CDU-Kandidat im Interview

Prietz will als Landrat Digitalisierung zur Chefsache machen

Marco Prietz mit Maske und Notebook in einer Kreistagssitzung.
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Marco Prietz will Landrat werden - und dann auch einiges verändern hin zu mehr digitalem Bürgerservice.

Rotenburg – Die Pandemie sorgt für viele Veränderungen, und plötzlich finden selbst Vorstandssitzungen von Sport- oder Schützenvereinen online statt. Auch der Verwaltung entsteht dadurch ein gewisser Druck, die Onlinedienste weiterzuentwickeln. Das wird vielleicht schon bald auch die Aufgabe von Marco Prietz sein. Der 32-Jährige ist bekanntermaßen der Landratskandidat der Kreisrotenburger CDU. Im Interview spricht er über seine Ideen und Zukunftsvisionen hinsichtlich der Digitalisierung der Kreisverwaltung.

Warum ist die Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung eigentlich so ein wichtiges Thema? Mit Papier und Bleistift ging das doch auch!

Die Digitalisierung der Verwaltung ist eine der zentralen Aufgaben für die Zukunft. Sie hat eigentlich schon mit Einführung der E-Mail begonnen, es fehlen allerdings immer noch viele rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen, um das Thema entscheidend voranzubringen. Ob, wie schnell und in welcher Qualität sie gelingt, wird entscheidend mitbestimmen, wie leistungsfähig und attraktiv der Landkreis auf Dauer nach innen und außen sein wird.

Woher kommt Ihrer Meinung nach der Druck für die Veränderung lang eingeschliffener Strukturen und Vorgänge?

Die meisten Kunden einer Kreisverwaltung sind heutzutage in ihrem Privatleben durch Apps auf dem Smartphone, den Online-Handel oder soziale Medien zum Beispiel Reaktionszeiten, Wege und Kommunikationsmittel gewohnt, die auch ihre Ansprüche an die öffentliche Verwaltung verändert haben. Wer das ganze Jahr einen gewissen Servicekomfort als Standard erlebt, hat an die eher seltenen Kontakte zum Rathaus oder Kreishaus zunehmend ähnliche Erwartungen. Bedient werden müssen allerdings unter anderem auch ältere Menschen sowie Menschen mit Handicap, die dem rasanten Tempo der Digitalisierung nicht oder nur teilweise folgen können. Wenn die Arbeit der Kreisverwaltung also bei der Öffentlichkeit auf Dauer auf eine hohe Akzeptanz stoßen soll, müssen ihre Dienstleistungen digital und serviceorientiert ausgerichtet werden.

Was bedeutet die Digitalisierung für die Mitarbeiter der Kreisverwaltung?

Ähnliches gilt für die Attraktivität als Arbeitgeber. Das größte Nadelöhr in Kommunalverwaltungen, um die immer komplexeren Projekte und Aufgaben erbringen zu können, ist der Fachkräftebedarf. Gerade in Berufen, in denen die Verwaltung mit privaten Arbeitgebern in Konkurrenz steht, wird es schwieriger, qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen. Aber auch bei den Verwaltungskräften gibt es mittlerweile einen flexiblen Arbeitsmarkt und eine gegenüber früher gesteigerte Bereitschaft zum Wechsel des Arbeitgebers. Deshalb ist es gerade für Nachwuchskräfte wichtig, beim Landkreis ein modernes und digitales Arbeitsumfeld vorzufinden, in dem sie sich selbst einbringen und mitgestalten können.

Wie tief greifend sollen die Vorgänge denn umgekrempelt werden?

Um Dienstleistungen erfolgreich elektronisch anbieten zu können, ist es wichtig, dass auch die dahinterliegenden Prozesse zuvor digitalisiert wurden. Außerdem sollten Medienbrüche unbedingt vermieden werden. Was nützt es, wenn ein Kunde eine PDF-Datei ausdrucken, von Hand ausfüllen und dann per Post ins Kreishaus senden kann, wenn dann dort ein Mitarbeiter die schriftlichen Unterlagen wiederum in den PC eingeben muss? Das spart gegenüber vorher kaum Ressourcen. Die öffentliche Hand arbeitet daher auf allen Ebenen daran, möglichst rein digitale Zugänge und Erreichbarkeiten sowie automatisierte Verknüpfungen zu den dahinterliegenden Softwareprogrammen zu schaffen, die Papier und Zeit sparen.

