Wümme und Oste werden Naturschutzgebiete

Das Paket ist geschnürt

Die Wümmeniederung wird Naturschutzgebiet – Ängste vor zu großen Verboten bleiben. 
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Die Wümmeniederung wird Naturschutzgebiet – Ängste vor zu großen Verboten bleiben. Foto: Menker
  • Michael Krüger
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Rotenburg – Stundenlang diskutiert die Kreispolitik über einzelne Weiden, über Landwirte, die nicht mehr Düngen dürfen wie gewohnt, über Flora und Fauna, die leiden. Wenn es um FFH-Gebiete geht, die der Landkreis nach EU-Vorgaben nun endlich hoheitlich als Naturschutzgebiete sichern muss, geht es oft hoch und hitzig her – allzu groß sind die jeweiligen persönlichen Interessen. An diesem Donnerstagvormittag jedoch nicht. Überraschend.

Es steht im Rotenburger Kreishaus im Ausschuss für Umwelt und Planung ein „gewaltiges Paket“ auf der Tagesordnung, wie es CDU-Fraktionschef Marco Prietz formuliert, die größte Maßnahme dieser Art, es geht um die Niederungen von Wümme und Oste. Manch einer vergleicht das Vertragswerk mit der jahrelangen Detailarbeit am Regionalen Raumordnungsprogramm. Es geht um gut drei Prozent der Kreisfläche, die als offizielles Schutzgebiet hinzukommt, zusammen fast 5 600 Hektar. Politisch aber scheint mittlerweile alles gesagt: Aus der befürchteten Mammutsitzung wird eine knapp zweistündige getragene Redestunde. Statt größere inhaltliche Debatten zu führen, wird vor allem die Arbeit der Unteren Naturschutzbehörde gelobt.

Offensichtlich hat die beim Ausgleich der Interessen viel geleistet. Landrat Hermann Luttmann (CDU) betont in seinen grundsätzlichen Worten, dass man „Naturschutz mit und nicht gegen die Landwirte“ machen wolle. Flächenbesitzer müssten Verständnis dafür aufbringen, dass der Landkreis Vorgaben der EU und des Landes umsetzen muss. „Ich bin zuversichtlich, dass wir mit diesem Kompromiss diese erfüllen“, sagt Luttmann. Sein Parteifreund und möglicher Nachfolger im Kreis der Ausschussmitglieder, Marco Prietz, nimmt an diesem Donnerstagvormittag auch mehrfach das Wort „Kompromiss“ in den Mund – einer, der auch aus Konflikten entstanden sei. Prietz: „Nur so können wir einen gemeinsamen Weg finden.“

Tatsächlich stimmen letztlich alle Ausschussmitglieder für die Schutzgebietsausweisungen. Bemerkenswert ist das, weil die SPD eigentlich eine Ergänzung ausbremsen will, die der Landrat selbst erst am Vortag eingebracht hatte. Nach Gesprächen mit Landwirten und auch Naturschützern weicht Luttmann darin das Mähverbot an Gewässerrandstreifen auf. Zulässig ist demzufolge nunmehr an Oste wie Wümme „eine einmalige Pflegemahd der über einen Meter hinausgehenden Uferrandstreifen nicht vor dem 15. Juli eines Jahres“. Stritt man sich bei anderen, viel kleineren Schutzgebieten in den Vorjahren noch viel mehr um Abstände der Bewirtschaftung und des Mähens von Gewässern, gibt es nun kaum Kritik. Die SPD will zwar lieber Ausnahmen statt genereller Erlaubnisse, ist am Ende aber doch einverstanden. Einfluss darauf dürften die jüngsten Äußerungen des Nabu haben, denen sich auch die Kreisnaturschutzbeauftragte Christiane Looks im Ausschuss ausdrücklich anschließt. Die Uferbereiche an Oste und Wümme seien 20 Jahre nach der Ausweisung als FFH-Gebiete oftmals in „katastrophalem Zustand“, sagt sie. Dem begegnen könne man aber nicht, indem man einen breiten Schutzstreifen sich selbst überlasse. „Die Wildnistheorie zieht nicht“, sagt Looks. „So viele Wasserbüffel können wir gar nicht ansiedeln, die sich da wieder durchfressen.“ Um artenreiches Grünland zu erhalten oder wieder zu gewinnen, müsse es bewirtschaftet werden. Und dazu gehöre die Mahd einmal im Jahr – mit dem entsprechenden Schutzstreifen am direkten Ufer.

Sich dieser Unterstützung bewusst, sagt dann auch der Landrat, er haben „kein schlechtes Gewissen“, die Verordnung entsprechend zu ändern. „Es gibt nicht einen, sondern mehrere Wege.“ Und: „Ein generelles Mähverbot ist nicht alternativlos.“

In den Beschluss für den Kreistag, der am 15. Juli abschließend entscheidet, fließen auch sechs Ergänzungen der Mehrheitsgruppe von CDU, WFB und FDP. Diese sollen als „Signal nach außen“ verstanden werden, so Prietz – inhaltlich werden Punkte der konkreten Verordnung nochmals aufgenommen. So sollen unter anderem traditionelle Veranstaltungen der örtlichen Gemeinschaften wie Tauffeste und Umweltbildungsmaßnahmen im Schutzgebiet weiter möglich sein. Auch erhält die Verwaltung politische Rückendeckung dafür, mit den Grundstückseigentümern entlang der Flüsse individuelle Lösungen zu finden, wenn es zum Beispiel um die Wiederanlegung von Biotopen geht – anstatt sich an starres Kartenmaterial der Verordnung halten zu müssen. Und die Managementpläne für Naturschutzgebiete sollen kontinuierlich auch öffentlich im Umweltausschuss vorgestellt werden.

Widerspruch gibt es im Kreishaus nunmehr keinen. Ob das die Kommunen ähnlich sehen, bleibt abzuwarten. Rotenburg hatte beispielsweise kritisiert, dass die Ausweisung zentralen innerstädtischen Entwicklungszielen widerspricht – die Wümme läuft direkt durch die Kreisstadt, es entstünden „drei Stadtteile, die durch Grünzäsuren voneinander getrennt werden“. Dazu heißt es in der Abwägung des Landkreises: „Es wird bezweifelt, dass eine städtebauliche Notwendigkeit für die Entwicklung in die Wümmeniederung hinein besteht.“

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