Denkanstöße vom Plappermaul aus Silikon

Werner Momsen führt im Heimathaus norddeutsche und andere Befindlichkeiten vor

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Die immense Bühnenpräsenz des Protagonisten Werner Momsen ließ den in Schwarz gekleideten Puppenspieler Detlef Wutschik vergessen.

Rotenburg - Wie kann es sein, dass ein kleiner, dicklicher Mann mit Knollennase, Silberblick und mehr als schütterem Haupthaar im braunen Rentnerlook, noch dazu aus Silikon und einem Sesamstraßen-Klappmund ausgestattet, rund 200 Zuschauer zwei Stunden lang in einer One-Man-Show in seinen Bann zieht? Des Rätsels Lösung heißt Detlef Wutschik, ist in Schwarz gehüllt und steht am Mittwochabend im Rotenburger Heimathaus wenige Zentimeter hinter seinem Alter Ego Werner Momsen, dem der Puppenspieler Stimme und Gestik verleiht.

Und das erstaunlich ausdrucksstark, wenn man bedenkt, dass außer einem Arm und den Beinen nur der Mund des schrägen Plappersacks zu bewegen ist, der auch dank zahlreicher Auftritte im NDR einige Berühmtheit erlangt hat. Die kultige Figur aus dem hohen Norden darf, was echten Menschen die gute Erziehung verbietet: genüsslich über die Stereotype von Männern im Baumarkt-Himmel und Botox-gelifteten Frauen oder sportboßelnden, schweigsamen Norddeutschen herziehen. Er arbeitet sich an Kreuzfahrern im Fresskoma ab, an Rollatorenrallyes mit tiefergelegten Alufelgen, über „Weihnachtsdekos in Vorgärten, die von Piloten für Landebahnen gehalten werden“ oder den „Selfie- und Arschiwahn“.

Mit dünner Altherrenstimme singt er schmalzige Seemannlieder, macht sich Gedanken über die eigene Kompostierbarkeit. Aber auch gesellschaftskritisch fallen einige der Gedankenexperimente aus, etwa, wenn er den Umgang mit Behinderten oder Begrifflichkeiten wie „an den Rollstuhl gefesselt“ hinterfragt.

Dabei erhebt sich der hintersinnige abgebrochene Meter niemals über die Menschen – die präzisen und gern überhöhten Alltagsbeobachtungen sind nur selten unter der Gürtellinie; „hier müssen Sie nicht mitmachen“, versichert Momsen gleich zu Anfang der erleichterten ersten Reihe.

Mit dem rund sechsten Veranstaltungsabend der Kulturinitiative Rotenburg in drei Wochen geht ein „heftiger Kulturmonat“ zu Ende, wie Uwe Goldschmidt zugibt: „Einige Konzerte wie das von Maybebop waren lang im Voraus geplant, andere wie der Folkabend haben sich relativ kurzfristig ergeben“, erklärt der Vorsitzende das Mammutprogramm. Dieser Abend ist auch ein Dankeschön an die Sponsoren, die unter anderem das momentan in der Diskussion befindliche Format La Strada ermöglicht hatten. Doch auch viele Fans haben sich eingefunden. Eine Sechsergruppe aus Scheeßel, die den Entertainer dieses Jahr schon zwei Mal bei Kurzauftritten erlebt hat, ist auch vom abendfüllenden Programm überzeugt: „Einfach klasse“, so das Fazit.

Auch Wutschik selbst ist mit dem Auftritt im Heimathaus zufrieden; das Programm mit dem „Hamburger Dröhn“ funktioniere aber auch in Bayern: „Jeder kennt mindestens einen Norddeutschen und kann sich über die Stereotype amüsieren“, hat der Hamburger festgestellt. Am Ende ist es die Mischung aus losem Mundwerk, hintergründigen Denkanstößen („Helfen die Facebook-Freunde beim Umzug?“) und einigen Zoten, die das Publikum verzücken und die offensichtliche Präsenz des Vermummten hinter der Plapperpuppe vergessen lassen. hey

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