Serie: 60 Minuten

Der besondere Blick: Unterwegs mit dem Fotoclub Creative Rotenburg

Auch eine einfache Pfütze kann einen ganz neuen Blick auf Rotenburg freigeben.
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Auch eine einfache Pfütze kann einen ganz neuen Blick auf Rotenburg freigeben.

Rotenburg – Pfützen, Pflaster, Mülltonnen von oben – die Motive, die Heinz Behrendt und Jutta Frenzel vor die Linse nehmen, entsprechen nicht gerade den typischen Motiven der Rotenburger Innenstadt. An diesem Vormittag haben sie sich getroffen, um den von Christiane Rülicke ersonnenen und von Behrendt als einer der „ältesten Hasen“ des Rotenburger Fotoclubs Creative geleiteten Fotowalks schon mal „probezugehen“.

Statt der zwei bis zweieinhalb Stunden, die die Fotowalk-Teilnehmer anlässlich des Fotowettbewerbs des Bezirks Elbe-Weser-Ems (EWE) des Deutschen Verbandes für Fotografie absolvieren, begleiten wir Frenzel und Behrendt 60 Minuten – so lang braucht es, um die Fußgängerzone zwischen Neuem und Pferdemarkt zu durchqueren.

„Eigentlich ist es das richtige Wetter für Blumen“, meint Behrendt, der mit Käppi und Blouson seine Grundeinstellung als Optimist angesichts dunkler Wolken untermauert: „Licht tötet Farben.“ Es soll nicht die letzte Fotoweisheit sein, die er aus seinem rund 40-jährigen Erfahrungsschatz mit der Landschafts- und Architekturfotografie preisgibt. Sehr zur Freude von Jutta Frenzel, die erst seit einigen Jahren dabei ist und jeden Tipp dankbar aufnimmt. Heute haben beide nur eine Kamera samt Universalobjektiv dabei; sonst kann das Equipment leicht schon mal einen Rucksack oder Rollkoffer ausmachen.

Jutta Frenzel und Heinz Behrendt prüfen die Optik vor der „Meinungsfreiheit“ von Amir Omerovic.

Erster Halt ist der Goertz-Brunnen. Doch statt das umstrittene Kunstwerk in Szene zu setzen, hat der Pensionär Muster in der Pflasterung entdeckt. Nicht zum letzten Mal in dieser Stunde lässt er das Offensichtliche links liegen, um Details einzufangen, die mit dem Telezoom kaum mehr als das zu erkennen sind, was sie sind: Ecken von Fachwerkhäusern, Spiegelungen der Häuserfassaden in Pfützen, der Tisch mit vier Stühlen von oben vor der Bäckerei. Und mehr als einmal ernten die beiden die neugierigen Blicke der Passanten. „War die schon immer hier?“, meint eine ältere Dame angesichts der Litfasssäule vor dem Plakatfetzen der Café Marlene, deren Plakatfetzen Behrendt abstrakt in Szene setzt. „Seht ihr“, ruft er begeistert, während er der Dame das Foto auf seinem Kamera-Monitor zeigt, „die meisten Menschen sehen in ihrem täglichen Umfeld gar nicht mehr richtig hin!“

Frenzel schleicht derweil um eine Bank herum, auf deren Sitzfläche sich eine Pfütze gebildet hat. Ein paar Schritte nach links, nach rechts, der passende Bildausschnitt („Weniger ist mehr!“, mahnt der Profi im Hintergrund) – die Perspektive macht den Unterschied. Das Gespräch der beiden, eben noch beim neuen Lieblingsobjektiv der Jeersdorferin, dem fruchtlosen Ausflug morgens um 4 Uhr in die Heide zum Totengrund und den Urlaubsfotos des Rotenburgers vom Segelfliegen, driftet ins Philosophische: Kleiner, größer sein – beim Fotografieren wie im Leben können schon wenige Zentimeter Körpergröße einen entscheidenden Unterschied machen.

Nur ein Baustellenzaun? So hässlich das alte Postgebäude war, so spannend ist das neue Projekt jetzt schon.

Weiter geht es zum Kunstwerk „Meinungsfreiheit“ von Amir Omerovic vor dem Pressehaus. Als Frenzel ihrem Foto-Tutor ihren Monitor zeigt, lobt er: „Schön!“ Da sind Fachbegriffe wie die Filmempfindlichkeit ISO, der „Goldene Schnitt“ für den Bildaufbau und die Freiheit, die ein Bild braucht, um der anschließenden Bearbeitung standzuhalten, längst abgehandelt. Die Schulung des Auges: Bei Frenzel zeigen die gemeinsamen Fotospaziergänge bereits veritable Erfolge. Nicht immer ist die Wahrnehmung der Motive gleich.

Hinter der Skulptur „Paar-o-die“ fotografiert Frenzel ein vom Künstler in der Wand verstecktes Vögelchen, Behrendt hat es die Form eines Wasserflecks auf der strukturierten Wand angetan. Bei dem halb hinter dem Bauzaun versteckten entkernten ehemaligen Postgebäude zückt die Mutter, begeistert von „Lost Places“, die Kamera. Behrendt ist eher verhalten: „Da spricht mich erstmal nichts an“, meint er, um nach näherem Blick doch ein paar Details zum Ablichten zu finden. Weiter geht der Weg, vorbei an der glänzenden Halbkugel, auf der Kinder herumtollen. Die beiden lassen die Deckel auf den Objektiven: Menschen auf den Fotos, die vielleicht später öffentlich bei Ausstellungen (wie die von Behrendt im Kantor-Helmke-Haus) oder Fotowettbewerben gezeigt werden: geht gar nicht.

Die Brunnenplastik „Paar-oh-die“ am Neuen Markt ist umstritten – bietet aber interessante Perspektiven.

Ebenso wie die farblich reizvollen Woolworth-Pfeiler, zwischen denen die Verkaufsständer mit Textilien Behrendt stören: „Gut, dass der Walk an einem Sonntag ist“, konstatiert er. Die 60 Minuten enden mit einem Einkehrschwung im Cafésito – diesen Luxus haben die Teilnehmer des offiziellen Fotowalks am Sonntag darauf nicht, für sie geht es weiter über das Heimathaus über die Goethestraße bis zum Kantor-Helmke-Haus zur Preisverleihung des Bezirkswettbewerbs des Deutschen Verbandes für Fotografie.

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