Studie zeigt Auswirkungen der Pandemie

Der Einzelhandel denkt um

Blick in die hernstliche Rotenburger Innenstadt.
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Es gibt verschiedene Ideen, um die Rotenburger Innenstadt attraktiver zu gestalten, um sie so vor der Verödung und Leerstand zu retten.

Corona ist auch für den Handel ein Schlag ins Kontor - aber die Pandemie beschleunigt auch notwendige Prozesse zur Veränderung.

Rotenburg – Stand lange Zeit ein Sterben der Innenstädte zur Debatte, scheint mit der Corona-Pandemie ein Umdenken eingetreten zu sein. Ein Umdenken, das auch durchaus zu positiven Ergebnissen geführt hat, wie die achte Unternehmerkunden-Studie im Auftrag der Commerzbank hervorgebracht hat. „Viele Einzelhändler haben ihre Kreativität und Innovationskraft gesteigert oder neue Technologien genutzt“, erklärt Matthias Schmidt, unter anderem verantwortlich für die Unternehmerkunden in Rotenburg, im Pressegespräch über die Zukunft des Einzelhandels. Und auch die Stadt Rotenburg ist nicht untätig, hat sich erfolgreich für das Soforthilfeprogramm „Perspektive Innenstadt“ beworben, um mithilfe von 380 000 Euro die Attraktivität der Innenstadt zu steigern.

Für die Studie sind deutschlandweit Unternehmer vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos befragt worden, die einen Jahresumsatz bis 15 Millionen Euro erzielen. „Also keine Filialisten“, betont Schmidt. „Es geht um den Unternehmer vor Ort, den alteingesessenen Einzelhändler.“ Und nicht nur Commerzbank-Kunden, um ein repräsentatives Bild zu erhalten. Dabei gibt es interessante Ergebnisse aus der Metropolregion Bremen, zu der auch Rotenburg gehört – auch im Vergleich zum Deutschlandtrend. So gibt es zwar gut 40 Prozent Einbruch bei den Umsätzen, was aber angesichts zweier Lockdowns niemanden überrascht. Eine Existenzbedrohung sehen in der Region aber nur 13 Prozent – weniger als deutschlandweit.

Die meisten Einzelhändler konnten in der Krise auf Eigenkapital zurückgreifen. „Viele haben in den Jahren zuvor gut verdient“, weiß Schmidt. Das hat das Überleben gesichert. Andere haben staatliche Hilfen genutzt, aber vor allem das Instrument Kurzarbeit, um ihre Angestellten halten zu können. „Für die Angestellten war es natürlich eine Katastrophe, weniger Lohn zu haben“, merkt Schmidt an. Doch langfristig hat es geholfen, Arbeitsplätze zu sichern. Gelitten hat vor allem die Gastronomie, die immer noch um Personal kämpft.

Die größte Herausforderung für die Einzelhändler ist die rückläufige Kundenfrequenz nach der Wiedereröffnung, aber auch die Bürokratie hat einigen zu schaffen gemacht – wenn auch deutlich weniger Händlern als bundesweit. „Mit der Umsetzung der Hygieneregeln kämpfen heute noch alle“, sagt Schmidt. In der Krise hat sich aber eine Sache deutlich gezeigt: Solidarität derjenigen, die verstärkt lokal einkaufen – wenngleich nicht wenige auf Onlineversand umgestiegen sind.

Besser als gedacht bewertet Matthias Schmidt die Ergebnisse.

Dennoch legen viele Wert auf persönliche Beratung und regionale Produkte. Insgesamt hat sich das Einkaufs- und Konsumverhalten aber gewandelt. „Das Verhalten der Kunden hat sich diversifiziert und der Unternehmer muss sich darauf einstellen“, erklärt Schmidt. Das ist eine Herausforderung und nicht immer einfach. Die Einzelhändler waren gezwungen, neue Wege zu finden, haben sich teils selbst neu erfunden, ihre Vermarktungswege erweitert. Angebote wie Click & Collect, Online-Beratungen, aber auch die Nutzung neuer Vertriebs- und Marketingwege über Social-Media-Kanäle. Sie waren dazu gezwungen, „doch manchmal braucht es auch den Anschub“, so Schmidt, der dann auch der Krise positive Seiten mithilfe der Studie abgewinnen kann. Denn mehr als 80 Prozent der Einzelhändler blicken trotz allem optimistisch in die Zukunft. „Wir durchleben eine riesen Krise, sehen aber auch, was möglich ist.“

Und Solidarität zeigt sich auch an anderen Stellen: Wie an vielen Orten gab es auch im Rotenburger Raum Absprachen unter Mietern und Vermietern, wenn Umsätze fehlten. Manche mussten zeitweise weniger oder mitunter gar keine Miete zahlen. Das sei gerade im ländlichen Raum oft einfacher, da man sich kennt. In Bremen beispielsweise ist der Leerstand deutlich größer geworden. Da müsse man gegensteuern, bevor ein „Flächenbrand“ entsteht, wie es Pressesprecherin Dagmar Baier formuliert.

Dinge wie Kreativität oder Solidarität müssen sich jetzt nur nachhaltig durchsetzen, dann ist es eine Chance, sagt Baier. Impulse mitnehmen, sie nennt es „auf den fahrenden Zug aufspringen“. Positives Beispiel sind Zusammenschlüsse wie vor Ort die IG Citymarketing, die es aber auch schon vor Corona gab. „Es passiert was, wenn alle an einem Strang ziehen“, so Schmidt.

Fortschreibung des Einzelhandelskonzepts

Das erfordert auch Investitionen, wie sie die Stadt Rotenburg zum Beispiel mithilfe des Förderprogramms ermöglichen kann. Dort ist der erste Schritt jetzt die längst überfällige Fortschreibung des Einzelhandelskonzepts. Der Auftrag ist bereits an die GMA, die Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung, vergeben, teilt Stadtplaner Clemens Bumann auf Nachfrage mit. Die GMA kennt den Landkreis, hat sie doch auch schon in Visselhövede und Scheeßel mitgewirkt.

So soll jetzt erstmal bis Ende Dezember eine „Datenlage zusammengestellt werden“, nennt es Bumann. Will heißen: Informationen über die Kaufkraft vor Ort, die Flächen und die Sortimente. Für Mitte Januar plant er ein Treffen mit allen Innenstadt-Akteuren vor Ort, die auch eigene Vorschläge dann gerne noch mit einbringen können. Im Frühjahr folgen dann außerdem eine Passantenbefragung und -frequenzmessung sowie eine Online-Befragung, um herauszufinden, woher die Leute kommen, was sie kaufen und was ihnen fehlt. Anschließend kann das Konzept dann zur Beschlussfassung in den Rat.

Ohnehin müssen für das Förderprogramm alle Anträge bis zum 30. Juni 2022 gestellt sein – „eine ehrgeizige Herausforderung“, sagt Erste Stadträtin Bernadette Nadermann. Denn die Bewerbung mit den Ideen um die Fördermittel musste so kurzfristig raus, dass jetzt erst konkrete Anträge formuliert und gestellt werden können.

Die Stadt kann sich aber auch beteiligen, indem sie mit als Veranstalter auftritt, um Aktionen wie das „Krimi & Shopping“ mit auf die Beine zu stellen – und so den lokalen Einzelhandel unterstützt. Denn große Veranstaltungen können allein ehrenamtlich nicht mehr gestemmt werden – schon aus Haftungsgründen.

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