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Dauerthema Wolf: Experten sehen Jagdrecht nicht als Lösung

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Von: Judith Tausendfreund

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Ein Wolf im Gehege
Wölfe sind auch in der wieder Region heimisch geworden – und das nicht nur hinter Zäunen im Wolfscenter Dörverden, sondern auch in der freien Natur. Das sorgt weiter für Konflikte. © imao images/chromorange

Muss der Wolf ins Jagdrecht? Darüber streiten die Experten noch. Fakt ist: Er ist zurück. Offen ist: Wie gefährlich ist das?

Rotenburg – Wölfe werden ab und an gesichtet. Sie sind aber vor allem auch in den Medien präsent. Mal in Form von Zeitungsberichten, zuletzt etwa aufgrund der Ereignisse im Nachbarlandkreis Cuxhaven. Dort rissen die Tiere eine Schafsherde, auch trat der dortige Wolfsberater zurück. Auch die sozialen Medien sind ein Ort, an denen sich viele Wölfe tummeln.

So wurde vor längerer Zeit mal ein Wolf gefilmt, der aufgeschreckt durch eine Treibjagd, durch ein Dorf lief und dabei gefilmt wurde. Auch Fotoaufnahmen oder andere Beobachtungen sorgen gerne für aufgebrachte Diskussionen. Und während die einen es als Glück bezeichnen, dass sie einen Wolf oder gar mehrere sehen konnten, sind die anderen entsetzt – die Meinungen sind geteilt. Das Thema polarisiert.

Landwirtschaftskammer übernimmt Aufgaben

Zwar ist das alles für die Menschen im Landkreis nicht neu, aktuell ist aber die Diskussion, ob die Wölfe in das Jagdrecht aufgenommen werden sollen. Aktuell ist eine strukturelle Änderung: Zum 1. Februar hin werden es nicht mehr die ehrenamtlichen Wolfsberater sein, sondern die Mitarbeiter der Landwirtschaftskammern, die rausfahren, wenn der Verdacht eines Wolfsrisses vorliegt.

Der Rotenburger Wolfsberater Jürgen Cassier beschäftigt sich schon seit acht Jahren mit den Tieren und hat einen guten Überblick zur Wolfssituation im Landkreis. Unabhängig von der anstehenden Änderung will er weiter aktiv sein, vor allem auch weiter sachlich aufklären. „Seit 2013 beschäftige ich mich mit den Wölfen hier, 2017 konnte ich den ersten Wolf sehen“, berichtet er und man hört, dass er nach wie vor fasziniert ist.

Überrascht von der schnellen Entwicklung

„Vor allem die wildbiologische Fragestellung interessiert mich: Wie lebt der Wolf hier, wie kommt er klar?“, führt Cassier aus. Rückblickend gibt er zu, dass niemand damit gerechnet habe, dass die Tiere sich so schnell hier etablieren und verbreiten – schließlich galt der Wolf lange als ausgerottet in Deutschland. Ganz schnell gewachsen ist, so schildert er es, auch das Ausmaß an Konflikten, die es zwischen Wolfsgegnern und Befürwortern auszuhalten gilt. „Ich versuche immer, sachliche Diskussionen zu führen“, so der Berater. Er sei schon oft angefeindet worden, habe aber ein dickes Fell.

Jürgen Cassier mit seinem Dackel Apollo – gemeinsam haben die beiden schon einige Fährten aufgespürt.
Jürgen Cassier mit seinem Dackel Apollo – gemeinsam haben die beiden schon einige Fährten aufgespürt. © jtb

Die Frage, ob der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen werden solle, müsse auch sachlich geführt werden. Bislang unterliegt der Wolf in Niedersachsen dem Naturschutzrecht, „und das sollte auch so bleiben“, so Cassiers Einschätzung. Die Probleme seien durch die Änderung nicht zu lösen. Bislang werde oft gesagt, es gebe zu viele Wölfe, das müsse reguliert werden. Also muss der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen werden und dann höre die Diskussion auf. „Das ist aber viel zu einfach gedacht, die Aspekte sind vielfältig“, so Cassier. Er plädiert dafür, dass man ein Forum findet, um miteinander zu diskutieren. „Man könnte das ähnlich aufsetzen wie den Niedersächsischen Weg, damit alle Beteiligten gemeinsam Lösungen finden.“ Jäger, aber auch alle anderen sollten unbedingt weiter Meldungen machen, „jedes Tier muss dokumentiert werden“.

