Der Tag nach der Bürgermeisterwahl: Einen Plan B hat Frank Holle nicht

Der Gewinner diskutiert,
der Verlierer bügelt

Torsten Oestmann (l.) zeigt, wo es künftig langgeht. Rechts im Bild: Frank Holle.
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Torsten Oestmann (l.) zeigt, wo es künftig langgeht.

Rotenburg – Straßengespräch zweier Männer am Morgen nach der Kommunalwahl: „Politik ist die hohe Kunst der Gaunerei“, schimpft einer der beiden. Ob diese älteren Herren am Tag zuvor ihre Stimmen in der Kreisstadt abgegeben haben, ist dieser Diskussion nicht zu entnehmen. Nur so viel ist klar: Die Wahlbeteiligung in Rotenburg ist schwach – gerade einmal etwas mehr als die Hälfte aller Wahlberechtigten hat ihre Kreuze gemacht.

Doch diese Stimmen haben für eine Überraschung gesorgt. Aus dem erwarteten knappen Rennen von Frank Holle und Torsten Oestmann ist am Ende ein klarer Wahlerfolg für den Leiter der Rotenburger Polizeiinspektion geworden. Oestmann gewinnt mit einer Zweidrittelmehrheit – für Holle bleibt immerhin ein Ratsmandat. Als Kandidat auf dem Listenplatz 1 der CDU holt er 1 966 Stimmen. So viel wie kein anderer Kandidat. Nimmt er das Ratsmandat an? „Das kann ich auch heute noch nicht sagen“, so Holle an diesem Tag danach. Nur vier Stunden habe er geschlafen in der Nacht. Den freien Tag nutzt er zum Durchatmen, Auftanken und „Hemden bügeln“.

Die Suche nach einer Erklärung für diese eindeutige Niederlage sei nicht leicht, werde aber auf jeden Fall in seinem Team ein Thema sein. „Es gibt nichts, was ich in einem Wahlkampf nun anders machen würde. Nichts ist schief gelaufen.“ Holle erkennt aber dies: Unabhängigkeit von Kandidaten „scheint ein neuer Trend zu sein“. Wer aber Kandidaten mit Parteibuch diese Unabhängigkeit abspricht, „ist auf dem Holzweg“. Dennoch: Dieser Trend mache es immer schwerer für die Parteien. „Da habe ich auch keine Patentlösung.“ Ein weiterer Punkt, der ins Gewicht gefallen sein könnte, sei die Tatsache, dass er kein Rotenburger ist, sondern von Tarmstedt aus in die Kreisstadt wechseln wollte. Holle: „An meiner Qualifikation kann es nicht gelegen haben.“

Die ist nun Grundlage für die berufliche Zukunft. „Bange ist mir nicht“, sagt Holle, „aber ich wäre natürlich lieber Bürgermeister geworden.“ Die berufliche Orientierung wird am Ende auch die Frage mit beantworten, ob der Jurist sein Mandat im Stadtrat annimmt, erklärt er. Dass sich die Niederlage nicht gut anfühlt, muss nicht besonders betont werden. Holle aber sei froh darüber, dass es am Ende eben nicht so knapp geworden ist, wie es erwartet worden war. „Diese Klarheit ist besser.“ Gut getan habe der Empfang für ihn in der „Harmonie“: „Es gab lang anhaltenden Applaus. Das tat gut, aber war auch sehr emotional. Traurig ist das alles auch für mein Team – es wurde nicht belohnt.“ Wann aber war für ihn klar, dass es nicht klappen sollte? „Als ich das Ergebnis aus Borchel erfahren habe.“ Aus der kleinen Rotenburger CDU-Hochburg also, die stets als erstes ausgezählt ist. So oder so: „Ich gehe mit erhobenem Haupt aus der Geschichte.“

Torsten Oestmann hat seinen Sieg am Montag „so halbwegs sacken lassen können“. Er sitzt in der Mittagszeit im Büro von Bürgermeister Andreas Weber. Mit am Tisch die Erste Stadträtin Bernadette Nadermann und der Hauptamtsleiter Uwe Radtke. Auch im Info-Büro schaut er vorbei. „Ich realisiere es so langsam“, stellt Oestmann am Nachmittag fest. Dabei unterstreicht er, an dem festhalten zu wollen, was er auch schon im Wahlkampf erklärt hatte: Er will Vorschläge in die Politik einbringen, von denen er überzeugt ist. Am Ende dann sind demokratisch gefasste Beschlüsse zu akzeptieren und umzusetzen.

