Vokalensemble Seicento vocale berührt in der Stadtkirche

Mit Demut in der Stimme

Festliche Prachtentfaltung frühbarocker Kirchenmusik mit dem Vokalensemble „Seicento vocale“. Foto: Pröhl

Rotenburg - Von Henrik Pröhl. „Eines Tages zu meiner Beerdigung diese Musik aus dem Himmel hören zu können, wäre ein großartiger Trost.“ Mit diesen nachdenklichen Worten begrüßt Kantor Simon Schumacher seine Zuhörer zur Musik am Ersten an diesem trüb-verregneten 1. November in der Stadtkirche. Was den jungen Kirchenmusiker zu diesen vielleicht etwas kuriosen Worten motiviert, ist das Konzertprogramm. „Musikalische Exequien“ von Heinrich Schütz und Johann Hermann Scheins „Israelsbrünnlein“ werden zu Gehör gebracht. Passenderes hätte für diesen Monat nicht gewählt werden können.

Und mit dem Vokalensemble Seicento vocale nehmen Profis die Sache in die Hand beziehungsweise in den Mund, die sich auf Musik des Frühbarock spezialisiert haben. So bauen sich 19 junge Sänger sowie Orgel, Laute und Cello als Basso continuo vor dem Altarraum auf und zeigen unter der Leitung ihres Dirigenten Jan Croonenbroeck durchgehend klanglich präzise Intonation.

Bereits beim Auftakt der Schützschen Exequien mit „Nacket bin ich von Mutterleibe kommen“ wird allzu deutlich, dass es ernst wird. Schließlich sind diese Gesänge im Rahmen der lutherischen Trauermesse als Musik zur Beisetzung entstanden, ist von „Leichenbegängnis“ die Rede. Berücksichtigt man das musikalische Entstehungsjahr 1636, wird entsetzlicher Kontext deutlich: Seit 18 Jahren tobt der Dreißigjährige Krieg in Deutschland.

Heinrich Schütz bedient sich Themen dieser Zeit, komponiert nach Worten des Alten und Neuen Testaments über Elend und Verlust, aber auch Hoffnung auf Erlösung. Das geschieht in dialogischer Form, Solo-Passagen werden vom Chor abgelöst und umgekehrt, kerniger Gesang springt im Vokalensemble sicht- und hörbar umher.

Johann Hermann Scheins geistliche Madrigal-Sammlung „Israelsbrünnlein“ ertönt im Wechsel mit Schütz. Selbe Epoche, gleicher geschichtlicher Hintergrund, ähnliche Musik. Wie hält man die Burschen auseinander? Karl-Heinz Voßmeier erläutert: „Schein ist konstruierter, schwieriger, während Schütz süffig ins Ohr geht.“ Da muss der Laie schon genau hinhören. Und tatsächlich, Schütz geht „Seicente vocale“ etwas leichter von der Hand in den Mund, während Schein offenbar größere Herausforderungen stellt, die insbesondere den hohen Sopranstimmen an die Substanz geht.

Chorleiter Jan Croonenbroeck weiß sein Ensemble verantwortungsvoll zu führen, zeigt mit schlicht-impulsivem Dirigat, wo es langgeht. Nach und nach scheint das Publikum, das ganze Kirchenschiff in einer Epoche abgetaucht zu sein, alles ist Prachtentfaltung frühbarocken Klanges. An mancher Textstelle der Exequien wird Menschen-Not hörbar, wenn es heißt: „Ach, wie elend ist unser Zeit allhier auf dieser Erden.“ Doch es gibt auch lichte Momente voller Strahlkraft. Johann Hermann Scheins „Siehe, nach Trost war mir sehr bange“ gerät lautmalerisch und sehnsuchtsvoll, aus tiefer Frömmigkeit ans Licht gehoben. Dieser 400 Jahre alte Gesang ist theatralisch, bedient sich schmerzhafter Chromatik und wird durch Seicento vocale mit Demut gesungen und geradezu lebendig.

Am Ende wagt man kaum zu applaudieren, bis sich doch Ovationen bis zur Zugabe freiklatschen. „Ich bin schon öfter dabei gewesen, und es berührt mich jedes Mal“, sagt ein junger Mann, der den Chor als Koch auf Reisen begleitet. Essen hält also Leib, Seele und wohl auch Stimme zusammen. Ein erfahrener Sänger aus dem Publikum: „Ich bin gerührt, habe diesen Schütz selber schon sechsmal gesungen.“ „Traumhaft“, heißt es hier. „Unglaublich“, entfährt es einem Zuhörer dort. „Wie im Himmel“, schwärmt eine Sängerin aus der Kantorei. Wie ging es dem Dirigenten? „Es ist total angenehm, hier zu singen. Das aufmerksame Publikum hat uns Energie gegeben.“ Und so gehen aufmerksame Zuhörer berührt vom Gehörten in den trüben November-Abend hinaus.

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