Jagdrecht heißt nicht Schießrecht, ein Jäger muss sich in erster Linie kümmern, nicht schießen.

Marco Soltau, Vorsitzender der Jägerschaft Rotenburg

Auch Marco Soltau, Berufsjäger und Vorsitzender der Jägerschaft Rotenburg, ist tief im Thema. Eine Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht sieht er ebenfalls nicht als Lösung für die vorhandenen Probleme, also etwa die Risse von Nutztieren, die ja belegbar vorkommen, an. „Der Wolf hat eine Daseinsberechtigung“, so Soltau. Eine Aufnahme ins Jagdrecht führe noch lange nicht dazu, dass der Wolf geschossen werden dürfe. Auch der Fischotter sei im Jagdrecht oder etwa der Seeadler, erklärt er. Diese Arten würden durch das Jagdrecht geschützt, sie würden aber nicht geschossen werden. Er verweist, ebenso wie auch Cassier, auf das europäische Recht. Dieses wiederum schütze vernetzte Populationen.

Beide Fachleute begrüßen, dass über die Wölfe gesprochen wird, auch in der Öffentlichkeit. „Man kann das Thema nicht totschweigen, die Probleme werden nicht geringer“, sagt zum Beispiel Soltau. Die Wolfspopulation im Landkreis Rotenburg bewege sich und werde dabei immer mal gesehen. „Sie wird aber auch ein Stück Normalität“, erklärt er weiter. Er benennt drei Rudel, die im Landkreis bekannt sind. Ein Zuwachs sei bislang nicht bestätigt. „Die Wölfe müssen sich ernähren, und sie gehen immer dorthin, wo sie eine hohe Wilddichte finden“, so der Fachmann.

Auch der Goldschakal wird heimisch

Beide, Soltau und Cassier, wissen, dass es –in anderen Landkreisen – Wolfsrudel gibt, die sich auf Nutztiere spezialisiert haben, etwa auf Pferde oder Schafe. „Dennoch hat der Wolf seine Daseinsberechtigung und seine ökologische Funktion“, so Soltau. Grundsätzlich sei man in Niedersachsen schon recht fortschrittlich im Umgang mit den Tieren – im Rahmen der jetzt vorhandenen rechtlichen Möglichkeiten könne man im schlimmsten Falle einen Problemwolf schießen. „Aber Jagdrecht heißt nicht Schießrecht, ein Jäger muss sich in erster Linie kümmern, nicht schießen.“

Schwierig findet Soltau den nach seinen Beobachtungen vorhandenen Wolfstourismus: „Manche setzten sich ins Auto und suchen die Tiere.“ Auch er plädiert weiter vor allen für Information und Aufklärung. „Es gibt hier auch den Goldschakal, das wissen aber viele nicht“, schildert der Jäger ein weiteres Beispiel für den Aufklärungsbedarf.

Hintergrund

Fachleute unterscheiden Stufen von Wolfs-Nachweisen: Ein C1-Nachweis ist ein eindeutiger Nachweis, zum Beispiel durch DNA-Ergebnisse und Fotos. Der C2-Nachweis wird zum Beispiel durch Risse, die wiederum durch einen Wolfsberater bestätigt wurden, geführt. Laut Angaben von Jürgen Cassier gab es 2020 zehn nachgewiesene Nutztierrisse. 2021 sind es drei nachgewiesene und vier weitere, die noch überprüft werden. In ganz Niedersachsen wurden im dritten Quartal 2021 etwa 500 C1-Nachweise, überwiegend durch Fotofallen, erbracht. Im Landkreis sind Wölfe in Gnarrenburg, Rotenburg, Scheeßel und Visselhövede bestätigt. 

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