Wie soll das denn dann rein praktisch für die Bürger aussehen? Soll es eine zentrale Plattform geben, an die der Landkreis Rotenburg angeschlossen wird?

Intuitiv bedienbare Portallösungen als Zugang zu den Verwaltungsdienstleistungen sind dafür entscheidend. Aus Sicht der Menschen ist unerheblich, ob eine Landesbehörde, der Landkreis oder die Gemeinde gesetzlich zuständig ist. Die Kunden möchten auch nicht pro Dienstleistung einen separaten elektronischen Zugang beantragen und nutzen. Schon heute haben viele von uns mehr Benutzernamen und Passwörter, als wir uns überhaupt merken können. Von daher ist es wichtig, dass es Internetportale gibt, die als zentrale Anlaufstelle dienen und dann je nach Suchbegriff den Weg in Richtung der benötigten Dienstleistungen weisen.

Welche Dienstleistungen sollten vorrangig digital angeboten werden?

Aus meiner Sicht sollte man sich vor allem auf die Dienstleistungen konzentrieren, die besonders gut standardisiert bearbeitet werden können und häufig in Anspruch genommen werden. Zudem gibt es Bereiche, die für das Image einer Verwaltung prägenden Charakter haben. Dies betrifft bei Landkreisen beispielsweise die Kfz-Zulassungsstelle, die Führerscheinstelle, das Jobcenter oder das Bauamt. Ob Auto, Fahrerlaubnis, Arbeitsvermittlung oder Hausbau: Das sind Themen mit zum Teil existenzieller Bedeutung für die Menschen. Flankierend zu verstärkten elektronischen Angeboten und Prozessen würde ich mir hier auch verlässliche Servicegarantien für die Kunden wünschen, zum Beispiel mit Zusagen zu maximalen Warte- oder Bearbeitungszeiten.

Woran hakt es denn, das Internet gibt es ja nicht erst seit gestern?

Nach meiner Wahrnehmung krankt die Digitalisierung in Deutschland daran, dass es unter den 16 Bundesländern einen Flickenteppich an Anforderungen, Portalen, Softwarelösungen und Strategien gibt. Der Föderalismus und die kommunale Selbstverwaltung entfalten hier in Kombination eine eher bremsende Wirkung. Einzelne Landkreise und Gemeinden sind mit dem Thema für sich allein schnell überfordert, da es schwierig ist, ausreichend Fachkompetenz und Arbeitskapazitäten vor Ort bereitzustellen. Klare Vorgaben und Lösungen auf Landes- oder gar Bundesebene existieren jedoch vielfach immer noch nicht. Es geht daher nur gemeinsam.

Was bedeutet das konkret für unseren Landkreis?

Die Rotenburger Kreisverwaltung arbeitet derzeit mit den Gemeinden an der Umsetzung einer zentralen Portallösung für unseren Landkreis. Hier gilt es, spätestens nach einem Ende der Coronabeschränkungen das Tempo wieder zu erhöhen. Aktuell sind viele Mitarbeiter in den IT-Bereichen aber auch zusätzlich mit dem Aufrüstungsbedarf in den Schulen belastet, damit das Lernen von Zuhause in Pandemiezeiten gelingen kann.

Was soll sich ändern, falls der neue Chef im Kreishaus ab November Prietz heißt?

Ein wichtiger Schritt war die Einrichtung eines neuen Amtes für IT und Digitalisierung in der Kreisverwaltung vor rund einem Jahr. Dies wird der Bedeutung der Digitalisierung gerecht, kann aber noch nicht den Abschluss unserer Bemühungen bilden. Ich denke hier neben dem bereits laufenden Breitbandausbau auch an die Schließung der Versorgungslücken im Mobilfunk sowie eine verstärkte Nutzung moderner Kommunikationskanäle in Richtung der Bürgerinnen und Bürger. Als Kandidat für die Landratswahl am 12. September möchte ich die Digitalisierung im Kreishaus zur Chefsache machen und dem Thema hausintern höchste Priorität einräumen.

Welchen Onlinedienst haben sie eigentlich persönlich als letztes benutzt?

Instagram. Der Tourow hat dort auf der Seite der Nordpfade herrliche Fotos aus dem Tarmstedter Moor veröffentlicht und bekommt dafür viel Resonanz. Die Nordpfade sind mittlerweile auch dank der sozialen Medien tolle Botschafter für unseren schönen Landkreis.

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