Oestmann hofft dabei, eine neue Sachlichkeit in den Rat einziehen lassen zu können – als Basis für eine ebenso sachliche Zusammenarbeit. „Wer mich kennenlernt weiß, ich habe ein offenes Visier, bin ehrlich und gerade aus.“ In diesem Zusammenhang hofft er auf Gegenseitigkeit.

Am Tag nach der Wahl hat sich der überraschend klare Wahlerfolg schnell herumgesprochen. Auf dem Handy des noch amtierenden Polizeichefs sind unzählige Anrufe und Nachrichten eingegangen. „Ich habe es noch gar nicht geschafft, sie alle zu beantworten“, sagt er. Schließlich macht sich der 57-Jährige am Montag nicht nur auf den Weg ins Rathaus, sondern er sammelt auch einen großen Teil seiner 200 Wahlplakate an 100 Standorten ein – „zumindest die, die ich so erreiche“. Für viele Plakate indes braucht es eine lange Leiter. Oestmann hofft auch nach der Wahl um Unterstützung der Parteien, die sich für ihn stark gemacht haben.

Beate und Torsten Oestmann warten auf das Endergebnis.

Während dieser Arbeit ein Erlebnis, das Oestmann richtig gut gefällt: „Als ich ein Plakat vor dem Ratsgymnasium entfernt habe, öffnete sich ein Fenster – im Raum saß ein Politik-Leistungskurs.“ Es kommt zu einem Gespräch, nicht nur mit der Lehrerin, sondern auch mit den jungen Leuten. „Das ist es, was ich will, denn mit 57 Jahren kann ich nicht wissen, welche Wünsche und Vorstellungen die 17-Jährigen haben.“ Dafür bedarf es Gespräche – und genau die wolle er suchen. Oestmann will in die Schulen gehen, nachfragen, diskutieren und erfahren, worum es der Jugend in Rotenburg geht. Er setzt auf Beteiligung, dabei muss es nicht gleich ein Jugendparlament sein. „Da gibt es viele verschiedene Möglichkeiten.“

Als Oestmanns Wahlerfolg unter Dach und Fach war am Sonntagabend, trat Frank Holle in Richtung Eismanufaktur an, wo Oestmann mit vielen Unterstützern aus SPD, Grünen und Volt mit einem Sekt anstieß. Holle gratulierte, und dann tranken die beiden Männer, die im Wahlkampf alle viel Kraft und Zeit investiert hatten, gemeinsam ein Bier. „Eine große Geste“, findet Oestmann. Es ist der Abschluss einer langen Zeit unter dem Vorzeichen eines Wahlkampfes. Wie hat das Bier geschmeckt? „Gut“, sagt Frank Holle. Ein Frustbier? „Nein, das hatte ich schon vorher.“ Oestmann, der künftige Bürgermeister in Rotenburg, sieht auch das wesentlich lockerer: „An diesem Abend hat mir fast alles geschmeckt.“ Das ist der Unterschied zwischen Gewinnern und Verlierern.

Am Montag hängt Torsten Oestmann also Plakate ab und diskutiert mit Schülern, Frank Holle bügelt seine Hemden. Dienstag sitzt er nämlich wieder in seinem Büro im Tarmstedter Rathaus. Ende Oktober ist dort dann Feierabend für ihn. Einen Plan B hat er nicht, aber er ist sich sicher, mit seiner Erfahrung wieder einen guten Job zu finden. Der Politik wolle er nicht den Rücken kehren. Ob er in Rotenburg am Ball bleibt, muss die Zukunft zeigen.

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