Serie „Wir sind dann mal offline“

Probleme durch Handynutzung: Der Daumen ist die Achillesferse

+
Professor Detlev Hebebrand warnt vor körperlichen Folgen, die eine übermäßige Handy-Nutzung haben kann.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Schon in wenigen Stunden dürfen auch unsere elf Teilnehmer der „Offline-Woche“ wieder zum Handy greifen. Eine Woche lang hatten sich elf junge Erwachsene der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik Rotenburg in Abstinenz geübt: Handy-Verbot.

Wie es ihnen dabei ergeht, darüber berichten wir fortlaufend. Doch wenn sie jetzt wieder zum Smartphone greifen, steigt das Risiko. Bildschirmarbeit kann krank machen. Das weiß Professor Detlev Hebebrand, Chefarzt der Klinik für Plastisch-Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie sowie Handchirurgie im Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg.

Welche Auswirkungen auf den Körper hat ständige Bildschirmarbeit?

Detlev Hebebrand: Ständige Bildschirmarbeit kann insbesondere zu Haltungsschäden führen durch eine nicht ergonomische Sitzweise. Dies betrifft insbesondere die Inzidenz von Beschwerden im Bereich der Nackenmuskulatur, der Schultermuskulatur und der oberen Wirbelsäule. Nicht außer Acht zu lassen ist die starke Belastung der Augen, in der das Symptom des trockenen Auges ebenso gefördert werden kann wie klassische Fehlsichtigkeiten.

Handydaumen, entzündete Sehnen, „WhatsAppitis“, i-Phone-Schulter, Dellen am kleinen Finger: Passiert sowas wirklich durch zu viel Handynutzung?

Hebebrand: Die Seitwärts-Wischbewegungen des Daumens führen zu einer Überlastung insbesondere im Daumensattelgelenk. Hiervon sind statistisch vermehrt Frauen betroffen, da die Gelenkkonfiguration dort flacher ist. Klassische Folgen sind Sehnenentzündungen im Bereich des Daumens, früharthrotische Veränderungen, welche ohnehin auftreten, aber durch die einseitige Nutzung verstärkt werden und früher zutage treten können.

Dazu kommt die typische Haltung: Der Nacken gebeugt nach unten, die Hände am Handy – gefährlich?

Hebebrand: Durch die meist konzentrierte und nach vorn gebeugte Kopfhaltung entstehen ähnliche Überlastungen, wie sie aus der Bildschirmarbeit bekannt sind. In der Öffentlichkeit ist dies natürlich auch eine gefährliche Körperhaltung, da die Konzentration im Straßenverkehr stark eingeschränkt ist.

Wann haben Sie die ersten Patienten, die durch dauernde Handynutzung erkrankt waren, behandelt?

Hebebrand: In der Handchirurgie sehen wir seit zwei bis drei Jahren vermehrt Patienten mit Sehnenscheidenentzündungen und frühzeitig auftretende Gelenkbeschwerden im Sinne einer Rhizarthrose. In wieweit dies der dauernden Handynutzung zugeordnet werden kann, würde in einer Studie beantwortet werden müssen.

Wie beuge ich Schäden durch Handynutzung vor?

Hebebrand: Prinzipiell sollte aus handchirurgischer Sicht insbesondere die einhändige Handynutzung eingeschränkt sein. Durch wechselnde Nutzung der Finger und Vermeidung der seitlichen Wischbewegungen kann möglicherweise eine Überlastung vermieden werden. Grundsätzlich wäre insbesondere schon in den Schulen darauf hinzuweisen, welche Schäden entstehen können und in welchen Situationen eine Handynutzung gefährlich ist.

Wie erkenne ich erste Anzeichen von Problemen an den Händen?

Hebebrand: Meist treten zunächst Schwellungen oder Schmerzen in den zum Daumen assoziierten Finger auf. Taubheitsgefühle im Daumen, Zeigefinger und partiell auch Mittelfinger können ein Karpaltunnelsyndrom ankündigen. Da diese Überlastungsanzeichen aber auch bei klassischen Berufen und Erkrankungen auftreten, ist die Differenzierung nicht immer einfach.

