Protestzug gegen Corona-Maßnahmen und Gegen-Demo

Lautstarker „Spaziergang“ durch Rotenburg

Der Protestzug wird von der Polizei begleitet.
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Der Protestzug wird von der Polizei begleitet.

Rotenburg – „Weg mit der Diktatur. Keine Zwangsimpfung. Schluss mit den Beschränkungen!“ Die Parolen sind zwar bekannt, aber dennoch locken sie am Samstagnachmittag rund 500 Menschen auf den Rotenburger Pferdemarkt, um mittels einer Kundgebung und eines „großen Spaziergangs für Frieden und Selbstbestimmung“ gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren.

Veranstalter Peter Flöter und Peter Spehling nennen ihren Marsch quer durch die Fußgängerzone und durch den Norden der Wümmestadt so. Die merkwürdige Mischung aus Mitgliedern der Freien Linken, tanzenden Esoterikerinnen, Omas und Opas in Regenmänteln, jungen Männern in Tarnjacken, Mütter von Kindergartenkindern und Gruppen von Frauen in langen Wollgewändern mit bärtigen Männern an ihrer Seite, die Rücksäcke mit alten Germanen drauf tragen, klatscht begeistert, als eine Frau am Mikrofon das Lied „Die Gedanken sind frei“ anstimmt.

Die Teilnehmer des Umzugs der Impfgegner werden am Neuen Markt von etwa 150 Gegendemonstranten ausgebuht. Mit selbst gebastelten Aluhüten werden die Maßnahmengegner verhöhnt.

Derweil entrollen gut 150 überwiegend junge, aber auch ein paar ältere Leute, fast alle mit Mund- und Nasenschutz, auf dem Neuen Markt auf der anderen Seite der Einkaufsstraße große Transparente aus. Darauf stehen Sprüche wie „Nazis raus“ oder „Rote Linie gegen die Nationale Befreiungsbewegung“. Sie greifen zu Trommeln und Trillerpfeifen, um den Impfgegnern einen lautstarken Empfang zu bereiten.

Die marschieren ohne Schutzmasken in Begleitung von mehreren Dutzend Polizisten um kurz nach 15 Uhr los, nachdem Spehling sich über die „manipulierte Wahrheit in der Berichterstattung der deutschen Medien“ beklagt hat. Seine Gesinnungsgenossen halten ihre Plakate hoch und die Schäferhunde an der kurzen Leine. Nazisymbole oder Reichskriegsflaggen sind nicht zu sehen. „Wir sind auch keine Rechten“, sagt Flöter.

Das sieht das Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus Rotenburg“ ein paar hundert Meter weiter aber ganz anders: „Mit Slogans wie ,das System muss weg‘ zeigen sie ihre antidemokratische Einstellung“, heißt es in den Reihen der überwiegend schwarz gekleideten jungen Leute, die aber auch ein paar kreative Köpfe dabei haben, die mit selbst gebastelten Aluhüten den Tross der Impfgegner verhöhnen wollen.

Gegen 15.20 Uhr treffen beide Gruppen auf dem Neuen Markt unmittelbar aufeinander – allerdings in einem Abstand von rund 20 Metern. Für den sorgt die Polizei mit starken Kräften und ebenfalls ein paar Hunden. Es kommt zu verbalen Attacken, Beleidigungen und Pfeifkonzerten. Auf beiden Seiten werden Handys gezückt, um sich gegenseitig zu filmen und zu fotografieren.

Die Gegner der Corona-Maßnahmen auf dem Weg zum Neuen Markt.

Während die Maßnahmengegner nach links in die Glockengießerstraßen abbiegen, werden die Gegendemonstranten in Richtung Harburger Straße geleitet. An der Kreuzung am Wümmepark ist Schluss. „Bis hierhin und nicht weiter“, sagt der Polizeichef, während seine Kollegen den Verkehr regeln müssen. Denn der quält sich auch noch durch das Nadelöhr. Minuten später kommen Impfgegner aus dem Waldweg. Die Transparente sind durch den mittlerweile stärkeren Regen teilweise aufgeweicht und die Protestlieder klingen bei drei Grad auch nicht mehr ganz so laut.

Als die beiden Gruppen sich mit etwas geringerem Abstand als vorher begegnen, hagelt es wieder gegenseitige Beschimpfungen und Fäuste werden geballt. Eine Einheit der Bereitschaftspolizei bildet eine Kette, um die Lage in der Dämmerung nicht eskalieren zu lassen.

Peter Flöter stimmt auf den „Spaziergang“ ein.

Als die Systemkritiker weiter in Richtung Brockeler Straße gehen, erklärt Stefan Klingbeil, Sprecher des Bündnisses gegen Rassismus, seine Veranstaltung für beendet. „Rotenburg hat ein deutliches Zeichen gegen Reichsbürger und Verschwörungsmythen gesetzt“, sagt er.

Währendessen verliert sich der „große Spaziergang“ in der Dunkelheit, um irgendwann wieder auf dem Pferdemarkt zu den Abschlussreden einzutreffen. Gegen 18 Uhr meldet Polizeisprecher Heiner van der Werp: „Wir hatten uns mit ausreichenden Einsatzkräften auf dieses aus den vergangenen Monaten bekannte Demonstrationsgeschehen vorbereitet. Es kam zwar noch zu kleinen Schubsereien, aber insgesamt blieb die Lage friedlich.“

Marsch von Feinden der Freiheit

Ein Kommentar von Jens Wieters

Der Begriff Querdenken war für mich bisher immer positiv besetzt. Über den Tellerrand zu schauen, schadet nicht. Jetzt ist das Lager der Querdenker aber voll von Verschwörungstheoretikern und sonstigen Verstrahlten. Voll von Menschen, denen man nicht zugetraut hätte, dass sie so abstruse Ansichten teilen. Sie glauben, dass die Pandemie eine Erfindung der Regierenden ist, um die Taschen der Pharmakonzerne zu füllen, und dass Politiker und Medien mit Pfizer und Co. unter einer Decke stecken.

„Ich lass mir kein Gift spritzen“, sagt am Samstag ein Kettenraucher, aus dessen Rucksack die Impfgegner-Hitparade dröhnt, und öffnet die dritte Dose Bier. Passt irgendwie nicht!

„Wir sind keine Rechten“, betont der Organisator. Er lässt aber zu, dass ein Ex-Pastor, der nach Rechtsaußen gewechselt ist und aus seinen Reichsbürgeransichten keinen Hehl macht, in der ersten Reihe steht und lauthals selbst gedichteten Unsinn singt. Passt erst recht nicht!

„Wir wollen keine Diktatur“, brüllt die seltsame Mischung der Demonstranten. Dabei sind sie es, die 80 Prozent der Deutschen ihren Stempel aufdrücken. Die Gruppe, die den Ernst der Pandemie herunterspielt, ist nämlich die Minderheit, die die Mehrheit regiert. Weil es die Ungeimpften sind, die die Intensivstationen verstopfen, einen erneuten Lockdown und Kontaktbeschränkungen provozieren und damit die Freiheit aller drastisch einschränken. Passt überhaupt nicht!

Ich bin kein Freund von Verboten und auch Demos mit zweifelhaften Zielen muss eine Demokratie aushalten, aber wenn der Marsch der Verirrten, die ein Mindestmaß an Solidarität mit der Gesellschaft vermissen lassen und maskenlos und ohne Abstand – nicht nur bei der Demo – die Gesundheit anderer gefährden, dann ist Schluss mit lustig. Hoffentlich schauen sie bald genauer in den Spiegel, um zu erkennen, wer wirklich die Feinde der Freiheit sind.

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