Debatte wegen NS-Vergangenheit

Straßennamen: Stadt ergänzt Angabenzu den Namensgebern

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Der Dr.-Walter-Mecke-Damm wird wohl ebenso wie die Buhrfeindstraße seinen Namen behalten. Allerdings sollen die Informationen zum Namensgeber eränzt werden. 

Rotenburg -  Von Michael Krüger und Guido Menker. Wie soll die Stadt Rotenburg auf die durch wissenschaftliche Arbeiten stärker in den Fokus gerückte, fragwürdige Vergangenheit von Namensgebern für Straßen umgehen? Müssen die Buhrfeindstraße und der Dr.-Walter-Mecke-Damm umbenannt werden, weil beide während der Zeit des Nationalsozialismus eine deutliche, kritische Distanz zum System vermissen ließen oder sogar von der Politik profitierten? Mit diesen Fragen beschäftigen sich aktuell Politik und Verwaltung. Die ersten Antworten machen vor allem eins deutlich: Es braucht mehr Aufklärung.

Der Bochumer Historiker Dr. Uwe Kaminsky hatte die Zeit von der Gründung des Mutterhauses bis zur Trennung der Personalunion in der Leitung der beiden Einrichtungen Diakonissen-Mutterhaus und Rotenburger Anstalten in der Zeit von 1905 bis 1955 betrachtet, im Speziellen die Rolle von Pastor Johannes Buhrfeind, der die Rotenburger Werke und das Diakonieklinikum von 1903 bis 1942 geleitet hatte. Fazit nach seiner Studie und einer öffentlichen Debatte Anfang des Jahres: Buhrfeind war „ein Mitläufer“ wie viele andere, und anstatt Buhrfeindsaal und Buhrfeindhaus umzubenennen, wird das Mutterhaus nun eine aktive Erinnerungskultur vorantreiben.

Am Donnerstagabend musste sich der Stadtrat mit Buhrfeind beschäftigen. Die Stadt, für die Benennung von Straßen zuständig, solle doch über die Buhrfeindstraße nachdenken, so die Petition von Hermann Fricke aus Hann. Münden, der sich auch schon in die Namensdebatte um die Lent-Kaserne eingeschaltet hatte. Zustimmendes Nicken gab es in weiten Teilen des Stadtrates, als der Vorsitzende Hartmut Leefers (CDU) und Bürgermeister Andreas Weber (SPD) von sehr bewegenden und nachdenklich stimmenden Worten sprachen. Joachim Hickisch von den Grünen war zuvor ans Rednerpult gegangen, um für seine Fraktion klarzustellen, dass sie für eine Änderung des Namens der Buhrfeindstraße plädiert. Hickisch hatte auch eine Alternative parat: Aus der Buhrfeindstraße sollte die Erich-Paulicke-Straße werden. Paulicke war Überlebender der Deportationen und bis zu seinem Tod 2007 Künstler und Bewohner der Rotenburger Werke. Doch dazu wird es nicht kommen: Der Stadtrat entschied sich mit großer Mehrheit für die Beibehaltung des Namens. „Wir haben es uns nicht leicht gemacht“, so Weber. Das Bild des Pastors Johannes Buhrfeinds bleibe ambivalent, wie es auch schon in der Debatte des Mutterhauses verlautete. Das gelte es, auszuhalten. Wie im Fall des Buhrfeindhauses soll auch das Straßenschild um eine Informationstafel mit einer kritische Auseinandersetzung über Buhrfeind ergänzt werden.

Hat sich Mecke damit gebrüstet, SA-Mitglied gewesen zu sein?

Das könnte auch im Fall des Dr.-Walter-Mecke-Damms die Lösung für die Debatte um den Namensgeber sein. Historiker Kaminsky hatte bei seinen Recherchen Meckes Bewerbungsunterlagen für das Diako gefunden. Dort ist nachzulesen, dass Mecke 1933 in die SA eingetreten war und sich als Sturmbannarzt in Göttingen, Berlin und Höxter engagierte. 1937 fing er dann im Diako an, leitete die Innere Abteilung bis zu seiner Pensionierung 1969. Die zentralen Fragen, die sich nun ergaben: Hat sich Mecke damit gebrüstet, SA-Mitglied gewesen zu sein? Warum hat er diese Tätigkeit so ausführlich im Bewerbungsschreiben erwähnt?

Bis zur Kaminsky-Studie war der Stadt, die den Weg 1999 nach Mecke benannt hatte, nichts über dessen Wirken zur NS-Zeit bekannt. Ausschlaggebend für die Benennung sei allein der Umstand gewesen, dass sich der Arzt einst so sehr für die Befestigung des Verbindungsweges vom Fasanenweg zum Klinikum stark gemacht hatte. Im Diako, sagt Matthias Richter, Vorstandsvorsitzender des Mutterhauses, erinnert heute nichts mehr an Mecke. Als Bürger der Stadt hätte er aber ein mulmiges Gefühl, wenn Teile des Lebens Meckes ausgeblendet würden. Es sollte besser aufgeklärt werden. Wie im Fall der Buhrfeindstraße könnte das passieren. Weber stellt ergänzende Angaben auf dem Straßenschild in Aussicht. Bei der Sichtung der spärlichen Akten im Diako-Archiv wären aber keine Verfehlungen Meckes zur NS-Zeit aufgefallen. Mecke sei am 15. Januar 1947 bei der Überprüfung durch das britische Militär, der Entnazifierung, in die Kategorie „negativ“ eingestuft und vom Entnazifizierungs-Hauptausschuss in Stade am 23. Januar 1949 als „entlastet“ eingestuft worden, heißt es in der Vorlage für den Planungsausschuss am 6. November. „Es wird daher festgestellt, dass der Betroffene lediglich dem Namen nach und ohne Einfluss Mitglied der NSDAP bzw. einer ihrer Gliederungen gewesen ist und den Nationalsozialismus, abgesehen von den pflichtgemäßen Mitgliedsbeiträgen, nicht unterstützt hat“, so die Dokumente. Trotzdem wird die Verwaltung in die politische Diskussion mit einem Alternativvorschlag gehen: Rodau-Wiedau-Damm. Weber selbst hält die Umbenennung allerdings nicht für notwendig.

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