Auch Handystrahlung wird vielfach als gefährlich bezeichnet, sogar als krebserregend. Was ist da dran?

Hebebrand: Hochfrequent genutzte Nachrichtendienste mit dem Anspruch der schnellen Beantwortung sind natürlich eine vermeidbare Überbelastung. Im Bereich der Handystrahlung ist die Studienlage absolut nicht eindeutig, sodass ein eindeutiges Belastungsrisiko, Gesundheitsrisiko oder gar Krebs induzierendes Risiko nicht isoliert werden kann.

Wie müssten Handys gebaut sein, um den Körper zu entlasten?

Hebebrand: Glaubt man den Visionären der Kommunikationsbranche, wird das Handy in acht bis zehn Jahren durch entsprechende Technik in Brillen und Uhren ersetzt werden. Dies kann natürlich eine Entlastung der Hände bedeuten. Inwiefern insgesamt Schäden und Beeinflussungen anderer Funktionen des Körpers entstehen, kann derzeit sicherlich nicht abschließend beurteilt werden.

Zur Serie

Vor der Schule, im Schulbus, auf der Straße, in der Kneipe – überall sieht man Menschen jeglichen Alters mit stierem Blick nach unten, telefonieren, schreiben („Daumenjogging“) oder Musik hören. 81 Prozent der Deutschen haben ein Smartphone. Bei jungen Leuten sind es gar 97 Prozent. 

Elf Schüler der Fachschule für Sozialpädagogik am Diakonissen-Mutterhaus haben sich bereit erklärt, bei unserem Experiment mitzumachen. Nun soll es mal eine Woche lang ohne Smartphone gehen. Was macht das mit einem? Ist das überhaupt vorstellbar? Die Teilnehmenden haben gemeinsam am Mittwoch ihre Handys abgegeben. Für eine Woche werden sie nun sicher im Tresorraum der Rotenburger Sparkasse aufbewahrt.

Teil 1: Eine Woche ohne Smartphone – Schüler im Selbstversuch

Teil 2: Das Experiment hat begonnen: Eine Woche ohne Handy

Teil 3: Der Trend geht zum „eigenen digitalen Endgerät“

Teil 4: Der Kampf ums Festnetztelefon

Teil 5: Handy-Sucht ist ein ernst zu nehmendes Problem

Teil 6: „Mama, mach mal das Handy aus“

Teil 8: Sozialpädagogik-Schülerinnen haben ihre Handys zurück

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Diese Dinge sollten Sie schleunigst aus Ihrem Wohnzimmer entfernen

Diese Dinge sollten Sie schleunigst aus Ihrem Wohnzimmer entfernen

Deichbrand-Festival: Party am Freitag

Deichbrand-Festival: Party am Freitag

Fotostrecke: Werder verliert Testkick gegen Köln

Fotostrecke: Werder verliert Testkick gegen Köln

Deichbrand Festival am Freitag: Beste Stimmung unter den Festivalisten

Deichbrand Festival am Freitag: Beste Stimmung unter den Festivalisten

Meistgelesene Artikel

Schwerer Unfall auf der A1 bei Sittensen: Kollision mit sieben Fahrzeugen

Schwerer Unfall auf der A1 bei Sittensen: Kollision mit sieben Fahrzeugen

Diakonieklinikum feiert Richtfest der interdisziplinären Komfortstation

Diakonieklinikum feiert Richtfest der interdisziplinären Komfortstation

Mike Lünsmann: Der Mann im Hintergrund

Mike Lünsmann: Der Mann im Hintergrund

Verlosung: Vier Gratis-Tickets fürs Ferdinands Feld Festival

Verlosung: Vier Gratis-Tickets fürs Ferdinands Feld Festival

Kommentare