familie dabei sein kann.

Ewigkeitssonntag

Die evangelischen Kirchen gedenken am Totensonntag, auch Ewigkeitssonntag genannt, der Verstorbenen. Zunächst lehnten die Reformatoren eine Übernahme des katholischen Totengedenkens am Allerseelentag (2. November) in dem Kalender ihrer Kirche ab. Auf Wunsch vieler evangelischer Christen wurde dennoch ein Gedenktag für die Toten eingeführt. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. bestimmte 1816 den Sonntag vor dem ersten Advent als staatlichen Feiertag zur Erinnerung an die Gefallenen der Befreiungskriege gegen Napoleon. Die Regelung wurde bald von anderen Landeskirchen übernommen. Der Totensonntag zählt zu den stillen Feiertagen, für die je nach Bundesland spezielle Einschränkungen gelten. Gläubige besuchen an diesem Tag die Gräber ihrer Verwandten und legen Blumen nieder.    (kna)

Können Sie verstehen, dass es massive Kritik an Gottesdiensten gibt, die weiter stattfinden dürfen, während Gastronomie und Kultur dicht sind?

Das trifft mich schon. Wir haben im kirchlichen Kontext darüber natürlich viel gesprochen. Es gibt bisweilen wenig Verständnis in der Gesellschaft dafür. Wir haben in unseren landeskirchlichen Gottesdiensten und in vielen Freikirchen sehr strenge Hygienevorschriften umgesetzt. Die Abstände sind sehr groß, die Angebote angepasst worden. Wir machen kurze Veranstaltungen in einem riesigen Raum. Singen ist sowieso nicht erlaubt. Ich kann die Unzufriedenheit verstehen. Andererseits, so wie wir es in unseren Kirchen machen, besser geht es nicht. Mir ist bislang kein Fall bekannt, dass sich nach einem landeskirchlichen Gottesdienst oder einer gemeindlichen landeskirchlichen Veranstaltung ein Cluster ergeben hat. Wir sind diesbezüglich sehr verantwortungsbewusst. Ohne Frage verhalten wir uns vorsichtig und nehmen uns zurück. Wir machen unter dem Mäntelchen des Gottesdienstes nicht sonstwas, das gibt es ja auch. Corona-Leugner deklarieren Demonstrationen als Gottesdienste. Aber auf solche Ideen käme bei uns niemand.

Andererseits gibt es die großen Ausbrüche bei den christlichen Freikirchen wie zuletzt in der Samtgemeinde Tarmstedt und in Sottrum. Was machen die falsch?

Zu den beiden Fällen kann und will ich offiziell nichts sagen, weil ich nicht weiß, was sie falsch gemacht haben. Das wäre unfair. Was ich aber von anderen Fällen weiß, ist, dass sich die Gemeinden nicht an alle Vorschriften gehalten haben. Das Problem im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ist eben häufig, dass sie keine riesigen Räume haben und dichter zusammen sind. In diesen Gemeinden haben sie oft ein viel engeres Zusammenleben. Es ist ihre Familie, es sind ihre Freunde. Da sind nicht unbedingt die Gottesdienste das Problem, sondern vor allem das außergottesdienstliche Gemeindeleben, zu dem man sich trifft. Dann ist es auffällig, dass es alles Leute sind aus diesem Kontext. Der Ursprung ist aber nicht unbedingt der Gottesdienst, sondern die Verquickung mit dem Privaten.

Mit Blick auf Weihnachten muss aber auch die Landeskirche noch andere Wege einschlagen.

Auf jeden Fall. Die Konzepte werden gerade erarbeitet. Es wird über Anmeldungen und kleinere, kürzere Veranstaltungen laufen. Ich fürchte, dass trotzdem viele Menschen sehr zurückhaltend sein werden und gar nicht in die Kirche kommen.

Wenn jemand Corona hat und stirbt mit 80, heißt es aktuell oft: Der wäre ja eh bald gestorben. Ist das verständlich, zynisch, unmenschlich oder unchristlich?

Das geht gar nicht. So kann man nicht argumentieren. Ich möchte auch nicht in einer Ethik-Kommission sitzen und mitentscheiden müssen, wer als erstes behandelt wird. Das Grundgesetz sagt ja ganz eindeutig, dass niemand wegen seines Alters benachteiligt werden darf. Aus theologischer Sicht muss ich sagen, dass die Argumentation absolut zynisch und unchristlich ist. Der Wert eines Menschen hängt nicht am Alter.

Können wir aus der Corona-Krise etwas über den Umgang mit dem Tod lernen?

Es zeigt uns, wie vergänglich unser Leben ist. Und wie wenig wir es manchmal auch selbst in der Hand haben. Dass wir jederzeit mit Einschränkungen des Lebens durch eine Krankheit leben müssen. Dass es jeden treffen kann – auch wenn es mehrheitlich ältere sind.

Darf man am Totensonntag auch lachen?

Auf jeden Fall. Natürlich sollte man nicht über den Tod lachen. Ich habe es gerade in Trauergesprächen oft erlebt, dass gelacht wird. Und zwar, wenn Anekdoten aus dem Leben erzählt werden. Das ist immer sehr entlastend. Auch in einer Trauerfeier können diese Geschichten entlastend sein. Zum Tod gehört auch das Positive im Leben dazu. Und darüber kann und sollte man lachen.

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